Der Eingangsbereich des Computerspielemuseums in Berlin © Jörg Metzner/Computerspielemuseum

Pac-Man wohnt jetzt dort, wo die Karl-Marx-Allee auf die Straße der Pariser Kommune trifft. Zusammen mit Zelda , Mario , Lara Croft und den pixeligen Außerirdischen aus Space Invaders . In Berlin-Friedrichshain öffnet an diesem Wochenende das Computerspielemuseum seine Dauerausstellung. Auf gut 500 Quadratmetern wird dort anhand von 300 Exponaten die Entwicklung der Digitalspiele dargestellt: Selbstgelötetes aus den Anfangstagen, ein Prototyp der ersten Spielkonsole Odyssey , Pong - und Asteroids -Automaten aus den Spielhallen (Arcades) der siebziger Jahre, und natürlich die millionenfach verkauften Konsolen von Atari, Sega, Nintendo und Microsoft.

Für Schulkinder ist das Ganze medienpädagogisch wertvoll aufbereitet worden. Vielen Erwachsenen zwischen 30 und 50 dürfte es eine mentale Zeitreise bescheren, etwa vor der grau-grün bemalten Wand der »Spiele-Meilensteine«: Hinter Glas stehen die Titel in Originalverpackung. Ein Griff zum Joystick, ein Knopfdruck, schon gibt ein Monitor prägnante Ausschnitte wieder.

Nostalgie für groß gewordene Spielkinder – so weit, so gut. Der bunt dekorierte Ort ist aber auch Schauplatz eines Ringens um das kulturelle Gedächtnis der Zukunft.

»Eigentlich ist das hier ein Archiv«, sagt Andreas Lange, der Leiter des Computerspielemuseums. Zu seinen Füßen, im Keller unter den Ausstellungsräumen, reihen sich metallene Magazinregale aneinander. In endloser Folge stehen bunt bedruckte Pappkartons voller Disketten, CD-ROMs, Kassetten, unterschiedlicher Cartridges und Speicherkarten. Neben 10.000 alten Magazinen lagern hier 16.000 Softwaretitel und 2300 Abspielgeräte und Controller. Die Kuratoren müssen sich fragen: Wie lange funktionieren die alten Geräte wohl noch? Und wie lange halten die Datenträger? Ob Hochliteratur, Avantgardekunst oder die Bestsellerschmöker von morgen – all diese Artefakte menschlichen Kulturschaffens verbindet etwas mit Pac-Man , Lara und Co: digitale Vergänglichkeit.

Viele Floppy Disks aus den siebziger und achtziger Jahren sind längst entmagnetisiert und damit unlesbar. Auch die Haltbarkeit einer Festplatte ist überschaubar. »Hat die digitale Kultur ein Gedächtnis wie ein Sieb?«, fragte die Berliner Informatikerin Constanze Kurz im November in der FAZ – eine rhetorische Frage. Das Schreckenswort lautet »digitale Amnesie«. Erst in der vergangenen Woche warnten die Autoren eines EU-Berichts davor, darunter die Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek, Elisabeth Niggemann. Unlängst hat die National Science Foundation der USA eine Taskforce »digitale Erhaltung« gegründet. Und die British Library in London hat ihren ersten »Kurator für elektronische Manuskripte« angestellt.

Dieser Spezialist ist unter anderem für den Nachlass des berühmten Evolutionsbiologen William Hamilton zuständig – 26 Kartons voller Floppy Disks. Und in Harvard werden gerade 50 alte Disketten voller Manuskripte, Rohfassungen, Redigaturen und Schriftwechsel des Schriftstellers John Updike gesichtet, die er kurz vor seinem Tod der örtlichen Houghton Library vermacht hatte.

Wie solche Dokumente erhalten, wie sie künftigen Generationen von Studenten, Wissenschaftlern und Fans zugänglich machen? Diese Fragen werden für die Archivare zusehends bedeutender. Immer mehr Druckerzeugnisse werden durch digitale Publikationen ergänzt oder gar ersetzt. Da ist es absehbar, dass es künftig viele Titel nur noch als eBook geben wird .

Auf welchen Geräten kann man sie in ein paar Jahrzehnten anschauen? Sicher nicht auf museumsreifen Exemplaren des Kindle oder des iPad, schon weil Unterhaltungselektronik überhaupt nicht auf lange Lebenszeit getrimmt ist. Vielmehr werden digitale Texte alle paar Jahre in ein neues Dateiformat umgewandelt werden müssen, damit sie auf den dann aktuellen Computern mit zukünftiger Software noch wiedergegeben werden können. Diese »Migration« ist vergleichbar mit der Mühsal eines privaten Anwenders, der Briefe im altertümlichen Programm WordPerfect verfasst hat und sie irgendwann in Dateien für Microsoft Word umwandeln musste: Stets war das lästig, manchmal nahm auch das Layout Schaden oder ging eine Schriftart verloren – aber wenigstens blieb der Inhalt bewahrt.