Wanderwege Mit dem Klemmbrett ins Unterholz

TÜV-Abnahme für den Waldsaumweg – der Berufswanderer Manuel Andrack war mit einem Experten unterwegs.

Der Waldsaumweg im Saarland muss zum TÜV. Die Gültigkeit der Plakette ist abgelaufen, da muss eine neue her, da kann man nichts machen. Aber der Waldsaumweg kommt nur durch den TÜV, wenn auch alles okay ist. Markierung, tolle Ausblicke, wenig Asphaltwege.

Ich wandere mit Klaus Erber vom Deutschen Wanderinstitut durch das Nordsaarland. Klaus Erber ist Zertifizierer von Wanderwegen. So etwas gibt es, Wanderwegzertifizierer. Zu seinem Arbeitsgerät zählen ein Klemmbrett, ein GPS-Gerät, eine Digitalkamera. Der Waldsaumweg zwischen Merzig und Losheim am See wurde von ihm vor drei Jahren geprüft und trug seitdem das Prädikat »Premiumweg«. Nun ist die Gültigkeit des »Wandersiegels« abgelaufen, und es muss »nachzertifiziert« werden. Denn es könnte sein, dass der Weg nicht nachhaltig gepflegt wurde, dass Markierungen fehlen, dass Ausblicke zugewachsen sind, dass naturbelassene Forstwege asphaltiert wurden. Dann wird tatsächlich das Prädikatssiegel »Premiumweg« aberkannt. Das ist schon vorgekommen.

Anzeige

Klaus Erber sieht so aus, als machten ihm Wind und Wetter nichts aus. Er lässt sich davon auch nicht beeinflussen wie vielleicht ein Gelegenheitswanderer. Er ist ganz klar Profi, und aus einer Schlechtwetterlaune heraus miserable Noten zu geben kommt bei ihm nicht infrage. Man muss allerdings einschränken: Bei Nebel und Starkregen kann er nicht zertifizieren, dann sind die Landschaft und vor allem die Ausblicke nicht zu beurteilen. Seit sechs Jahren ist Herr Erber Zertifizierer. Es ist nicht so, dass es in Deutschland viele davon gibt. Beim Deutschen Wanderinstitut gibt es außer ihm noch genau einen, das war’s. Ein anerkannter Ausbildungsberuf wird der Wanderwegzertifizierer so nie.

Das Buch ist im Berliner Taschenbuch Verlag erschienen. Es kostet 9,95 €, ISBN 3833307137

Das Buch ist im Berliner Taschenbuch Verlag erschienen. Es kostet 9,95 €, ISBN 3833307137

Es sind die Wandervereine, die sich über das Wanderinstitut aufregen. Die fragen sich, ob denn die Wanderwege, die sie seit Jahrzehnten, Jahrhunderten, Jahrtausenden pflegen und markieren, etwa nicht »schön« seien. Ob ihre Wandervereinswanderwege nicht gut genug seien, um das tolle Wandersiegel zu bekommen. Doch, sagt Klaus Erber, viele Wege der Wandervereine seien toll, andere wiederum nicht, es habe da eben lange keine Kriterien gegeben. Die Wanderwege der Vereine seien für Wanderer gemacht, die im Zweifelsfall ihr Revier wie ihre Westentasche kennen. Premiumwege dagegen sind touristische Marketinginstrumente, mit denen für eine Region geworben werden soll. Und um damit zu werben, müssen sie verlässliche Qualitätskriterien erfüllen, die nachprüfbar sind. So einfach ist das.

»Immer diese Wüstenrot-Warzen«, schimpft Herr Ebert

Der Zertifizierer bleibt stehen, schaut auf seine Unterlagen auf dem Klemmbrett, schaut zwischen zwei Bäumen hindurch, schaut hinter sich, geht zehn Meter zurück, schaut vor, schaut zurück. Das alles erinnert an eine Choreografie, einen Breakdance, einen seltsamen Ritus. Wir sind gerade mal 500 Meter gegangen. Alles recht unspektakulär, ein »Nullweg«, jenseits von Gut und Böse. Ich zücke mein Vokabelheft Deutsch – Zertifizierersprache und notiere in Schönschrift: »Nullweg«. Erklärung: Man kann nichts Positives sagen, aber es gibt auch keine Punktabzüge. Null mal null bleibt null.

