Über 100 Millionen Hühner werden in Deutschland gehalten, 27 Millionen Schweine und 13 Millionen Rinder, und an allen verdient die Futtermittelindustrie. Die Landwirte produzieren nur etwa zwei Drittel ihres Futters auf den eigenen Feldern. Knapp 30 Prozent kaufen sie als speziell zusammengemischtes Fertigfutter zu, für etwa 7,5 Milliarden Euro. Vor allem in der industriellen Tierhaltung hat dieses Mischfutter eine große Bedeutung, denn um Hühner oder Schweine innerhalb kürzester Zeit auf Schlachtgewicht zu mästen, braucht man eiweiß- und energiereiches Hochleistungsfutter.

Was in dieses Futter darf und was nicht, regeln gleich mehrere europäische Verordnungen über Futtermittel, Futtermittelhygiene und tierische Nebenprodukte sowie das nationale Lebensmittel- und Futtermittelgesetzbuch. Seit 2005 sind Futtermittel verboten, welche die Gesundheit von Tieren und Menschen beeinträchtigen können. Sogar Stoffe, die den Naturhaushalt schädigen könnten, dürfen nicht verfüttert werden.

Was tatsächlich enthalten sein darf, wurde allerdings nicht aufgelistet. Eine sogenannte Positivliste gibt es also nicht. Das Futtermittelgesetz legt nur fest, dass Höchstgrenzen für unerwünschte Stoffe und Rückstände nicht überschritten werden dürfen. Wie die Futtermittelhersteller das sicherstellen, ist ihnen selbst überlassen. Eine Verpflichtung, regelmäßig Proben zu nehmen, gibt es nicht.

Kot und Urin sind immerhin verbotene Inhaltsstoffe

Der Anhang III der EU-Futtermittelverordnung aus dem Jahr 2009 listet immerhin ausdrücklich verbotene Inhaltsstoffe auf: Kot, Urin, Gerbstoffe, mit Holzschutzmitteln behandeltes Holz und fester Siedlungsmüll. "Dass man so etwas überhaupt in ein Gesetz schreiben muss, sagt alles über diese Branche", so Eckehard Niemann, der Sprecher der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, AbL. Die Futtermittelindustrie mische eine Unzahl von oftmals zweifelhaften Komponenten zusammen und sei wegen der verschlungenen Wege dieser chemischen Zutaten kaum noch kontrollierbar. Niemann: "Offenbar werden chemische Reststoffe dem Futter beigemengt, um Entsorgungskosten zu sparen."

Das ist noch nicht einmal verboten – solange dabei keine Höchstwerte etwa für Dioxin oder Pflanzenschutzmittelrückstände überschritten werden. Genau diesen Punkt halten Kritiker für eine Schwäche der nationalen und europäischen Gesetzgebung.

Das Vermengen vieler Stoffe aus unterschiedlicher Herkunft ist auch deshalb so gefährlich, weil eine kleine Menge verseuchter Rohstoffe große Mengen Futter kontaminieren können, wie der jüngste Dioxinskandal zeigt. Martin Hofstetter, der Agrarexperte von Greenpeace, hat ausgerechnet, dass die jetzt entdeckten 150.000 Tonnen dioxinbelastetes Futter ausreichen, um eine halbe Milliarde Eier zu verseuchen.

Ein einziger Zulieferer kann also eine große Wirkung haben – und gegen eine solche Gefahr richten vermutlich auch mehr Kontrollen nichts aus – zu komplex sind die Stoffströme aus allen Ländern der Welt und den unterschiedlichen Produktionsverfahren.

 20.000 Euro Buße wirken nicht gerade abschreckend

In Deutschland gibt es einige Tausend Mischfutterwerke und Zulieferer von Vorprodukten. Allerdings stammt fast die Hälfte der gesamten Produktion nur aus 31 Futterwerken, angeführt von der Deutschen Tiernahrung Cremer und der Agrarvis Raiffeisen AG, die aus den landwirtschaftlichen Genossenschaften entstanden ist. Spezielle Mischfettproduzenten wie die Firma Harles und Jentzsch in Uetersen, die im Zentrum des jüngsten Skandals steht, gibt es nur wenige.

