Wissenschaft: Vorsichtige Annäherung
Die Wissenschaft entdeckt das Wikipedia-Prinzip für sich.
Paul Nolte muss lachen, wenn er an die Gesichter seiner Studenten denkt, als er ihnen empfahl, doch ab und zu mal bei Wikipedia nachzusehen. »Wir besprachen in meinem Seminar den Text eines bekannten Autors, ich glaube, es war Habermas«, erinnert sich der Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin, »und die Studenten hatten zwar den Text gelesen, wussten aber nichts über den Autor.« Da habe er kurzerhand gesagt: »Informieren Sie sich doch vor der Sitzung einfach kurz bei Wikipedia!« Noltes Studenten staunten – keiner von ihnen wäre auf die Idee gekommen, den Namen des Online-Lexikons in einem Uni-Seminar auch nur auszusprechen. Von einem Professor hatten sie das erst recht nicht erwartet.
Längst steht Wikipedia nicht mehr im Ruf, lediglich zusammengeschriebenes Halbwissen zu versammeln. »Ich selbst nutze Wikipedia sehr häufig«, sagt Nolte. »Zum Beispiel, um nachzusehen, wie bestimmte Fachbegriffe auf Englisch heißen und wie deren korrekte Schreibweise ist, aber auch, um mich schnell in Sachverhalte einzulesen. Und in der Regel erlebe ich Wikipedia als sehr zuverlässig.« Kaum ein Forscher will heute noch etwas Negatives sagen über das einst belächelte Online-Lexikon.
- 10 Jahre Zusammenarbeit
Am 15. Januar 2001 ging die englische Version der Wikipedia online. Innerhalb weniger Jahre wuchs das Projekt von Jimmy Wales zu einer globalen Wissensammlung und bewies, dass das Internet den Menschheitstraum erfüllen kann, allen das Wissen der Welt zugänglich zu machen, wenn viele mithelfen. Anlässlich dieses Geburtstages veröffentlicht ZEIT ONLINE einen Themenschwerpunkt Wikipedia.
Doch so selbstverständlich auch Akademiker mittlerweile Wikipedia für den Erstzugang zu Themen und für den Privatgebrauch empfehlen, so einhellig schließen sie Wikipedia als Instrument für die eigene wissenschaftliche Arbeit aus. Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg, betont, dass Wikipedia-Artikel keine wissenschaftliche Qualität gewährleisten könnten, weil entsprechende Kontrollen im demokratischen Wikipedia-System nicht vorgesehen seien. »Wissenschaft ist auf absolut sichere Informationen angewiesen, die Wikipedia nur teilweise liefern kann«, sagt Lenzen. So klagen etwa Theologen über unzureichende oder falsche Darstellungen und Germanisten über sprachliche Defizite in den Wikipedia-Artikeln ihres Fachgebiets. Studenten, die bei Wikipedia für ihre Referate abschreiben, laufen auch heute noch Gefahr, falsche Daten und einseitige Meinungen zu zitieren – und riskieren darüber hinaus, dass der Professor den entsprechenden Artikel ebenfalls zur Kenntnis genommen hat.
Die Qualität der Einträge zu verbessern ist daher das erklärte Ziel der Wikimedia Foundation, die Wikipedia betreibt. Auch die deutsche Sektion möchte die Akzeptanz der Online-Enzyklopädie in Universitäten und Schulen erhöhen. »Das Ansehen von Wikipedia steigt mit der Qualität der Artikel«, sagt Catrin Schoneville, die Pressesprecherin von Wikimedia Deutschland. »Wir wollen die Qualität der Artikel steigern und dafür auch vermehrt wissenschaftliche Experten zur Mitarbeit gewinnen.« So organisiert Wikimedia regelmäßig die Wikipedia Academy, eine Veranstaltung, auf der Vertreter der akademischen Welt über Wissensnutzung und Wissensvermittlung diskutieren sollen. Auch mit der Verleihung der mit 2000 Euro dotierten Zedler-Medaille für neue Lexikonbeiträge aus den Natur- und Geisteswissenschaften versucht Wikimedia Deutschland, neue Autoren vor allem aus dem wissenschaftlichen Betrieb zu gewinnen. Bislang allerdings noch mit mäßigem Erfolg: Die Wikipedia Academy hatte im vergangenen Jahr gerade 100 Teilnehmer, und auf die Ausschreibung der Zedler-Medaille hin wurden lediglich 24 Artikel eingereicht.
