Die Hoffnung – für Wolfgang Behling hat sie die Farbe Weiß und ist in Form einer Tablette in sein Leben gekommen. Afinitor heißt das Medikament, das er einnimmt, zehn Milligramm täglich, seit fünf Monaten. Eine Zeit, für die Behling dankbar ist, weil keine Woche und kein Tag mehr selbstverständlich ist für ihn – seit dieser Diagnose: Nierenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Behling ist die Krankheit kaum anzusehen. Er ist ein schlanker, aber nicht dürrer Mann mit vollem grauem Haar. Im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses lodert ein Kaminfeuer, Behling schaut durch ein großes Fenster in den Garten. Hier hat er im vergangenen August seinen 50. Geburtstag gefeiert, mit einem großen Feuerwerk. Ein Nachbar rief wegen des Lärms die Polizei, aber Behling war das egal. Ein Jahr älter war er geworden, das musste gefeiert werden. »Es geht ja nicht darum, ob ich an dieser Krankheit sterben werde, sondern wann«, sagt er. »Und ich hoffe, dass mein neues Medikament die Krebszellen so lange wie möglich daran hindert, sich wieder auszubreiten.«

Durchschnittlich lebt man mit Wolfgang Behlings Diagnose nicht länger als 15 Monate. Behling ist jetzt in seinem fünften Jahr. Er hat vor Kurzem mit seiner Frau den 28. Hochzeitstag gefeiert. Er war dabei, als seine Tochter 17 wurde. Und er hat für ihre Zeugnisferien Ende Januar einen kurzen Familienurlaub gebucht. Die Horizontlinie seiner Planungen liegt nicht so fern wie bei anderen Männern seines Alters, die sich mitten im Leben wähnen – aber Behling traut sich wieder, seine nahe Zukunft zu gestalten.

All das auch dank Afinitor, glaubt Behling. »Ich bin zu einem guten Zeitpunkt krank geworden«, sagt er.

Noch vor wenigen Jahren konnten Deutschlands Ärzte Patienten wie Behling nicht mehr viel anbieten. Seit 2006 sind allerdings sechs neue, sehr teure Mittel gegen den fortgeschrittenen Nierenkrebs auf den Markt gekommen, Afinitor aus dem Hause Novartis ist eines davon. Dank dieser Medikamente sei die Therapie revolutioniert worden, schwärmen manche Krebsexperten – dankbar, dass sie ihren verzweifelten Patienten endlich etwas verschreiben können. Doch andere Onkologen, Fachärzte für Krebsleiden, meinen: Weit mehr als den Kranken helfen Mittel wie Afinitor der Pharmaindustrie. Weil nur die Kosten dieser Medikamente sicher seien, nicht aber ihr Nutzen.

So ist der Krebspatient Wolfgang Behling, ohne es zu ahnen, in einen Grundsatzstreit der Medizin geraten – dieses gewaltigen Geschäfts mit Wissen, Spekulationen und Heilsversprechen. Die Debatte kreist um Fragen, die kaum ein Arzt laut zu stellen wagt: Wie viel soll uns die Hoffnung auf ein paar Tage, Wochen oder Monate mehr Lebenszeit wert sein? Müssen die Krankenkassen für jeden noch so kleinen, manchmal sogar fraglichen Behandlungsvorteil jede Summe zahlen? Und an welcher anderen Stelle im System sollten sie dafür sparen: bei der Vorsorge, beim Hüftgelenk, beim Zahnarztbesuch im Kindergarten?

Die Geschichte des Medikaments Afinitor ist beispielhaft für dieses moralische Dilemma – und beispielhaft auch in ihrer Undurchschaubarkeit: Im deutschen Gesundheitswesen treffen ärztliche Moralvorstellungen auf Geschäftsinteressen und Marketingversprechen. Gerade bei einer derart gefürchteten Krankheit wie Krebs, die in einer alternden Gesellschaft von großem öffentlichem Interesse ist und von der Pharmabranche als besonders lukrativer Markt betrachtet wird.

Jedes neue Mittel lassen sich die Hersteller teuer bezahlen. Für jede Monatspackung Afinitor zahlt Wolfgang Behlings Krankenkasse 3967 Euro. Das sind mehr als 47.000 Euro pro Jahr. Es gibt Krebsmedikamente, die noch teurer sind. Kaum ein Unternehmen lässt sich das Geschäft mit den neuen Wirkstoffen entgehen: Mehr als 500 Mittel werden derzeit erprobt, etwa 40 dürften in den nächsten fünf Jahren zugelassen werden. Das könnte das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Schon heute belasten sogenannte Spezialpräparate, zu denen auch Krebsmedikamente zählen, die Arzneimittelbudgets der Krankenkassen zu mehr als einem Viertel. Obwohl sie nur zwei Prozent der Verordnungen ausmachen.

Für Afinitor hat der Schweizer Novartis-Konzern eine eigene Website eingerichtet. Ein kurzer Trickfilm soll den medizinischen Fortschritt durch das Medikament verdeutlichen: In der Animation rollt ein kraftloser Schnellzug an einem Bahnhof aus. Die Passagiere steigen in einen goldgelben Afinitor-Zug auf dem Gleis gegenüber um – und der fährt sie in ein Land ohne Grenzen.

»Einfach geschmacklos« findet das der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig . Ludwig ist 58, Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er sagt: »Wir wissen ganz genau, dass die Patienten nicht in einen Hochgeschwindigkeitszug umsteigen, sondern allenfalls in eine Regionalbahn.« Der Nutzen von Afinitor und vielen anderen Krebsmedikamenten sei völlig unzureichend belegt, meint Ludwig, die Preise nennt er schlicht obszön. »Uns fehlt dadurch das Geld für andere Möglichkeiten der Versorgung von Krebskranken, etwa psychosoziale Begleitung und Betreuung am Lebensende.«