Steve Jobs Göttliches Band
Dem Apple-Chef haftet der Nimbus eines alteuropäischen Monarchen an, um den sich die Untertanen sorgen.

Steve Jobs während einer Produktvorstellung im September 2010
Als Steve Jobs, der Apple-Chef, vor rund einem Jahr das iPad vorstellte, jenes Zwittergerät aus Smartphone und Laptop, konnte man die Präsentation sogar, als handelte es sich um das Endspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, im Liveticker von Onlinemedien nachverfolgen. Man notierte noch die beiläufigste Geste, rühmte sein Charisma, feierte das neue Produkt, bemerkte aber auch, dass Jobs ziemlich abgenommen hatte. Jobs war in der Vergangenheit schwer erkrankt gewesen. Er litt unter Bauchspeicheldrüsenkrebs, ihm musste später eine Leber transplantiert werden. Als Anfang der Woche bekannt wurde, dass Jobs erneut eine Auszeit vom Alltagsgeschäft nehmen muss, fielen die Aktienkurse rasant.
Kein Konzern scheint derart abhängig vom Gesundheitszustand seines Vorstandschefs zu sein wie Apple. Kein Konzern scheint mit seinem Vorstandschef derart in eins zu fallen.
Eigentlich hat man es sich längst abgewöhnt, Individuen eine allzu große Rolle im Lauf der Ereignisse zuzusprechen. Die Geschichtsschreibung konzentrierte sich einst darauf, Entscheidungen von großen Feldherren, mächtigen Herrschern oder Wirtschaftsbossen zu beschreiben und anschließend zu bewerten. Das schien der Moderne als ein ziemlich naiver Blickwinkel, man nahm sich komplexerer Strukturen an: Es wurden Ausbeutungsverhältnisse als Motor der Geschichte betrachtet, Mentalitäten, Diskurse und Schwarmintelligenzen. In unserer Gesellschaft scheint das Individuum jedenfalls einigermaßen machtlos, zu sehr handelt es in einem Netz aus Abhängigkeiten, um noch heroische Entscheidungen zu fällen – Soziologen sprechen von einer funktionalen Differenzierung aller Lebensbezüge.
Apple-Chef Steve Jobs aber haftet der Nimbus eines alteuropäischen Monarchen an. Die Fixierung auf den Gesundheitszustand des Apple-Chefs lässt sich jedenfalls mit dem besorgten Blick der Untertanen auf einen kranken Fürsten vergleichen. Man fürchtete einst nicht ohne Grund das Machtvakuum, das durch sein Ableben entstehen könnte. Das göttliche Band zwischen Volk und Herrscher wäre für eine gefährliche Zwischenzeit unterbrochen. So dachten offenbar auch viele Aktionäre nach der unheilvollen Nachricht über die Erkrankung Jobs’, deren Ausmaß noch unklar ist, und verkauften ihre Anteile.
Es gehört jedenfalls zum Reiz der Firma Apple, dass die avantgardistischen Produkte im Zeichen der Vormoderne vertrieben werden: Sobald der religiöse Zusammenhalt zwischen Jüngern und ihrem gottgleichen Anführer zu zerbrechen droht, scheint sogleich auch von den Produkten weniger Glanz auszustrahlen. Wie diese ja überhaupt stark auf den individuellen Körper ausgerichtet sind, mit ihm tendenziell verschmelzen. Hackte man einst dumpf in die Tasten einer extern angeschlossenen Tastatur oder bewegte eine extern angeschlossene Maus, so streicht man heute sanft über einen empfindlichen Bildschirm. Der Körper Jobs’ ist der jedes einzelnen Nutzers seiner Produkte.
Man könnte derlei, wie einst die Kritische Theorie, durchaus als Verblendung geißeln. Man könnte vom Fetischcharakter der Ware sprechen, von ihrem faulen Zauber, ihrer quasireligiösen Ausstrahlung. Den eleganten Apple-Produkten sieht man jedenfalls nicht an, dass sie von irgendwem, irgendwo, unter womöglich schwierigen Arbeitsbedingungen produziert worden sind. Sie scheinen während jeder Apple-Präsentation von Jobs wie Wunderwerke vom Himmel zu fallen.
Man könnte natürlich genau das auch feiern: als eine erstaunliche Erneuerung des Kapitalismus. Steve Jobs hat seinen Produkten eine Magie verliehen, die jeder Ideologiekritik trotzt. Es scheint allerdings, als seien sie, um auch in Zukunft attraktiv zu wirken, auf ihren Zaubermeister angewiesen.
- Datum 20.01.2011 - 15:51 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.1.2011 Nr. 04
- Kommentare 15
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Klar steht Steve Jobs an der Spitze von Apple. Und klar richten sich alle Augen auf den ehemaligen Garagentüftler. Doch etwas Entscheidendes wird dabei vergessen: Steve ist schon seit Jahrzehnten nicht mehr der Mann, der die Produktentwicklung bei Apple voran treibt. Es sind Leute wie Tony Fadell, die man eingekauft hat. Ich kann diese Steve-Manie nicht mehr hören.
