Haarpracht, Busen, Pirouetten und draußen reichlich Zuckerrohr: Amy Winehouse während ihres Konzerts in Rio de Janeiro © Mônica Imbuzeiro/Globo via Getty Images

Es ist acht Uhr abends, als sich die Türen endlich öffnen. Ein blasser Mond hängt schräg am blauschwarzen Himmel über Recife, die feucht-schwere Luft ist immer noch 30 Grad heiß. Alexandre Ferreira stürmt als Erster in den mehr als 20.000 Quadratmeter großen Saal des Centro de Convenções, zielstrebig bis vor die Bühne. Auf diesen Moment hat er seit zwölf Stunden gewartet, hat sogar auf eine Dusche vor der Show verzichtet: Er wollte ganz vorne stehen, ihr so nahe kommen wie möglich.

Genau genommen wartet Alexandre seit vier Jahren auf diesen Moment, seit er das erste Stück von Amy Winehouse gehört hat, der schmalen Britin mit der großen Stimme und den zu Herzen gehenden Songs. Gleich wird sich Alexandres Traum erfüllen, und vielleicht, vielleicht wird sie ihn sogar bemerken, mit seiner Amy-Tätowierung und dem selbst besprühten T-Shirt.

Dieser Abend im nordostbrasilianischen Recife ist das vierte Konzert der Brasilientour von Amy Winehouse. Die junge Frau mit der Sechziger-Jahre-Turmfrisur und dem Jahrhundertorgan hatte Europa vor ein paar Jahren im Alleingang den Rhythm and Blues zurückgebracht und durch ihre Popularität sogar den Verkauf der Platten von Alt-Star Sharon Jones angekurbelt – deren Band Dap-Kings sie für ihre zweite Platte Back to Black verpflichtet hatte.

Bald jedoch machte die Sängerin durch ihr turbulentes Privatleben Schlagzeilen. Sie magerte ab und torkelte auf der Bühne von einem Aussetzer zum nächsten, bis sie schließlich kaum noch auftrat. Vor zwei Jahren soll sie sich in der Karibik diverse Süchte abgewöhnt haben, jetzt will sie auf die Bühne zurück, ausgerechnet in Brasilien, wo R ’n’ B und Soul nicht zu den beliebtesten Stilrichtungen gehören, Drogen aber ein so krasses Problem sind, dass die eben erst angetretene Präsidentin Dilma Rousseff in ihren ersten Tagen im Amt ein Programm zur Bekämpfung der Cracksucht in Auftrag gegeben hat. Außer Floreanópolis im Süden stehen Rio und São Paulo auf dem Plan – und eben Recife im Norden.

Recife, Hauptstadt des Bundesstaates Pernambuco, war einst eine florierende portugiesische Kolonialstadt, als sich mit Zuckerrohr-Export nach Europa noch gut verdienen ließ. Nach dem Siegeszug der Rübe verarmte der Pernambuco, die Art-déco-Häuser der Händler in der Altstadt von Recife setzten Schimmel an und verfielen. Erst vor wenigen Jahren begann ein neuer wirtschaftlicher Aufschwung: 30 Kilometer außerhalb wächst der Industriehafen Suape in die geschützten Mangrovenwälder hinein. Mehr als 100 Unternehmen sind schon da, 20.000 Arbeitsplätze. Außerdem ist Recife Schauplatz der Fußballweltmeisterschaft 2014, dann soll es keine löchrigen Straßen mehr geben.

Bis vor Kurzem hatte die Zwei-Millionen-Stadt keinen geeigneten Raum für große Konzerte. Inzwischen ist das Kongresszentrum hergerichtet worden. Es fasst 15.000 Besucher.

In langen Schlangen warten junge Menschen, manche in Calvin-Klein-T-Shirts, viele mit einem iPhone in der Hand. Fast alle sind weiß, obwohl mehr als die Hälfte der Bevölkerung aus Mischlingen besteht. Die 50 bis 150 Euro teuren Eintrittskarten, für die mancher Nordostbrasilianer mehrere Wochen arbeiten muss, haben meist die Eltern bezahlt. »Da muss ich nicht lange bitten«, sagt der 17-jährige Hugo, »für AC/DC bin ich sogar nach São Paulo gefahren.«

 

Heute Abend ist Hugo im Taxi gekommen. Bauchladenverkäufer Severino dagegen, von dem Hugo gerade ein Päckchen Kaugummi ersteht, ist noch nie Taxi gefahren. Er wohnt nebenan im Elendsviertel von Santo Amaro, hat von Amy Winehouse keine Ahnung und hofft nur, dass sie ihm ordentlich Umsatz bescheren wird. Seine Preise hat er der Gelegenheit angepasst: Die Jeunesse dorée von Recife zahlt für eine Packung Mentos den Gegenwert von einem Euro, ohne mit der Wimper zu zucken.

