Ein Heftchen mit dem Titel Empört euch! , für drei Euro pro Stück verkauft, ist derzeit der Renner in Frankreichs Buchläden und einigen Supermärkten. Die Auflage nähert sich der Million. Den Aufsatz, umgerechnet eineinhalb ZEIT -Seiten lang, hat Stéphane Hessel geschrieben, ein 93-jähriger Veteran der Résistance. Der temperamentvolle Greis wiederholt darin, was er in öffentlichen Auftritten lächelnd, mit entwaffnender Fröhlichkeit und, man muss es staunend feststellen, sprühendem Elan in einer Weise vertritt, dass ihn Jung und Alt anhimmeln: nämlich dass keine Macht und kein Gott dem Individuum die Verantwortung abnehmen, sich zu engagieren.

Hessel bezieht sich auf Sartre, den er 1939 in Paris kennengelernt hatte: Jeder ist, als Einzelner, verantwortlich. Und erst im Engagement schafft sich das Individuum selbst. Hessel fährt fort: "Die schlimmste aller Haltungen ist die Indifferenz, ist zu sagen: ›Ich kann für nichts, ich wurschtel mich durch.‹ Wenn ihr euch so verhaltet, verliert ihr eine der essenziellen Eigenschaften, die den Menschen ausmachen: die Fähigkeit, sich zu empören, und das Engagement, das daraus folgt."

In seinem langen Leben habe es nie an Anlässen gefehlt, sich zu empören, schreibt Hessel; in seinen jungen Jahren waren es der Nationalsozialismus und die Besetzung durch die Deutschen. Was wären heute, wo alles komplizierter geworden sei, die Anlässe? "Suchet und ihr werdet finden", doch um die Suche seinen Lesern leichter zu machen, schreibt Hessel auch gleich auf, was ihn heute empört. Die Diskriminierung der Roma und der Immigranten. Der Gegensatz von Reich und Arm. Die Macht der Finanzmärkte.

Das ist alles recht grob geschnitzt, stellenweise falsch, trifft aber einen Nerv im Land der Égalité. Sowohl die revolutionäre als auch die katholische Tradition Frankreichs stellen den Reichtum unter Dauerverdacht, beiden ist auch die Parteinahme für den bedürftigen Fremden eigen. Selbst die Regierungspartei UMP hat es in ihren eigenen Reihen mit einer linkskatholischen Strömung zu tun, die sich an der Migrationspolitik Sarkozys reibt und ebenso an der Nähe zu den Reichen im Lande.

Frankreichs Empörungspotenzial ist von anderem Kaliber als die latente Hysterie, die deutsche Bürger gegen Bahnhofsplanungen zum "Widerstand" aufrufen lässt. In unserem Nachbarland sagen Protestierende oft von sich, sie seien en colère, also wütend, aber anders als der deutsche Wutbürger sehen sie sich getragen von einer historischen Unterströmung. Seit der Zeit der Fronde in der Mitte des 17. Jahrhunderts hat das Volk alle paar Jahrzehnte mit Straßenschlachten und Aufständen den Mächtigen gezeigt, dass ihre Dominanz nicht selbstverständlich ist.

Dann kam der Einschnitt von 1940, das Versagen der französischen Eliten vor den Nazis. Das hätte, so will es die heutige Geschichtsdeutung, den Austritt Frankreichs aus der Geschichte bedeutet, wenn nicht General de Gaulle jene Empörten von ganz links bis ganz rechts zum Widerstand zusammengeführt hätte. Sie einigten sich auf ein Programm für Frankreichs Zukunft, an das Hessels Aufsatz erinnert: Sozialstaat, Rechtsstaat, Demokratie, Pressefreiheit – und alles das sei jetzt in Gefahr, weshalb wieder die Zeit des Widerstands gekommen sei.

 

Die Botschaft kommt an. Das überrascht nicht unbedingt. War nicht kurz zuvor ein schmaler Band begehrt, der vom "kommenden Aufstand" sprach? Und davor ein Essay des schwer verständlichen Philosophen Alain Badiou über die Zukunft des Kommunismus? Zurzeit hat das im Sommer uraufgeführte Theaterstück My secret garden des deutschen Dramatikers Falk Richter Tourneerfolg: ein antikapitalistisches Zornstück sondergleichen (und bisher nur auf Französisch existent). Das alles ist Lichtjahre vom Zynismus eines Michel Houellebecq entfernt. Wo dieser angesichts der Gegenwartskrisen kalt und kälter schreibt, fachen die neuen Kritiker des Bestehenden eine Hitze an, die an Jean Paul Marat denken lässt, den radikalen Jakobiner. Das muss wohl auch Stéphane Hessel gemerkt haben, der am Schluss seines Artikels den strikt gewaltfreien Aufstand predigt – was immer das sein soll.

Der Erfolg der Broschüre speist sich freilich noch aus anderer Quelle. Hessel, den die Nazis gefoltert und in Buchenwald gequält hatten, erlaubt sich Äußerungen über Israel, die weniger Untadelige nur allzu gerne hören. Gegen den Judenstaat ist ihm sogar Hamas recht, die er in einen verhinderten Pazifistenverein umdefiniert: "Ich weiß, dass die Hamas, die die jüngsten Wahlen gewonnen hat, nicht vermeiden konnte, dass als Antwort auf die Situation der Blockade und Isolierung, in der sich die Gazabewohner befinden, Raketen auf israelische Städte abgeschossen wurden." Dass Hessel sich dagegen empöre, dass Israel das einzige Land im Nahen Osten ist, dessen Existenzrecht infrage gestellt wird, davon ist hingegen nichts bekannt.

Jeder soll Partei ergreifen, diese frohe Botschaft verkündet Hessel bei seinen öffentlichen Auftritten, aber das Beispiel zeigt, wohin es führt, wenn die Entscheidung für das Engagement dem Nachdenken vorausgeht. Ein interessanter Fall ist auch Hessels Äußerung "...dass die Juden ihrerseits Kriegsverbrechen verüben können, ist unerträglich". Nun, Kriegsverbrechen sind immer unerträglich, egal, wer sie begeht. Und nicht etwa schlimmer, wenn die Täter Juden sind.

Woran sich die klassische Frage knüpft, ob solche Sätze auch nach der Person beurteilt werden müssen, die sie schreibt. Wenn im Fall Hessel daran erinnert werden muss, dass es eben keine kontextfreien Botschaften gibt, dann aber auch daran, dass der gleiche Autor im Sommer 2010 zum Boykott israelischer Waren aufgerufen hatte.

Stéphane Hessel: "Indignez-vous!" Indigène éditions; 28 S., 3€