Den Streit um Inhalte gewinnt am Ende der, der am meisten Zeit hat
Immerhin können die Wikipedia-Macher darauf verweisen, dass ihre Autoren überdurchschnittlich gebildet sind. Laut einer Studie des Medienwissenschaftlers Manuel Merz von der TU Ilmenau hat mehr als die Hälfte der Autoren einen akademischen Abschluss, neun Prozent von ihnen sind sogar promoviert. Umso stärker fällt auf, dass nur wenige aktive Wissenschaftler für Wikipedia schreiben; Professoren fehlen fast völlig unter den Autoren.
»Die Arbeit an Wikipedia-Artikeln kostet Zeit und Nerven«, analysiert Merz. Denn Uni-Professoren seien es gewohnt, dass man ihre Stimme als Autorität respektiert. »In der Wikipedia-Community spielt aber weder professorale Autorität noch wissenschaftliche Reputation eine Rolle.« Bei Wikipedia zu publizieren bedeutet fast immer, sich auf lange Diskussionen mit anderen Autoren einzulassen. »Eine Auseinandersetzung um bestimmte Aspekte des Artikels gewinnt am Ende der, der mehr Zeit hat«, sagt Merz. Wie der Artikel, den ein Autor einstellt, am Ende also aussehen wird, entzieht sich seinem Einfluss – eine Zumutung für jeden im akademischen Bereich tätigen Wissenschaftler.
Abgesehen davon, tun sich Wikipedia und Wissenschaft auch deshalb schwer miteinander, weil die deutsche akademische Welt noch immer ein distanziertes Verhältnis zur populären Wissensvermittlung hat. Der Hochschulbetrieb hierzulande belohnt die Forschung an Einzelproblemen und die Veröffentlichung möglichst vieler wissenschaftlicher Aufsätze; für die Lehre dagegen gibt es kaum Anreize. Auch die öffentlichkeitswirksame Darstellung des eigenen Fachs nach außen hin wird selten belohnt, die freiwillige Mitarbeit an einem kostenlosen Onlineprojekt schon gar nicht. »In der akademischen Welt geht es viel um Reputation«, sagt auch Paul Nolte. »Man will jedes kleinste Fitzelchen namhaft machen. Die Arbeit an einem Wikipedia-Artikel würde Wissenschaftler viel Zeit kosten, die sie lieber anderen Dingen widmen.« Dinge vor allem, die mehr akademisches Ansehen versprechen.
Gleichwohl steckt in Wikipedia ein Prinzip, das auch die klassische Wissenschaft auf lange Sicht verändern kann: die Idee der Kollaboration und Diskussion beim Verfassen von Artikeln. »Früher schrieb man ausschließlich auf Deutsch und alleine«, blickt der Berliner Mathematikprofessor Jochen Brüning zurück. »Heute schreibt keiner mehr auf Deutsch, und an den Forschungsarbeiten im Fach Mathematik sind durchschnittlich 2,8 Autoren beteiligt – in der Physik sogar 4.« Dieser Trend werde sich noch verstärken, postuliert Brüning. Er kann sich auch Fachdiskussionen innerhalb von Wikipedia gut vorstellen. »Es müsste eine Art Hypertext geben, der wie gewohnt den Gegenstand in allgemein verständlicher Sprache erklärt«, sagt Brüning. »Dahinter könnte es verschiedene Schichten von wissenschaftlicher Vertiefung geben.«
Der langwierige traditionelle Publikationsprozess jedenfalls ist mittlerweile vielen Wissenschaftlern zu langsam – auch die Forschung möchte es zunehmend wiki-wiki. Vor allem in Physik und Mathematik werden Arbeiten auf sogenannten Preprint-Servern publiziert, und oft erübrigt sich danach die formelle Publikation. So behauptete im vergangenen August ein amerikanischer Forscher, das P-NP-Problem gelöst zu haben, eines der mit einer Million Dollar dotierten Millenniumsprobleme der Mathematik. Seine Kollegen setzten kurzerhand ein Wiki auf, und per Crowdsourcing stand innerhalb weniger Tage fest, dass der Beweis leider löchrig und damit falsch war.