Alexandre Ferreira, 24 Jahre alt, ist der Vorsitzende des brasilianischen Amy-Fanclubs, ohne ein ortstypischer Fan zu sein. Er ist Kellner. »Die meisten unserer 1200 Mitglieder kommen aus der Mittel- und Oberschicht«, sagt er. »Ich habe auf die Karte zwei Monate lang gespart und an manchen Tagen doppelt so viel gearbeitet, damit ich freibekomme, um herzufahren.«

Alexandre weiß, dass viele nicht wegen der Musik zur Show gekommen sind. Die Beobachtung von Prominenten gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen der Brasilianer, deren größtes Klatschblatt Caras sich eine eigene Insel leistet, auf die es die VIPs einlädt, um sie ins Visier zu nehmen. Bietet Amys Leben nicht noch mehr als all die emotionsgeladenen Telenovelas, die Millionen Brasilianer regelmäßig abends vor die Fernsehschirme locken? »Viele lieben sie wegen ihrer rebellischen Art und ihrer Ausschweifungen. Die Brasilianer mögen wilde Partys«, sagt Alexandre.

Die Journalisten lauern auf einen Fehltritt der Diva. Da wird ein unsicherer Schritt auf der Bühne ebenso kommentiert wie die Wasserflasche, die sie in Floreanópolis in der Hand hatte, oder die halbe Stunde Verspätung, mit der sie die Show in Rio begann. Ein Foto zeigt sie mit verrutschtem Oberteil und verknautschtem Gesicht auf dem Balkon ihrer Suite im Luxushotel Santa Teresa im gleichnamigen Boheme-Stadtviertel von Rio de Janeiro, darunter die Frage: Betrunken? Ein Fotograf gesteht der Presse, er träume davon, Amy besoffen im Nachtleben zu erwischen. Ein frisches Bild von einem Sturz wäre locker 50.000 Dollar wert.

Eine Klatschseite im Netz weiß zu melden, hinter der Bühne gebe es bei jeder Show französischen Wein und Champagner sowie russischen Wodka. »Die Medien stürzen sich darauf«, sagt Carlos Mamberti, einer der Organisatoren der Tour, »aber das Publikum ist anders. Die Leute zahlen nicht 100 Euro, um Amy Winehouse umfallen zu sehen. Das Publikum ist großzügiger als das europäische, wärmer – das mag ein Grund sein, warum sich Amy Winehouse für den Neuanfang Brasilien ausgesucht hat.«

Das Innere der Kongresshalle versprüht mit seinen Betonwänden und dem rohen Estrich den spröden Charme der illegalen Bars von Zürich oder Berlin in den späten achtziger Jahren, nur dass hier 12.000 Menschen erwartet werden. Noch sitzen viele Grüppchen auf dem nackten Boden, sogar im teuren vorderen Bereich. Händler in Uniform verkaufen Dosenbier, in manchen Ecken riecht es süßlich nach Marihuana.

Der Fanclub-Vorsitzende Alexandre hat sein Ziel erreicht und steht nun 30 Meter vor der Bühne, die sein Idol hoffentlich bald betreten wird. Seine Kamera hat er schon ausprobiert. Das Warten dauert noch endlose zweieinhalb Stunden. Die Band spielt die ersten Takte von Just Friends. Und dann kommt sie, im engen gelben Minikleid, das den neuen vollen Busen kaum bändigt, auf flachen Ballerinas.

 

»Na, endlich«, kommentiert Alexandre, »früher hat man sie gezwungen, High Heels zu tragen, und wenn sie gestolpert ist, hieß es, sie sei betrunken.« Dann sagt er nichts mehr, singt nicht mit, tanzt nicht, guckt nur wie hypnotisiert auf die Frau auf der Bühne, verfolgt ihre oft ungelenken Choreografien. Manchmal rennt sie wie ein kleines Kind hin und her, dann rückt sie ihren Busen gerade, schwenkt die mageren Hüften. Zwischendurch nimmt sie tiefe Züge aus einem Krug und dreht anschließend kleine Pirouetten, als wollte sie allen zeigen: »Seht ihr, ich bin nüchtern.«

Sie bringt die großen Hits, Rehab singt das Publikum begeistert mit. Ihre Stimme ist kraftvoll. Mehrmals überlässt sie die Bühne minutenlang der Band – was in Rio zu dem Kommentar führte, sie nehme hinten Drogen.

Ist bei ihr alles gut? So richtig von dieser Welt wirkt sie an diesem Abend nicht. Als sie irgendwann bei einer Pirouette kurz das Gleichgewicht verliert, applaudiert das Publikum. Sie muss selbst lachen – und wirkt, als hätte sie ihr Missgeschick von einem Druck befreit. Sie dankt es ihm mit der längsten Show der Tour, 75 Minuten.

Um kurz nach halb zwei ist Schluss. Tausende drängen hinaus in die laue Sommernacht. Alexandre geht schweigend und noch wie betäubt zu Fuß in seine Pension. Morgens um sieben fährt sein Bus zurück ins fünf Stunden entfernte Natal, am Tag darauf wird er wieder kellnern. Dann wird er seinen Kollegen die Fotos und Filme zeigen, die er heute Nacht aufgenommen hat.

»Ich kann es noch nicht richtig glauben«, sagt er, »ich habe sie wirklich gesehen!«

Bemerkt habe sie ihn leider nicht, obwohl er sich im November ein drittes Bild von ihr in die Haut hat stechen lassen; außer dem Ganzkörperporträt auf dem einen Arm und dem Porträt auf dem Rücken ziert jetzt eine Karikatur von ihr seinen anderen Oberarm. Nächsten Monat wird ein viertes Tattoo dazukommen, auf die Brust über das Herz, nur drei Buchstaben, ihre.