Die Zahl der Zulieferer kann nur geschätzt werden. Zu ihnen gehören Zehntausende von Landwirten, Getreidehändler und Ölmühlen, aber auch Betriebe aus der Lebensmittelindustrie: Zuckerraffinerien, die Melasse verkaufen, Brauereien mit Biertreber, Stärkefabriken mit Maiskeimschrot, Fruchtsafthersteller mit Zitruspellets und eben industrielle Ethanolproduzenten. Liefern darf jeder, der bei den Länderbehörden als Futtermittellieferant registriert ist. In Niedersachsen, wo mehr als 40 Prozent des Mischfutters hergestellt werden, gibt es etwa 50.000 solcher Betriebe, Speditionen und Transporteure eingeschlossen.

Es ist einfach, sich als Futtermittelzulieferer registrieren zu lassen: "Man muss anzeigen, was für eine Tätigkeit man ausübt und dass man die futterrechtlichen Vorschriften einhält", erläutert Eberhard Haunhorst, Präsident des Niedersächsischen Amtes für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg (Laves). Die Behörde gehe davon aus, dass diese Angaben richtig seien, und kontrolliere nicht jeden einzelnen Betrieb. Das sei eine Schwachstelle, aber bei 50.000 Firmen gehe das nicht einzeln.

Anders die Mischfutterwerke: Die müssen ihre "Sachkunde und Zuverlässigkeit" nachweisen und werden "mit großem Aufwand" überwacht. "Je nach Risiko mindestens ein bis viermal im Jahr." Die Futtermittelkontrolleure erscheinen unangemeldet, nehmen Proben aus Lagern und Säcken und prüfen die Buchhaltung. Das niedersächsische Laves hat 2009 rund 2200 Betriebe besucht und 18 Prozent der Mischfutterkontrollen beanstandet. Die Gründe: ungenaue Deklarationen, Überschreitungen von Höchstgehalten, zum Beispiel von Arsen oder Cadmium, der Nachweis von Salmonellen oder unerlaubten Stoffen wie Penicillin. Gleich 72-mal haben die Futtermitteldetektive ein Arzneimittel gegen eine Hühnerseuche entdeckt, davon 16-mal über dem Grenzwert, 48-mal haben sie unerlaubte gentechnisch veränderte Organismen aufgespürt.

Die Überwachungsämter können Verwarn- und Bußgelder verhängen. Theoretisch drohen bei schweren Verstößen Gefängnisstrafen bis zu drei Jahren. Doch dass tatsächlich ein Verantwortlicher eine Haftstrafe antritt, kam bislang so gut wie nicht vor. Im Jahr 2010 übergab das Laves gar keine Fälle an die Staatsanwalt. Das höchste Bußgeld lag bei 20.000 Euro – eine Summe, die nicht gerade abschreckend wirkt.

"Höhere Bußgelder würden wenig bringen", sagt Eberhard Haunhorst vom Laves. Vor Gericht kommt es nämlich oft zu Vergleichen. Für wirkungsvoller hält er mehr Transparenz: Müssten die Behörden die Namen der beanstandeten Unternehmen veröffentlichen, könnten die es sich kaum noch leisten, risikoreiche Rohwaren einzukaufen.

Doch ausgerechnet das Verbraucherinformationsgesetz verhindert das: Wenn nicht unmittelbare Gefahr droht, dürfen die Behörden die Namen der betroffenen Unternehmen nur auf Anfrage und nach deren Anhörung nennen – das bedeutet für die Öffentlichkeit: Sie muss monatelang auf Informationen warten. Eigentlich sollte das Qualitätssicherungssystem QS, das die Agrar- und Lebensmittelbranche als freiwilliges Kontrollsystem nach den BSE-Skandalen entwickelt hat, den Handel mit umstrittenen Produkten unbekannter Herkunft und Zusammensetzung verhindern. Es basiert auf freiwilligen Eigenkontrollen und hat sogar eine Positivliste für Inhaltsstoffe mit höheren Standards als die EU-Vorgaben entwickelt. Aber auch diese Liste erlaubt die Zugabe von Raffinationsfettsäuren von pflanzlichen oder tierischen Fetten.

Wirkungsvoller wären eine strengere und verbindliche Positivliste und die Wiedereinführung der offenen Deklaration der Inhaltsstoffe auf den Futtermittelsäcken: Ursprünglich mussten die Hersteller exakte Angaben über alle Futterbestandteile machen, doch diese Verpflichtung wurde gekippt – auf Druck der Branche. Seitdem wissen die Landwirte nicht mehr, womit sie ihre Tiere füttern. Den Schaden tragen sie trotzdem.