Seit meinem Exil arbeite ich notgedrungen anonym in der deutschsprachigen WP mit, weil ich meine, dass der Klügere nicht (immer) nachgeben sollte, da sonst (wie in der WP zu häufig zu beobachten) die Dummheit triumphiert, die mir bis heute nachstellt. 1. September 2010 Nachtrag: aktuell versucht der Benutzer Seewolf eine Nachfrage nach der skandalösen Zusammenarbeit zwischen Wikimedia e.V. und den Burschis zu vertuschen! Nachtrag2: wenn man sich heute zahlreiche Artikel aus dem Umfeld der Studentenverbindungen und Burschenschaften anschaut, kann man nur resümieren: vereinsmaiernde-süßliche rheinweinseelige-geschichtsfälschende Reklame von und für Bieder-Spießer vermüllt die deutschsprache Wikipedia in diesem Themenbereich. Ein Graus für jeden Historiker.
Dass das auch damit zu tun hat, dass Burschenschaftler die Schnittstelle zwischen amerikanischer Wikimedia-Foundation und dem deutschen Wikimedia-Verein organisieren, steht zu vermuten.
Dass die Zeitung "Die Zeit" jene von dem Benutzer Seewolf rechtswidrige erhobene Liste mit IP-Nummern hilft zu verbreiten, ist ebenfalls ein ziemliche Unprofessionalität.
Mehr Infos über die Braun-Bias in der deutschsprachigen Wikipedia hier:
http://thomas7.bloggles.i...
Vor 5 Jahren argumentierte ich viel politisch in Internetforen. Als Belege für meine Aussagen verwendete ich Links zu WP-Artikel.
Es war verblüffend wie sich der Charakter einiger Artikel von neutral allmählich in Richtung einer Pro-Neoliberalen Grundrichtung veränderten. Nicht mehr verwendbar als Argument. Andere Artikel sind einfach verschwunden.
Jeder interessierte, der Geduld, Zeit und Geld hat kann Wikipedia durch schönreden manipulieren. Wikipedia hatte schon mal massive Probleme mit Lobbygruppen.
Mein Fazit: Wikipedia ist als aktueller Beleg in Internetdiskussionen nicht zu gebrauchen. Der Bedeutungswechsel umstrittener Begriffe war massiv.
Das Ganze erinnert mich manchmal an ein modern erzeugtes "Neusprech"
.. findet der eine oder andere vielleicht hier. Etwa ab der ersten Minute geht es um die Art und Weise wie "unsere Wissenschaftler" geprägt wurden.
Ich finde es sehr aufschlussreich bei der Betrachtung des im Artikel angesprochenen Themenkomplexes.
http://www.youtube.com/wa...
MfG
alma
»Wissenschaft ist auf absolut sichere Informationen angewiesen, die Wikipedia nur teilweise liefern kann«, sagt Lenzen.
Mein Eindruck ist, dass die Wissenschaft überschätzt wird. Dass Wissenschaft auf absolut sicheren Informationen beruht, wie Herr Lenzen zitiert wird, ist leider falsch.
