Der Musikkritiker vom alten Schlag hält seinen Job für einen Traumberuf. Bei erlesensten Premieren bekommt er Freikarten. Die Leserschaft vertraut andachtsvoll seinem Urteil. Die Plattenfirmen schicken ungefragt tolle Neuaufnahmen. Sieht er sich allerdings um, muss er erschreckt feststellen: Das Klima hat sich verändert. Die Zahl der Redakteursstellen in Deutschland ist gesunken. Die Honorare für freie Mitarbeiter sind seit Langem eingefroren. Und viele Klassikredakteure müssen um jede Zeile kämpfen, seitdem alles und jedes als Kultur gilt und ins Feuilleton drängt, sogar Rebsorten, Thilo Sarrazin und die Hornbrille als solche. Längst ist es bei den Musikkritikern wie bei den Piloten: Nur wenige dürfen exotische Ziele anfliegen, die Mehrheit bewältigt viermal am Tag HamburgLeipzig und zurück. Oder muss hinnehmen, dass Verbindungen gekappt werden.

Holger Noltze leitet den neuen Studiengang für Musikjournalismus an der Universität Dortmund und ahnt die Gründe für diese Entwicklung. Nie war der Traum- auch Ausbildungsberuf, und um kreative Formen neben der kritikerpäpstlichen Rezension eines Klavierabends hat sich lange niemand gekümmert. Es sei lohnenswert, das zu ändern, sagt Noltze, und Musikjournalisten zu vielseitigen Fachleuten zu erziehen. »Die Bedeutung von Kommunikationsexperten für die oft als schwer vermittelbar angesehene klassische Musik wird wachsen«, glaubt Noltze.

Wer in Dortmund sein Handwerk lernt, soll nach dem Examen nicht nur die Kunst der geschliffenen Rezension beherrschen, sondern auch eine Radiosendung moderieren, Konzertgängern eine aufschlussreiche Einführung in eine sperrige Sinfonie von Hans Werner Henze bieten oder einen Programmheft-Essay für die Premiere der Zauberflöte schreiben können. Er kennt sich im Internet aus, versteht sich auch aufs Musikmanagement, kann ein Plattencover herstellen und steht dem modern-offensiven Macher näher als dem einsamen Rezensenten alter Schule. Noltze, selbst eine der Edelfedern der Branche, spricht gern vom »biografischen Unfall«, nach dem minderbegabte Pianisten oder musikgeneigte Germanisten zu Musikkritikern werden. Gelegentlich erlangen auch gänzlich Unbefugte Zugang zum Traumberuf, und wohin das führt, bespöttelte Georg Kreisler in seinem Musikkritiker-Chanson: »Ich hab zwar ka Ahnung, was Musik ist, / Denn ich bin beruflich Pharmazeut, / Aber ich weiß sehr gut, was Kritik ist: / Je schlechter, umso mehr freun sich die Leut.«

Vor solchen fidelen Auswüchsen des Amateurwesens sollen die Dortmunder Zöglinge gefeit sein. Zur Vermeidung von »Professionalitätslücken« (Noltze) statten die Dozenten ihre Studenten systematisch mit Proviant aus und kombinieren die an der Uni etablierten Ausbildungsgänge für Journalisten, Musiker und Musikwissenschaftler. Ihr Unterrichtsplan liest sich wie eine Anleitung zur Interdisziplinarität : montags Medienrecht, dienstags Gehörbildung und Harmonielehre, dann Ästhetik, mittwochs »Nachricht und Bericht«, donnerstags Musikgeschichte, Klavierunterricht und die eigene Klassiksendung Terzwerk im Campusradio, freitags »narrative Darstellungsformen«, danach Stimmbildung. Schon in der Eignungsprüfung mussten die Kandidaten musikalische Grundkompetenz nachweisen, später wird ihnen auch die Kenntnis von Terzverwandtschaften und Zwölftonstrukturen abverlangt. Soll keiner sagen, da schreibe einer über neue Partituren, die er nie entziffern könnte!

Beinahe mutet die Erziehung zum klassischen Musikjournalisten – gestuft in Bachelor- (sechs Semester) und Masterstudiengang (vier Semester) – wie produktiver Trotz an. Geht es der Klassikbranche nicht schlecht wie selten zuvor? Im Qualitätsgutachten der Prüfer zur Akkreditierung des Studiengangs liest man einen Satz, der auch in einem Arztbrief stehen könnte: Dass der Akzent auf die klassische Musik gelegt werde, ergebe Sinn, »denn vornehmlich das musikalische Kunstwerk im Bereich von Symphonie und Kammermusik ist ein leidender Patient, deswegen auf sorgfältige Vermittlungsarbeit besonders dringlich angewiesen«. Der Musikjournalist nach Dortmunder Art ist auch Therapeut, Dolmetscher und Muntermacher. Er glaubt an die Genesung der Klassik.