Pharmaindustrie Der Preis des Lebens

3967 Euro im Monat kostet das Medikament, das der krebskranke Wolfgang Behling bekommt. Ob es sein Leben verlängert oder sein Leiden, kann niemand sagen.

Die Hoffnung – für Wolfgang Behling hat sie die Farbe Weiß und ist in Form einer Tablette in sein Leben gekommen. Afinitor heißt das Medikament, das er einnimmt, zehn Milligramm täglich, seit fünf Monaten. Eine Zeit, für die Behling dankbar ist, weil keine Woche und kein Tag mehr selbstverständlich ist für ihn – seit dieser Diagnose: Nierenkrebs im fortgeschrittenen Stadium.

Behling ist die Krankheit kaum anzusehen. Er ist ein schlanker, aber nicht dürrer Mann mit vollem grauem Haar. Im Wohnzimmer seines Einfamilienhauses lodert ein Kaminfeuer, Behling schaut durch ein großes Fenster in den Garten. Hier hat er im vergangenen August seinen 50. Geburtstag gefeiert, mit einem großen Feuerwerk. Ein Nachbar rief wegen des Lärms die Polizei, aber Behling war das egal. Ein Jahr älter war er geworden, das musste gefeiert werden. »Es geht ja nicht darum, ob ich an dieser Krankheit sterben werde, sondern wann«, sagt er. »Und ich hoffe, dass mein neues Medikament die Krebszellen so lange wie möglich daran hindert, sich wieder auszubreiten.«

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Durchschnittlich lebt man mit Wolfgang Behlings Diagnose nicht länger als 15 Monate. Behling ist jetzt in seinem fünften Jahr. Er hat vor Kurzem mit seiner Frau den 28. Hochzeitstag gefeiert. Er war dabei, als seine Tochter 17 wurde. Und er hat für ihre Zeugnisferien Ende Januar einen kurzen Familienurlaub gebucht. Die Horizontlinie seiner Planungen liegt nicht so fern wie bei anderen Männern seines Alters, die sich mitten im Leben wähnen – aber Behling traut sich wieder, seine nahe Zukunft zu gestalten.

Wie wird ein Arzneimittel entwickelt?

Am Anfang der Medikamentenentwicklung wählen Wissenschaftler und Manager des Pharmaunternehmens die Krankheit aus, die mit einem neuen Mittel bekämpft werden soll.

Im zweiten Schritt suchen die firmeneigenen Forscher nach dem geeigneten Angriffspunkt – meist ein körpereigenes Molekül, an dem ein Wirkstoff ansetzen und so die Krankheit heilen oder blockieren kann.

Dann beginnt die Suche nach dem Wirkstoff selbst: Welche »Leitsubstanz«, so die Forscher, passt am besten zum Angriffspunkt?

Labor

Anschließend werden die besten Wirkstoff-Kandidaten im Labor optimiert. Werden sie im Blut nicht zu schnell abgebaut? Bleiben sie an den Angriffspunkten haften?

Mit dem fünften Schritt beginnen die Tests und Studien: An Zellkulturen und Tieren untersuchen die Forscher unter anderem Wirksamkeit und Giftigkeit.

Studien

Jetzt wird der Wirkstoff am Menschen erprobt – zunächst nur an Gesunden. Bei diesen Studien geht es in erster Linie um Verträglichkeit und Nebenwirkungen.

Im siebten Schritt wird eine Darreichungsform entwickelt, etwa eine Tablette, Salbe oder Injektionslösung. Von nun an ist nicht mehr von einem Wirkstoff, sondern von einem Medikament die Rede.

Anschließend beginnt die zweite Phase der Studien am Menschen – nun mit wenigen Kranken. Einige erhalten das neue Medikament, andere vergleichbare Arzneien oder Placebos.

In der dritten Phase der Studien am Menschen erproben Ärzte den Wirkstoff langfristig an mehreren Hundert Patienten. Diese Studie hat Novartis bei Afinitor abgebrochen – mit dem Argument, Patienten, die Placebos bekamen, das neue Mittel nicht mehr vorenthalten zu wollen.
 

Zulassung

Im zehnten Schritt prüfen Experten der zuständigen Zulassungsbehörde die Ergebnisse aller Studien und entscheiden über die Zulassung des Medikaments. Jetzt können Ärzte das Mittel verordnen.