Trotzdem gute Besserung und auf eine baldige Rückkehr in das Unternehmen Apple.
mfg (Ein Android und PC User)
Dieser bizarre Personenkult ist mir genauso unverständlich wie der Run auf offensichtlich mittelmäßige Produkte von Apple.
Ich bezweifle, dass Jobs dieses Zeug selber entwickelt, es wäre schlimmer, wenn in der Entwicklung ein Magen-Darm-Infekt umgeht.
Allerdings ist Apple mittlerweile ohnehin eher ein Modelabell als eine Technikschmiede.
Dass es endlich auch mal jemand anderes ausschreibt, was mir schon seit geraumer Zeit durchs Hirn geistert. Aplle ist einfach nur Lifestyle, nicht mehr. Alle wollen so lange nonkonfomistisch sein, bis sie selbst Mainstream sind.
[...]
Anm: Verzichten Sie bitte auf unsachliche und geschmacklose Vergleiche. Die Redaktion/km
Dass es endlich auch mal jemand anderes ausschreibt, was mir schon seit geraumer Zeit durchs Hirn geistert. Aplle ist einfach nur Lifestyle, nicht mehr. Alle wollen so lange nonkonfomistisch sein, bis sie selbst Mainstream sind.
[...]
Anm: Verzichten Sie bitte auf unsachliche und geschmacklose Vergleiche. Die Redaktion/km
"Zulieferer würden die Umwelt verschmutzen und Arbeiter krank machen, kritisieren 30 Organisationen. Auch Nokia, LG und Sony bemängelt."
abendblatt.de
Gewinne durch Ausbeutung ?
"um den sich die Untertanen sorgen"
Wer sorgt sich? Ein paar Aktionäre. Und unübersehbar die Medien. Ich persönlich kenne niemanden, dem der Gesundheitszustand des Herrn Jobs schlaflose Nächte bereitet - oder überhaupt im entferntesten interessiert.
Damit blieben als Jobs besorgte "Untertanen" im wesentlichen die Journalisten übrig. Wenn man die bemerkenswerte Berichterstattung der letzten Jahre über alles, was mit Apple zu tun hat, bedenkt, macht diese Einordnung absolut Sinn.
Danke an den Autor für soviel Offenheit!
Der König und seine Untertanen? Letztlich suggeriert der Artikel doch beim Gerede über die Magie der Produkte und deren Anziehungskraft, dass die Kunden von Apple die verehrende, untertänig und erfürchtig staunende Masse sei. Das könnte aber falscher kaum sein. Wahrscheinlich kennen weit weniger der Kunden überhaupt den Namen ihres Herrschers als man als Journalist meint - und noch weniger werden sich vermutlich für Jobs als Person interessieren. Es wird hier immer eines vergessen: Die gesamte Inszenierung von Steve Jobs zielt auf Journalisten ab und geht dort auch auf. Als Nicht-Journalist kann man nur mutmaßen, wieso die Inszenierung bei Journalisten auf fruchtbaren Boden fällt. Doch bei den Presse-Veranstaltungen, die im Artikel mit der Fußball-WM verglichen werden, sind nur Journalisten zugegen. Sie sind es, die jubeln und jedes Wort des Meisters glückselig beklatschen. Das sollte man - auch als Journalist - nicht vergessen. Thematisch passt daher der Artikel "Der Journalismus siecht" - der heute bei Zeit Online erschien und bei dem sich lange und ausführlich beklagt wird, wie die PR dem Journalismus in der Ausbildung zusetze - sehr gut zu diesem.
"Man könnte vom Fetischcharakter der Ware sprechen, von ihrem faulen Zauber, ihrer quasireligiösen Ausstrahlung."
Bisher hatte ich nicht erwartet, dass es zum Stil DER ZEIT gehört, mit derartigen Begriffen den Erfolg von Apple mit S.Jobs zu erklären, insbesondere, wenn diese Bemerkungen NICHT durch Fakten belegt werden. In diesem Sinne stimme ich @minhen voll zu.
Vielleicht es wäre es eine (vielleicht zu anspruchsvolle?) Aufgabe eines Redakteurs, diese Erfolge durch Vergleich mit den Führungskonzepten anderer, erfolgreicher oder nicht erfolgreicher Unternehmen zu vergleichen. Einen entsprechenden Versuch, der sich nicht auf die Ebene niedriger Beweggründe begibt, habe ich hier (http://www.windows7news.c...) gefunden. Darin wird versucht, die Unterschiede in den Führungsprinzipien zwischen Microsoft und Apple herauszuarbeiten, ohne eines der Unternehmen in Frage zu stellen - es wäre eine gute Vorlage für den Artikel gewesen. Und vielleicht könnte man die Überlegung auch auf deutsche Unternehmen ausdehnen.
"Man könnte vom Fetischcharakter der Ware sprechen, von ihrem faulen Zauber, ihrer quasireligiösen Ausstrahlung."
Bisher hatte ich nicht erwartet, dass es zum Stil DER ZEIT gehört, mit derartigen Begriffen den Erfolg von Apple mit S.Jobs zu erklären, insbesondere, wenn diese Bemerkungen NICHT durch Fakten belegt werden. In diesem Sinne stimme ich @minhen voll zu.
