Selbstversuch Wikipedia"Ich war gerührt"

Wie ein Skeptiker Wikipedia schätzen lernte. von 

Das Wikipedia-Logo mit Muscheln verziert in den Sand gemalt

Das Wikipedia-Logo mit Muscheln verziert in den Sand gemalt  |  CC-BY: Mypouss/flickr.com

Als Besitzer vieler raumvernichtender Nachschlagewerke, darunter der Meyers von 1895 (17 Bände) sowie seine 1971 bis 1979 erschienene letzte Neufassung (25 Bände), verachtete ich Wikipedia als Wichtigtuerei von Halbgebildeten, die endlich Raum fanden, ihre Steckenpferde zu reiten. Als die Zahl der Beiträge zunahm und auf Gebiete übergriff, in denen ich mich auskannte, freute ich mich, bei Stichproben Stümperei erkennen zu können. Ich bin und bleibe ein Anhänger des Buches. 

Aber mein Hochmut kam vor dem Fall. Der geschah langsam. Immer häufiger stand ich, wenn ich beim Schreiben eine Information suchte, nicht mehr vom Schreibtisch auf, um im Historischen Wörterbuch der Philosophie (12 Bände) oder in Kindlers Literaturlexikon ( 24 Bände) nachzuschlagen, sondern ich suchte bei Wikipedia und fand allerlei Handfestes. Eines Tages merkte ich, dass mir Wikipedia unentbehrlich geworden war. Mit Freude sah ich, wie rasch man dort auf Veränderungen reagierte. Kaum hatte A ein neues Buch veröffentlicht, kaum war B gestorben, schon war es vermerkt. Beim letzten Meyers gab es Ergänzungsbände, in denen die Einträge jährlich aktualisiert wurden. Aber was ist ein Jahr gegen Tage!

10 Jahre Zusammenarbeit

Am 15. Januar 2001 ging die englische Version der Wikipedia online. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Projekt von Jimmy Wales zu einer globalen Wissensammlung und bewies, dass das Internet den Menschheitstraum erfüllen kann, allen das Wissen der Welt zugänglich zu machen, wenn viele mithelfen. Anlässlich dieses Geburtstages veröffentlicht ZEIT ONLINE einen Themenschwerpunkt Wikipedia.

Dass es in geisteswissenschaftlichen Einträgen Mängel gab, blieb mir nicht verborgen. Aber die gab es in den alten Lexika ebenso, freilich wurden sie dort besser kaschiert. Und allmählich bemerkte ich, dass Wikipedia die Interpretationsvarianten eines künstlerischen oder kulturgeschichtlichen Vorgangs oftmals der Reihe nach aufführte, häufig mit Quellenangabe, während derlei in den alten Enzyklopädien aus schierer Platznot unterblieb.

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Als ich einmal (weil ich Margaret Mitchells Vom Winde verweht gelesen hatte) etwas über den amerikanischen Bürgerkrieg wissen wollte und bei Wikipedia nachschlug, war ich überwältigt: Von jeder Schlacht wurde getreulich berichtet, es gab Landkarten, Verzeichnisse der Frontlinien, der Siege, der Verluste, es gab Porträts der Protagonisten und so fort. Von nun an war ich überzeugt.



Und irgendwann fand ich es schäbig, lediglich zu schmarotzen, und dachte, auch du musst etwas beitragen. Bei meinem eigenen Steckenpferd, dem großen, aber ewig verkannten Schriftsteller Hans Henny Jahnn , sah ich Gelegenheit. Der Beitrag in Wikipedia erschien mir schmalbrüstig, unvollständig. Also meldete ich mich an und fügte eine längere Passage über sein literarisches Werk ein. Es kostete mich Zeit und Mühe. Es folgten Anfragen aus dem Kreis der Mitarbeiter oder Moderatoren, warum ich dieses oder jenes gemacht hätte. Ich habe nicht darauf geantwortet. Nicht aus Arroganz, sondern weil es mich schon erschöpft hatte, das Eingabesystem zu begreifen, und ich es nicht hinkriegte, in den erwünschten Dialog einzutreten. Seither habe ich keinen weiteren Versuch dieser Art mehr unternommen. Bei Jahnn fühlte ich mich verantwortlich, den Rest möge die Welt erledigen.

Später entdeckte ich, dass ich selbst Gegenstand eines Wikipedia -Eintrags war – und war begeistert. Irgendwann jedoch machte mich ein Freund auf ein Zitat aufmerksam, das dort offenkundig mit der Absicht hinzugefügt worden war, mich als Reaktionär zu entlarven. Nun ist dies kein Geheimnis, das enthüllt werden müsste, dennoch ärgerte ich mich.

Immer wieder nahm ich mir vor, das Zitat zu löschen, allerlei kam dazwischen, und als ich endlich die Seite öffnete, um an die Arbeit zu gehen, war es weg. Die Versionsgeschichte zeigte mir, dass jemand das Zitat mit der Begründung entfernt hatte, es sei nicht einleuchtend, weshalb ausgerechnet dieser einzige Satz für meine Arbeit kennzeichnend sei. Ich war gerührt und bin seitdem ein Anhänger von Wikipedia. Und doch werde ich meine Lexika nicht zum Antiquar bringen.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

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  • Schlagworte Hans Henny Jahnn | Philosophie | Wikipedia | Band | Browser | Bürgerkrieg
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