Kreisky Die drei Musketiere

Sie prägten das Goldene Jahrzehnt der Sozialdemokratie: Bruno Kreisky, Olof Palme und Willy Brandt auf globaler Mission.

Bruno Kreisky auf einer Pressekonferenz in Belgrad im April 1980

Bruno Kreisky auf einer Pressekonferenz in Belgrad im April 1980

Der hundertste Geburtstag des Ausnahmepolitikers Bruno Kreisky bietet nun Anlass für zahlreiche Rückblicke und Bilanzen. Aber auch zu der Frage, die über das politische Vermächtnis des Jubilars hinausreicht: Was blieb von einer Zeit, die nicht von ungefähr häufig das Goldene Zeitalter der europäischen Sozialdemokratie genannt wird?

Die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhundert waren nicht nur in Österreich ein Jahrzehnt, das unter sozialdemokratischen Vorzeichen stand. Die Parteien der Arbeiterbewegung stellten zum ersten Mal nach dem Krieg die Regierungschefs in der deutschen Bundesrepublik und in Österreich, Willy Brandt und Bruno Kreisky. Gemeinsam mit dem jüngeren, soeben in Schweden an die Spitze aufgerückten Genossen Olof Palme, den seine Kritik am Vietnamkrieg der USA über Nacht in aller Welt bekannt gemacht hatte, sorgten sie für eine neue Aufbruchstimmung. Der deutsche Journalist Peter Merseburger, ein TV-Veteran aus jener Zeit, schreibt in seiner Biografie über Willy Brandt: »Bestimmend für das sozialdemokratische Jahrzehnt der Siebziger sind die drei Musketiere Kreisky, Brandt und Palme.«

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Kreiskys Rolle? Der amerikanische Soziologe Norman Birnbaum, 84, Europakenner aus Washington (D. C.), misst besonders der internationalen Arbeit Kreiskys große Bedeutung für die europäische Entwicklung zu. Wenn er das politische Vermächtnis des »Hundertjährigen« aus Wien beurteilt, hat der emeritierte Professor der Georgetown-Universität keinerlei Scheu vor Pathos: »Bruno Kreisky war ein Leuchtturm der Aufklärung. Und seine Politik wirkte als Signal der Souveränität in einem Europa, das ein Vierteljahrhundert nach dem Zweiten Weltkrieg immer noch in den Denkkategorien der Großmachtpolitik und des Kalten Kriegs gefangen war.« Der Wiener Kanzler habe demonstriert, wie man auch auf schwierigem Gelände neue, eigene Wege gehen könne. »Er wollte historische Optionen erweitern, und er hat Willy Brandt ermutigt, die Ostpolitik voranzutreiben.«

Das blieb ja in der Tat nicht ohne Wirkung. Die Konferenz über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa von Helsinki und deren Schlussakte samt den gemeinsam unterzeichneten Bestimmungen über Menschenrechte, wurden zum Sargnagel des Sowjetsystems. Kreisky und seine Genossen, allesamt selbstbewusste linke Antikommunisten, hatten kräftig mitgenagelt.

Gemeinsam mit dem schwedischen Freund Palme entwickelten Brandt und Kreisky gleichzeitig eine von den USA unabhängige Nahostpolitik, die in jenen besseren Tagen zu Gesprächen über Palästina führte und in den sogenannten Oslo-Prozess mündete. Das waren Phasen der Hoffnung. Dass der Versuch gescheitert ist, lag nicht an den Vermittlern.

Deshalb, so fasst Norman Birnbaum zusammen, rage der Österreicher heraus aus der Fülle seiner Zeitgenossen auf dem Kontinent. Nicht nur im eigenen kleinen Land. »Dieser Mann war ein großer Europäer.« Der Kreis der heroischen Politikerfiguren in der Alten Welt war allerdings nicht groß im vergangenen Jahrhundert. Und gewachsen ist er seither kaum.

