Paul Nolte muss lachen, wenn er an die Gesichter seiner Studenten denkt, als er ihnen empfahl, doch ab und zu mal bei Wikipedia nachzusehen. »Wir besprachen in meinem Seminar den Text eines bekannten Autors, ich glaube, es war Habermas«, erinnert sich der Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, »und die Studenten hatten zwar den Text gelesen, wussten aber nichts über den Autor.« Da habe er kurzerhand gesagt: »Informieren Sie sich doch vor der Sitzung einfach kurz bei Wikipedia!« Noltes Studenten staunten – keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, den Namen des Online-Lexikons in einem Uni-Seminar auch nur auszusprechen. Von einem Professor hatten sie das erst recht nicht erwartet.

Längst steht Wikipedia nicht mehr im Ruf, lediglich zusammengeschriebenes Halbwissen zu versammeln. »Ich selbst nutze Wikipedia sehr häufig«, sagt Nolte. »Zum Beispiel, um nachzusehen, wie bestimmte Fachbegriffe auf Englisch heißen und wie deren korrekte Schreibweise ist, aber auch, um mich schnell in Sachverhalte einzulesen. Und in der Regel erlebe ich Wikipedia als sehr zuverlässig.« Kaum ein Forscher will heute noch etwas Negatives sagen über das einst belächelte Online-Lexikon.

Doch so selbstverständlich auch Akademiker mittlerweile Wikipedia für den Erstzugang zu Themen und für den Privatgebrauch empfehlen, so einhellig schließen sie Wikipedia als Instrument für die eigene wissenschaftliche Arbeit aus. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, betont, dass Wikipedia-Artikel keine wissenschaftliche Qualität gewährleisten könnten, weil entsprechende Kontrollen im demokratischen Wikipedia-System nicht vorgesehen seien. »Wissenschaft ist auf absolut sichere Informationen angewiesen, die Wikipedia nur teilweise liefern kann«, sagt Lenzen. So klagen etwa Theologen über unzureichende oder falsche Darstellungen und Germanisten über sprachliche Defizite in den Wikipedia-Artikeln ihres Fachgebiets. Studenten, die bei Wikipedia für ihre Referate abschreiben, laufen auch heute noch Gefahr, falsche Daten und einseitige Meinungen zu zitieren – und riskieren darüber hinaus, dass der Professor den entsprechenden Artikel ebenfalls zur Kenntnis genommen hat.

Die Qualität der Einträge zu verbessern ist daher das erklärte Ziel der Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt. Auch die deutsche Sektion möchte die Akzeptanz der Online-Enzyklopädie in Universitäten und Schulen erhöhen. »Das Ansehen von Wikipedia steigt mit der Qualität der Artikel«, sagt Catrin Schoneville, die Pressesprecherin von Wikimedia Deutschland. »Wir wollen die Qualität der Artikel steigern und dafür auch vermehrt wissenschaftliche Experten zur Mitarbeit gewinnen.« So organisiert Wikimedia regelmäßig die Wikipedia Academy, eine Veranstaltung, auf der Vertreter der akademischen Welt über Wissensnutzung und Wissensvermittlung diskutieren sollen. Auch mit der Verleihung der mit 2000 Euro dotierten Zedler-Medaille für neue Lexikonbeiträge aus den Natur- und Geisteswissenschaften versucht Wikimedia Deutschland, neue Autoren vor allem aus dem wissenschaftlichen Betrieb zu gewinnen. Bislang allerdings noch mit mäßigem Erfolg: Die Wikipedia Academy hatte im vergangenen Jahr gerade 100 Teilnehmer, und auf die Ausschreibung der Zedler-Medaille hin wurden lediglich 24 Artikel eingereicht.