All das auch dank Afinitor, glaubt Behling. »Ich bin zu einem guten Zeitpunkt krank geworden«, sagt er.

Noch vor wenigen Jahren konnten Deutschlands Ärzte Patienten wie Behling nicht mehr viel anbieten. Seit 2006 sind allerdings sechs neue, sehr teure Mittel gegen den fortgeschrittenen Nierenkrebs auf den Markt gekommen, Afinitor aus dem Hause Novartis ist eines davon. Dank dieser Medikamente sei die Therapie revolutioniert worden, schwärmen manche Krebsexperten – dankbar, dass sie ihren verzweifelten Patienten endlich etwas verschreiben können. Doch andere Onkologen, Fachärzte für Krebsleiden, meinen: Weit mehr als den Kranken helfen Mittel wie Afinitor der Pharmaindustrie. Weil nur die Kosten dieser Medikamente sicher seien, nicht aber ihr Nutzen.

So ist der Krebspatient Wolfgang Behling, ohne es zu ahnen, in einen Grundsatzstreit der Medizin geraten – dieses gewaltigen Geschäfts mit Wissen, Spekulationen und Heilsversprechen. Die Debatte kreist um Fragen, die kaum ein Arzt laut zu stellen wagt: Wie viel soll uns die Hoffnung auf ein paar Tage, Wochen oder Monate mehr Lebenszeit wert sein? Müssen die Krankenkassen für jeden noch so kleinen, manchmal sogar fraglichen Behandlungsvorteil jede Summe zahlen? Und an welcher anderen Stelle im System sollten sie dafür sparen: bei der Vorsorge, beim Hüftgelenk, beim Zahnarztbesuch im Kindergarten?

Die Geschichte des Medikaments Afinitor ist beispielhaft für dieses moralische Dilemma – und beispielhaft auch in ihrer Undurchschaubarkeit: Im deutschen Gesundheitswesen treffen ärztliche Moralvorstellungen auf Geschäftsinteressen und Marketingversprechen. Gerade bei einer derart gefürchteten Krankheit wie Krebs, die in einer alternden Gesellschaft von großem öffentlichem Interesse ist und von der Pharmabranche als besonders lukrativer Markt betrachtet wird.

Jedes neue Mittel lassen sich die Hersteller teuer bezahlen. Für jede Monatspackung Afinitor zahlt Wolfgang Behlings Krankenkasse 3967 Euro. Das sind mehr als 47.000 Euro pro Jahr. Es gibt Krebsmedikamente, die noch teurer sind. Kaum ein Unternehmen lässt sich das Geschäft mit den neuen Wirkstoffen entgehen: Mehr als 500 Mittel werden derzeit erprobt, etwa 40 dürften in den nächsten fünf Jahren zugelassen werden. Das könnte das deutsche Gesundheitssystem an seine Grenzen bringen. Schon heute belasten sogenannte Spezialpräparate, zu denen auch Krebsmedikamente zählen, die Arzneimittelbudgets der Krankenkassen zu mehr als einem Viertel. Obwohl sie nur zwei Prozent der Verordnungen ausmachen.

Für Afinitor hat der Schweizer Novartis-Konzern eine eigene Website eingerichtet. Ein kurzer Trickfilm soll den medizinischen Fortschritt durch das Medikament verdeutlichen: In der Animation rollt ein kraftloser Schnellzug an einem Bahnhof aus. Die Passagiere steigen in einen goldgelben Afinitor-Zug auf dem Gleis gegenüber um – und der fährt sie in ein Land ohne Grenzen.

»Einfach geschmacklos« findet das der Onkologe Wolf-Dieter Ludwig. Ludwig ist 58, Chefarzt am Helios Klinikum Berlin-Buch und Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er sagt: »Wir wissen ganz genau, dass die Patienten nicht in einen Hochgeschwindigkeitszug umsteigen, sondern allenfalls in eine Regionalbahn.« Der Nutzen von Afinitor und vielen anderen Krebsmedikamenten sei völlig unzureichend belegt, meint Ludwig, die Preise nennt er schlicht obszön. »Uns fehlt dadurch das Geld für andere Möglichkeiten der Versorgung von Krebskranken, etwa psychosoziale Begleitung und Betreuung am Lebensende.«

Leser-Kommentare
  1. Solange unsere Regierung sich weiterhin ihre Gesundheitsgesetze von der Pharmaindustrie und Lobbyisten schreiben läßt darfman sich nicht wundern,
    wenn Verzweifelte ausgenommen werden wie die goldene Gans.