In meinem Umfeld werden Beiträge zu Konferenzen und Journals üblicherweise von einer Handvoll Personen gegengelesen. Es ist nicht unmöglich, dass diese Personen entscheidende Fehler nicht erkennen und ein inkorrekter Artikel publiziert wird.
Außerdem ist es aus wissenschaftstheoretischer Sicht bei vielen Forschungsthemen unmöglich, Kenntnisse mit 100%-iger Sicherheit zu gewinnen. Man kann zwar z.B. Kausalbeziehungen mit Experimenten nachweisen, man kann jedoch nie sicher sein, dass die selbe Kausalbeziehung auch unter anderen Umständen (z.B. andere Kultur, anderes Wetter, …) auftritt.
Als Illustration sei auf ein Artikel zu Forschungsergebnissen im Feld „Präkognition“ verlinkt.
http://www.spiegel.de/wis...
"anstatt sich in Hausarbeiten, denen man als Primärnutzen bestenfalls noch die Annäherung der Studenten zum wissenschaftlichen Arbeiten mitgeben darf,"
Genau das ist doch der Sinn jeder Hausarbeit und Bachelorarbeit: Den Studenten das wissenschaftliche Arbeiten beibringen. Genau das und nichts anderes. Weil Uni eben davon ausgeht, dass da lauter potentielle Forscher sitzen, die später auch promovieren wollen. Dass das in der Realität nur wenige tun, ist eine andere Frage. Natürlich interessiert keinen Menschen den Inhalt einer Seminararbeit.
Bewertet werden Hausarbeit und Bachelorarbeit meiner Erfahrung nach vor allem nach der Argumentationsstruktur. In der Wissenschaft ist das eben wichtig: Sein Mini-Thema in das große Themengebiet einordnen und unter einem bestimmten Blickwinkel diskutieren.
Bewertet wird viel weniger, ob man nun das korrekte Wissen (Geburtsdatum von Philosoph XY) in die Arbeit schreibt. Das ist nicht so relevant. Genau das leisten die Wikis: Fakten sammeln. Wissenschaftliche Diskussion ist etwas anderes.
Ich kannen Ihnen nur zustimmen.
Man kann von Studenten nicht erwarten, dass sie in einer Arbeit die 3 Monate dauert ein Allheilmittel finden und damit die Welt veraendern. Man muss sie eben erst Schritt fuer Schritt and das wissenschaftliche Arbeiten heranfuehren. Selbst namhafte Wissenschaftler benoetigen oft Jahre um Ergebnisse zu erziehlen.
Wikipedia ist eine Enzyklodaedie, eine Sammlung von Fakten, nichts anderes.
Ich kannen Ihnen nur zustimmen.
Man kann von Studenten nicht erwarten, dass sie in einer Arbeit die 3 Monate dauert ein Allheilmittel finden und damit die Welt veraendern. Man muss sie eben erst Schritt fuer Schritt and das wissenschaftliche Arbeiten heranfuehren. Selbst namhafte Wissenschaftler benoetigen oft Jahre um Ergebnisse zu erziehlen.
Wikipedia ist eine Enzyklodaedie, eine Sammlung von Fakten, nichts anderes.
Den Link hab ich nicht aufgerufen. Aber es ist bekannt, dass die deutsche Wikipedia schon lange kein fröhlicher Mitmachverein mehr ist.
Ich kannen Ihnen nur zustimmen.
Man kann von Studenten nicht erwarten, dass sie in einer Arbeit die 3 Monate dauert ein Allheilmittel finden und damit die Welt veraendern. Man muss sie eben erst Schritt fuer Schritt and das wissenschaftliche Arbeiten heranfuehren. Selbst namhafte Wissenschaftler benoetigen oft Jahre um Ergebnisse zu erziehlen.
Wikipedia ist eine Enzyklodaedie, eine Sammlung von Fakten, nichts anderes.
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