Der erste sozialdemokratische Kanzler der Zweiten Republik war jedenfalls der erste Kosmopolit der österreichischen Politik. Kreiskys Wahlsieg im März 1970 – und die drei folgenden – wurde weltweit beachtet, seine Außenpolitik in den 13 Jahren seiner Amtszeit erst recht. Dass innenpolitische Vorgänge, besonders sein Konflikt mit Simon Wiesenthal, gelegentlich einen Schatten auf das Bild des Weltpolitikers warfen, war unvermeidlich. Aber mehr ins Gewicht fielen Kreiskys Bemühungen um einen Ausgleich zwischen Ost und West, sein Einsatz für die Rechte der Palästinenser und sein Interesse in Fragen der Nord-Süd-Politik. Er, Brandt und Palme hatten sich die internationalen Aufgaben geteilt. Kreiskys Feld waren der Nahe Osten und später auch der Kampf gegen die globale Armut. Brandt leitete – neben der Sozialistischen Internationale (SI), deren Präsident er von 1976 bis 1992 war – im Auftrag der Vereinten Nationen die Nord-Süd-Kommission, Palmes Terrain waren die Abrüstungspolitik und der afrikanische Kontinent.

Leser-Kommentare
    • Liman
    • 22.01.2011 um 17:26 Uhr

    Kreisky wir von der ZEIT heiliggesprochen. Ein Mann, der als erster in Europa mit Rechtsaußenpolitikern koaliert hat.
    Kreisky und SS-Mann Peter.
    Unerträglich, wie auch die Bekämpfung Simon Wiesenthals hier verdrängt wird.
    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und begründen Sie Ihre Aussagen mit Argumenten. Danke. Die Redaktion/ew

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    der eine FPÖ unter Friedrich Peter angehörte.
    Simon Wiesenthal hat er - heute sind die Dokumente zugänglich - Unrecht getan.
    Rückblickend betrachtet wäre ein modus vivendi doch ganz leicht gewesen und die verspätete Aufarbeitung der NS-Zeit hätte früher und schmerzärmer stattfinden können.

    der eine FPÖ unter Friedrich Peter angehörte.
    Simon Wiesenthal hat er - heute sind die Dokumente zugänglich - Unrecht getan.
    Rückblickend betrachtet wäre ein modus vivendi doch ganz leicht gewesen und die verspätete Aufarbeitung der NS-Zeit hätte früher und schmerzärmer stattfinden können.

    • Liman
    • 22.01.2011 um 17:29 Uhr

    Bruno Kreisky als frisch gekürter Parteiobmann hat vor 1970 eine bis dahin für die SPÖ undenkbare Strategie beschlossen: Bündnis mit der FPÖ, um an die Macht zu gelangen. Als die SPÖ 1970 die relative Mehrheit erlangte, gab es dafür ein fertiges Abkommen: Der damalige FP-Obmann und SS-Mann Friedrich Peter versprach Kreisky die Duldung einer Minderheitsregierung. 1975 standen neuerlich Wahlen bevor, und es schien zweifelhaft, dass die SPÖ nach 1971 noch einmal die absolute Mehrheit schaffen würde, sodass eine Regierungsbeteiligung der FPÖ Friedrich Peters im Raum stand. Erst einem eben (vom ÖGB) publizierten Kriegstagebuch hatte Wiesenthal entnommen, dass ein Friedrich Peter Angehöriger der 1. SS-Infanteriebrigade gewesen war, die in Russland hinter der Front zwei Jahre hindurch mit nichts anderem als der Ermordung von hunderttausenden Juden befasst war. Anhand der Geburtsdaten identifizierte er den Infanteristen Friedrich Peter mit dem FPÖ-Obmann Friedrich Peter, der bis dahin stets behauptet hatte, der Waffen-SS, nicht aber der allgemeinen SS angehört zu haben. Doch Kreisky stellte sich „voll und ganz“ hinter Peter, verglich Wiesenthal mit einer „Mafia“ und unterstellte ihm schließlich, selbst ein Gestapospitzel gewesen zu sein. Gleichzeitig forderte Kreisky „Details“, worauf profil recherchierte, dass Peters spezifische Kompanie 1941 an einem einzigen Tag 1089 jüdische Einwohner des Dorfs Leltschitky ermordet hatte.