Zurückgegangen ist der Zertifizierer, weil er schauen wollte, ob die letzte Markierung von beiden Wegrichtungen aus zu erkennen war. Und zwischen den Bäumen hat er besonders intensiv hindurchgeschaut, weil das letzte Mal, vor drei Jahren, keine Zwischen-den-Bäumen-Zwischenräume existierten. Hä? Es habe hier nichts zu sehen gegeben. Aber inzwischen seien Sträucher entfernt worden, sodass man nun auch zwischen den Bäumen hindurchschauen könne. Und wenn das so ist, sagt Herr Erber, fühlt sich der Wanderer gut. Dafür vergibt er Extrapunkte. »Wanderwegoptimierung« heißt der Fachterminus.

Das beeindruckt mich, ebenso, dass er sich, obwohl er an die hundert Wanderwege im Jahr geht, noch genau an diese Stelle erinnern kann und daran, wie sie vor drei Jahren ausgesehen hat. Ist Klaus Erber ein Fall für Wetten, dass...?? Nun, ein gutes Gedächtnis braucht es schon, aber er hat sich auch vorbereitet und die Digitalfotos der Erstaufnahme noch einmal angeschaut. Und da war an dieser Stelle eben noch Strauchwerk.

Leser-Kommentare
  1. Bewerten, messen, Zahlen vergeben, Durchschnitt bilden, einordnen, katalogisieren...

    Naja, eigentlich bin ich froh drum. Dann tummeln sich zunehmend alle Wanderer auf den zertifizierten Premiumwanderwegen und ich habe irgendwo wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen meine Ruhe und gänzlich unzertifizierte Naturerlebnisse.

  2. Da krame ich doch lieber meine Wanderkarten und den Kompass raus. Wasser, Wurst und Brot in den Rucksack und dann geht es los unter Vermeidung von "Luxsuswanderwegen".

    Für was für ein Publikum werden solche Projekte denn eigentlich entwickelt, für den Club UHU (Unter Hundert)?

    Eine Leser-Empfehlung
    • MNDoil
    • 31.01.2011 um 17:29 Uhr

    Herrlicher Artikel!
    Solange es "Wanderwegzertifizierer" gibt, hat sich Deutschland noch nicht abgeschafft.

  3. 4. tjaja

    Im benachbarten Ausland spottet man bereits über die TÜV-verliebten Deutschen. Ein Wunder, dass sich die Deutschen überhaupt noch getrauen zu atmen - schliesslich ist die Luft vielerorts noch nicht TÜV-geprüft.

    • atoato
    • 31.01.2011 um 20:41 Uhr

    Bitte verschonen sie mich mit solche unqualifizierten Kommentaren. Wir Schweizer sollten zum Thema Kontrollwut sehr sehr still sein.

    Und sprechen Sie in Zukunft für sich, nicht für alle europäische Nachbarn Deutschlands. Ist doch etwas anmassend.

  4. Guter Artikel, der weit mehr über einen Teil des deutschen Wesens sagt als über das Wandern.
    Meine Geschichte dazu: Ich geriet aus Zufall vor ein paar Jahren mit Freunden auf einen "Qualitätswanderweg", eine Bezeichnung, die ich damals schon befremdlich fand. Noch befremdlicher wurde es dann, als uns mitten im Wald, reiner Wanderweg, weicher Waldboden ein Mensch begegnete, dessen Aufgabe es offensichtlich war, den schönen Qualitätswanderwegswaldboden mit einem Besen vom trockenen Herbstlaub zu befreien, das asoziale Bäume rücksichtslos auf den Weg geworfen hatten.

    Eine Leser-Empfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service