  2. als die Abwrackprämie und neue Bahnhöfe. Das was jetzt erforscht wird wirft immer. Uns, unseren Kindern und deren Kindern etc. Ich bin gerne bereit mehr zu zahlen. Ärzte und Patienten sollten frei entscheiden können.

    Der Fehler ersten Grades, das man ein medikament nicht verschreibt, welches helfen könnte, ist ethisch viel wichtiger als der zweiten Grades, ein unützen Medikament zu verschreiben und einem Pharmakonzern Geld zu schenken.

    Warum reiten alle auf den Gesundheitskosten herum? Es kostet weniger als die Unterhalts und Anschaffungskosten eines Mittelstandsautos. Meiner Meinung nach investieren wir nicht geur in Gesundheit. Ineffizienzen, Moral Hazard etc. müssen natürlich bekämpft werden, aber nicht auf kosten der Therapiefreiheit der Ärzte, der Qualität der Versorgung oder dem Recht auf Versorung für alle.
    Auch Pharmafirmen leisten dazu einen großen Beitrag,
    Vielleicht sogar einen der wichtigsten

    • traude
    • 24.01.2011 um 15:14 Uhr

    Das traurigste in meinen Augen ist, dass die Gewinne den Falschen zu Gute kommen.
    Bei dem im Artikel genannten Beispiel wurde auch nicht der Forscher, der durch hohe persönliche Opfer an einem Medikament geforscht hat entlohnt.
    Es sieht eher danach aus, dass die "Lenker", die immer die große "Verantwortung" tragen das Meiste abbekommen, aber nur, weil sie am längsten Hebel sitzen, nicht weil sie besondere Leistungen vollbringen.

    Das Geld _könnte_ sich Lohnen, wenn am Ende Erkenntnisgewinne in der Funktionsweise der Krankheit stünden.
    Dafür wird das Geld aber leider nicht verwendet, sondern in kurzfristige Heilsbringermedikament-Generierungs-Forschung gesteckt.

  3. 4. ~ 1365

    1997 hatte ich ein interessantes Gespräch mit einem "Laien" über das medizinische Allokationsproblem. Nach seiner Meinung sollte die bestmögliche Versorgung jederzeit allen Menschen zur Verfügung stehen. Diese aus dem Wissen um die Not von Kranken, Leidenden geborene Forderung ist verständlich, sie ist aber nicht rational. Dies zeigte sich auch daran, dass dieser Mensch auf keines meiner Gegenargumente eingehen konnte, einschließlich eines in den Medien geschilderten Falles, bei dem ein Tscheche etwas nicht erhielt, was ein paar Kilometer weiter, in Bayern, selbstverständlich war - weil Tschechien damals nicht das Geld für alle theoretischen Patienten aufbringen konnte. Auch der Verweis auf "orphan diseases" nützte nichts, obwohl dies auch deutsche Realität war. Ganz zu schweigen von dem schon damals beklagten Mangel in der Palliativmedizin.

    Das Interessante daran war, dass auch ein Professor mit eigentlich profunden Kenntnissen daran teilnahm - und trotzdem die Meinung des Laien teilte. Auch er verstrickte sich bei den Fragen einer Finanzierung.

    In unserem System kostet Forschung Geld. Ohne Profitaussichten wird sogar fast nie geforscht. Die neuere Medizin beseitigt nicht die Krankheiten, sondern kann sie bestenfalls heilen. Ihre Kosten steigen, immer weiter, weil immer mehr möglich wird. Aber die Menschen wollen nur das eine hören: Die Vorteile. Alles soll so bleiben, wie bisher, nur mehr und besser soll es werden. Eine Debatte will niemand.

  4. Damit es richtig verstanden wird: Es gibt noch Einsparmöglichkeiten und man kann natürlich auch die Profite der Pharmaindustrie beschneiden. Aber man sollte sich nicht täuschen. Sobald es sich weniger lohnt, wird weniger getan. Eine staatswirtschaftliche Forschung gibt es fast nicht. Und es ist nicht so, dass es bislang keine Grenzen gab - daher mein Verweis auf orphan diseases, seltene, praktisch nicht beforschte Krankheiten.