    Bitte belegen Sie Ihre Aussagen mit Quellen. Vielen Dank. Die Redaktion/ew

  1. der eine FPÖ unter Friedrich Peter angehörte.
    Simon Wiesenthal hat er - heute sind die Dokumente zugänglich - Unrecht getan.
    Rückblickend betrachtet wäre ein modus vivendi doch ganz leicht gewesen und die verspätete Aufarbeitung der NS-Zeit hätte früher und schmerzärmer stattfinden können.

  2. ... wurde die totalitäre Staatspartei des wenige Tage zuvor in einer Bürgerrevolution gestürzten tunesischen Despoten Ben Ali aus der Sozialistischen Internationale ausgeschlossen.

    Das sagt eigentlich schon alles aus, über die internationale Sozialdemokratie.

  3. Peter war Obersturmführer
    Das entspricht einem Oberleutnant.
    Ein solcher leitete damals 3 Scharen bzw. insgesamt 20-60 Mann.(1939 hatte die SS ca. 260.000 aktive Mitglieder).

    Es ging bei den Auseinadersetzungen mit Kreisky nicht nur um F.Peter, sondern um mehrere Minister, die zuvor NS-Mitglieder waren, teils in mittleren und höheren Positionen, teils in der SS. Peter war meiner Erinnerung nach der Einzige, dem Wiesenthal ein offenkundig persönliches Mitwirken an Gräueltaten induktiv nachweisen konnte.

    Wiesenthal wollte - für mich damals durchaus glaubhaft - "Recht statt Rache". Es ehrte ihn, daß er, obwohl er persönlich Opfer der NS-Grausamkeiten war, eine Kollektivschuld auch von Gruppen abgelehnt hat. Sein Anliegen war primär Aufklärung als Abwehr, denn er wußte, daß die NS-Zeit erst mit der Verächtlichmachung und dann mit der Beseitigung der Demokratie begann.

  4. Realpolitisch betrachtet waren Wiesenthals innerösterreichische Aktivitäten in den 60er- und 70er-Jahren (also vor und anfangs der "Kreisky-Ära") jedenfalls geeignet den Antisemitismus im Land als Reaktion zu fördern.
    Dies war Kreisky äußerst zuwider (und wohl der wichtigste Grund für seine weit überzogene Reaktion auf Wiesenthals Vorwürfe), nicht zuletzt da Kreisky den Friedensschluß zwischen den österreichischen politischen Lagern (samt politischer und gesellschaftlicher Wiedereinbindung ehemaliger NS-Miglieder) in Gefahr sah und letztlich auch ein Wiedererstarken des Rechtsextremismus vorhersah.
    Zudem stand Wiesenthal der ÖVP nahe und war damit wohl auch für Kreisky ein politischer Gegner der SPÖ, der mit der "NS-Keule" virtuos zu schwingen verstand.

    Später ergriff Wiesenthal abwägend für Waldheim Partei, was ihm seitens des Weltjüdischen Kongresses (WJC) heftige Auseinandersetzungen und übelste Anfeindungen, Beleidigungen und Unterstellungen bescherte.

    Wie verfahren die Situation war, zeigt, daß es der Republik Österreich erst 2005 möglich war sich bei Wiesenthal zu entschuldigen und als eine Art Wiedergutmachung an der Einrichtung und dem Betrieb des Wiener Wiesentahl-Instituts tatkräftig mitzuwirken.
    Die Ehrung der Republik wurde ein halbes Jahr vor Wiesenthals Tod durch Präsident Fischer verliehen, der in den 70er-Jahren als sehr einflußreicher Mitarbeiter Kreiskys im Hintergrund persönlich bei den Auseinandersetzungen Wiesenthal übel und aktiv mitspielte.

  5. Zu einer Würdigung von Bruno Kreisky sollte unbedingt auch sein außergewöhnlicher Einsatz für Südtirol gehören, der in zwei UNO-Resolutionen (1960 und 1961) mit Verurteilung Italiens gipfelte. Kreisky hat auch den bewaffneten Widerstand in Südtirol unterstützt, der letztlich zur Gewährung der Südtirol-Autonomie führte. Wenn es nur heute in Österreich oder sonst wo in Mitteleuropa Politiker gäbe, sie sich so entschlossen gegen der Neofaschismus engagieren.

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