Geht es um das Leben eines Menschen, darf Geld keine Rolle spielen – da ist man sich schnell einig. Aber wären wir wirklich bereit, für jeden Kranken alles zu bezahlen? Was würden wir tun, wenn es 100 Millionen Euro kosten würde, das Leben eines Patienten um einen Tag zu verlängern? Wo liegt die Grenze? Sind 200.000 Euro für ein halbes Jahr akzeptabel?

Solche Fragen sind weder respektlos noch zynisch, sondern notwendig. Selbst im wohlhabenden Deutschland müssen die Bürger sich an den Gedanken gewöhnen, dass die finanziellen Ressourcen für die Medizin endlich sind – zum Beispiel, weil immer weniger Junge für immer mehr Alte aufkommen. Oder weil immer neue Behandlungsmethoden oft zwar besser sind, aber auch um ein Vielfaches teurer. Damit stellt sich die moralische Frage: Wie können wir den Bedürfnissen des Einzelnen noch gerecht werden, wenn wir diese Bedürfnisse nicht mehr bei allen bedienen können?

Wer diese Frage nur nach dem Bauchgefühl beantwortet oder sagt, sie zu stellen verstoße gegen den Solidaritätsgedanken, wird Ungerechtigkeit säen – gegen den Einzelnen und gegen ganze Gruppen. Menschen und Gesundheitssysteme neigen dazu, sich intensiv um diejenigen zu kümmern, die unmittelbar vom Tod bedroht sind. Weil klar ist, dass diese Patienten bald ihr Leben verlieren könnten, wird alles in Bewegung gesetzt: spektakuläre Rettungsfahrten, teure Operationsmethoden und aufwendige Chemotherapie. Wird solch ein Aufwand auch um einen still sterbenden Alzheimerpatienten getrieben?

Schon jetzt ist es so, dass nicht alle Krankheiten im Fokus der Forschung oder der Öffentlichkeit stehen. Ein sterbender Prominenter oder die Geschichte eines früh erkrankten Kindes machen es unmöglich, über begrenzte Mittel zu diskutieren. Wie viel schwerer ist es, sich für Tausende anonyme Schizophreniekranke starkzumachen, denen eine Psychotherapie helfen könnte, die sie aber mangels Therapeuten nicht bekommen?

In der ZEIT schreibt Martina Keller über krebskranke Patienten . Sie erhalten oft teure Medikamente – und doch heißt dies nicht, dass es ihnen hilft. Denn was auf den ersten Blick ideal zu sein scheint, kann bei näherem Hinsehen grundfalsch sein. Vielleicht hat man die Patienten nicht genügend über die Nebenwirkungen aufgeklärt, vielleicht nicht über die Unsicherheit statistischer Aussagen zur Überlebenswahrscheinlichkeit. Vielleicht haben sie nie von den Möglichkeiten eines würdigen Sterbens im Hospiz erfahren. Dass Patienten nur unvollständige und einseitige Informationen erhalten, liegt auch daran, dass die Pharmaindustrie sehr daran interessiert ist, möglichst teure Medikamente zu verkaufen. Mit dem Hinweis auf das Interesse des Patienten verspricht sie zusätzliche Lebenszeit.

Gelingt es nicht, die Pharmaunternehmen stärker in die Pflicht zu nehmen, muss die Gesellschaft sich trauen, in ihrem Gesundheitssystem Prioritäten zu setzen. Im Prinzip wird das längst getan – Arme werden anders versorgt als Reiche, abhängig von ihrem Versicherungsschutz. Aber ist das gerecht? Es gibt kein perfektes System. Alle Methoden, das Problem mathematisch oder ökonomisch zu lösen, haben ihre Fehler. Doch das bedeutet nicht, dass solche Berechnungen nicht helfen können, rationaler über das Problem zu diskutieren.