Vielleicht es wäre es eine (vielleicht zu anspruchsvolle?) Aufgabe eines Redakteurs, diese Erfolge durch Vergleich mit den Führungskonzepten anderer, erfolgreicher oder nicht erfolgreicher Unternehmen zu vergleichen. Einen entsprechenden Versuch, der sich nicht auf die Ebene niedriger Beweggründe begibt, habe ich hier (http://www.windows7news.c...) gefunden. Darin wird versucht, die Unterschiede in den Führungsprinzipien zwischen Microsoft und Apple herauszuarbeiten, ohne eines der Unternehmen in Frage zu stellen - es wäre eine gute Vorlage für den Artikel gewesen. Und vielleicht könnte man die Überlegung auch auf deutsche Unternehmen ausdehnen.
"Man könnte vom Fetischcharakter der Ware sprechen, von ihrem faulen Zauber, ihrer quasireligiösen Ausstrahlung."
Bisher hatte ich nicht erwartet, dass es zum Stil DER ZEIT gehört, mit derartigen Begriffen den Erfolg von Apple mit S.Jobs zu erklären, insbesondere, wenn diese Bemerkungen NICHT durch Fakten belegt werden. In diesem Sinne stimme ich @minhen voll zu.
Vielleicht es wäre es eine (vielleicht zu anspruchsvolle?) Aufgabe eines Redakteurs, diese Erfolge durch Vergleich mit den Führungskonzepten anderer, erfolgreicher oder nicht erfolgreicher Unternehmen zu vergleichen. Einen entsprechenden Versuch, der sich nicht auf die Ebene niedriger Beweggründe begibt, habe ich hier (http://www.windows7news.c...) gefunden. Darin wird versucht, die Unterschiede in den Führungsprinzipien zwischen Microsoft und Apple herauszuarbeiten, ohne eines der Unternehmen in Frage zu stellen - es wäre eine gute Vorlage für den Artikel gewesen. Und vielleicht könnte man die Überlegung auch auf deutsche Unternehmen ausdehnen.
...geraumer Zeit sehr kritische Kommentare zu Apple postet doch neidlos anerkennen, dass Steve Jobs ein brillianter Verkäufer ist.
Natürlich werklen bei Apple zahlreiche kreative Menschen an den Produkten, aber ich glaube Steve Jobs ist der letzte Qualitätsprüfer, der solange mekert, bis das Produkt schleißlioch sein "perfekt finish"-Siegel aufgestemplet bekommt.
Als Mensch wünsche ich ihm natürlich, dass er sich wieder erholt. Ich würde ihm als Mensch aber auch raten, sich mehr zu schonen. Das Leben bietet doch mehr, als "bloß" der erfolgreichste Verkäufer der Welt zu sein.
Ob Apple weiterhin so erfolgreich ist wie bislang oder eben nicht: Das alles hat doch keine Bedeutung, wenn man darüber vergisst, was es bedeutet ein zufridenes, gesundes Leben zu erleben.
Steve ist nicht nur ein Verkäufer. Hätte er immer auf die tollen Analysten und Marketing Leute gehört gäb es Apple längst nicht mehr. Hinter Apple stehen Visionen. Das geht natürlich einem PC user ab. Da gibt es keine Visionen. Nur billige klapperige Computer wo die Tasten klemmen.
Die kleinen Computerserviceunternehmen werden nicht müde ihren Kunden Leistungen zu weit überhöhten Preisen zu verkaufen. Wären PC Kunden informiert wie der normale Apple Kunde würden sie alle schlecht verdienen. Bei uns in der Firma erlebe ich es jeden Tag wie die PC Leute ihre Kunden abzocken wollen. Weiter so mir ist es egal.
Steve ist nicht nur ein Verkäufer. Hätte er immer auf die tollen Analysten und Marketing Leute gehört gäb es Apple längst nicht mehr. Hinter Apple stehen Visionen. Das geht natürlich einem PC user ab. Da gibt es keine Visionen. Nur billige klapperige Computer wo die Tasten klemmen.
Die kleinen Computerserviceunternehmen werden nicht müde ihren Kunden Leistungen zu weit überhöhten Preisen zu verkaufen. Wären PC Kunden informiert wie der normale Apple Kunde würden sie alle schlecht verdienen. Bei uns in der Firma erlebe ich es jeden Tag wie die PC Leute ihre Kunden abzocken wollen. Weiter so mir ist es egal.
Aktienkurs steigt, Aktienkurs fällt. Das machen so Kurse, gerade bei so aufgeblasenen Werten wie bei Apple. Da ist eben auch viel Spekulation bei,
Die Auslassungen des Artikels über dei Beziehung der Apple Kunden zu den Produkten und zum Chef - nein. Das ist blanker Unsinn.
Und auch nicht originell, derlei liest man seit Jahren.
Ich mein, was soll's? Apple macht halt gerade erfolgreiche Produkte. Gut.
Der Hype kommt dann von so realitätslosem Gefasel ("Kommentaren"), und sonst nix.
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