Auch ich war einst nur ein Leser der Wikipedia und zapfte ihr Wissen wie Wasser aus einem Hahn. Dann stolperte ich über einen kleinen Fehler und entdeckte den Knopf »Bearbeiten«. Der steht in eckigen Klammern hinter jeder Kapitelüberschrift und lädt jedermann zur Mitarbeit ein. Ich klickte drauf und fing an, ein paar Stilblüten zu jäten. Und noch ein paar. Mir wurde klar, dass jemand für dieses ganze Wissen arbeiten muss. »Aber warum du?«, fragte meine Freundin.

Vor fünf Jahren wurde ich Benutzer:Logograph*. Besonders Geradlinige mit dickem Fell führen ihren realen Namen, während die allermeisten ein Pseudonym bevorzugen, weil sie ungern überraschend Besuch bekommen – etwa vom Erfinder eines vermeintlichen Perpetuum Mobile. Anonym sind diese Wikipedianer aber nicht: Mogelzahn, PaterMcFly, Carbidfischer, Poupou l’quourouce, Septembermorgen, und wie sie alle heißen, haben sich mit jahrelanger Arbeit an Artikeln und in Diskussionen als unverwechselbare Persönlichkeiten profiliert. Die junge Mutter Benutzer:Tröte wurde mit dem Kommentar »Erfahrung mit Kleinkindern kann hier nicht schaden« ins Administratorenamt gewählt. Und die Kondolenzliste auf Benutzer_Diskussion:Seebeer/Erinnern zeugt von der Trauer um eine reale Person, keine virtuelle.

Im wahren Leben total verschlunzt, schloss ich mich in der Wikipedia dem Servicepersonal an, entflocht Internetlinks und polierte Artikel. Meine Freundin schüttelte nur noch den Kopf.

Wie Türsteher sortieren wir aktiven Nutzer aus den täglich im Sekundentakt eingehenden Neueinträgen und Artikeländerungen Vandalismus und Schleichwerbung heraus. Da es keinen enzyklopädischen Scharfsinn erfordert, Informationen wie »Kevin hat ’nen Kleinen« oder »heilfasten-in-der-pfalz.de« zu entfernen, ähnelt diese Tätigkeit einem kontemplativen Computerspiel. Nicht zuletzt darauf sind die exorbitanten Zahlen einiger Mitstreiter zurückzuführen, die es auf 100.000 Editierungen bringen.

Kniffliger ist die Enttarnung. Etwa von Leuten, die uns in der Tradition des Telefonstreichs in sinn- und endloses Gequatsche verwickeln (»Trolle«) oder die mit mehreren Identitäten Scheindiskussionen inszenieren (»Sockenpuppen«). Steckbriefe dieser Spezies versammelt Benutzer:Seewolf/Liste der Schurken im Wikipedia-Universum.

Die Eingangskontrolleure stellen zugleich das Empfangskomittee für Gäste und Neulinge. Ich wurde seinerzeit von Benutzer:Lung begrüßt, mit einem persönlich gehaltenen Anschreiben, das neben sachlichen Tipps den Rat enthielt: »Sei mutig, tapfer und zur Not auch grausam!« Das erschien mir, der ich nur Tippfehler in einem Lexikon berichtigen wollte, arg dramatisch. Doch mit der Zeit wurde ich mutiger – »Ich habe die methodischen Probleme des Artikels vorhergesehen« – und nach einem halben Jahr grausam: »Diese IPs, die sich die Hose mit der Kneifzange zumachen ...«. So nennen Wikipedianer nicht angemeldete Benutzer, die nur durch die Netz-Adresse ihres Computers ausgewiesen werden.

Mein Wortschatz wurde auch um URV, EOD, thx, sry und rofl bereichert. Der Jargon, aus Internet-Englisch sowie Wiki-Vokabular abgeleitet und intern perfektioniert, lässt insbesondere Ältere fremdeln. Aber auch für mich klang ein Zuruf wie »VM ohne Diff ist no-go« einst wie Suaheli.