    Wir haben überhaupt keinen Plan für solch ein Geschehen. Einerseits haben wir einen endlichen Topf, andererseits ein beinahe unendliches Arbeitsgebiet. Das Ergebnis einer Forschung, die selbst schon kostet, ist fast immer eine weitere Kostensteigerung. Zwar setzen mit der Zeit Effekte ein, die die Kosten senken. Aber gleichzeitig sorgt jede überstandene Krankheit für einen länger lebenden Menschen. Und alte Menschen haben mit großer Wahrscheinlichkeit viele Krankheiten und weitere, kostspielige Bedürfnisse.

    Die englischen Verhältnisse sind nicht viel besser. Man hat nur die Notwendigkeit einer tiefergehenden Diskussion aufgeschoben. Ein Medikament, das ein Jahr Leben einbringt, aber 35000 Euro dafür kostet, erfordert rund zehn Jahre Beiträge in die Krankenversicherung - ohne sonstiges. Auch die Pflegesätze sehen bei uns ähnlich aus.

    Wie der Kranke selbst, hoffen wir auf ein Wunder.

    • kinnas
    • 24.01.2011 um 15:48 Uhr

    Die Studien müssen so ausgelegt sein, daß bei kurzfristigem "Verdacht auf Heilung" das Medikament ausgegeben werden kann, aber alle Studienteilnehmer müssen die Studie fortführen, so daß auch langfristig gewährleistet ist, daß das Medikament gut ist.

    Das ist ein bischen wie im Management, was bringt das schnelle Geld, wenn man 2 Tage später bankrott ist?

    Oder: Was bringt mir die "Möglichkeit" ein paar Tage länger zu leben, falls überhaupt, wenn ich dann währenddessen kein lebenswertes Leben mehr habe (Dank Nebenwirkungen zB)

    Faktisch MÜSSEN also brauchbare Studien her, gerade aus ethischen Gründen! Es bringt doch nichts, 50 Personen aus einem Verdacht heraus helfen zu wollen, wenn dafür dann alle nachfolgenden einem falschen Verdacht unterliegen und früher sterben.

    Meiner Meinung nach wird hier von der Pharma-Industrie mit zweierlei Maß gemessen.

    Neue Medikamente, die wirken will sicherlich jeder. Auch wenn sie teuer sind. Aber dann soll doch bitte auch gewährleistet sein, daß sie wirken.

    Eine Leser-Empfehlung
  5. Wer entsetzt ist ueber die hohen Kosten der Krebsbehandlung, die nach wie vor leider nur relativ geringe Lebensverlaengerung fuer viele Patienten mit sich bringt, der sollte sich fuer Krebspraevention einsetzen.

    Gardasil Impfungen retten Menschenleben durch Verhinderung von HPV-induzierten Krebsleiden.

    Regelmaessige Darmspiegelungen verringern das Risiko fuer Darmkrebs um ungefaehr 80%: http://www.ncbi.nlm.nih.g...

    Eine Leser-Empfehlung
    • Folko
    • 24.01.2011 um 16:56 Uhr

    Wie so oft in diesem Land fehlt leider eine ergebnisoffene Diskussion der Gesellschaft. Ohne Lager etc.
    Es sollte unseren Politikern doch möglich sein, ein solches Thema, bei dem es kein richtig oder falsch gibt, dem Bürger offen darzulegen. Dabei einfach kein Ergebnis vorschlagen, sondern nur die Fakten und Grundsätzlichen Möglichkeiten aufzeigen, grob: alles behandeln und neuste Medikamente einsetzen -> Preisexplosion auch unter Beachtung der Demographie ODER Kosten/Nutzen Abwägung mit den Problemen der Ethik und bei wie viel Euros die Grenze gesetzt wird.
    Dann eine Plattform für eine lange (3-5 Jahre) Diskussion bereitstellen und pflegen mit abschließender Volksabstimmung wobei Werbekampagnen von Firmen verboten werden.
    Diese und andere grundsätzliche Fragen, wie das kommende Rentenproblem, lassen sich nur von der Bevölkerung und nicht nach dem Parteibuch lösen.

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