Dioxin-skandal Die Wende der Ilse Aigner

Erst wartete die Agrarministerin Ilse Aigner beim Dioxinskandal ab, dann wurde sie zornig. Jetzt handelt sie ganz einfach.

Es macht einfach keinen guten Eindruck, wenn ein Kabinettsmitglied von der Kanzlerin zu »Ruhe« und »sachlicher Aufklärung« aufgefordert wird, so wie Ilse Aigner im Dioxinskandal. Der Grund: Die Verbraucherministerin hatte, stark unter Beschuss, am Wochenende Niedersachsens Ministerpräsidenten David McAllister ermahnt, »personelle Konsequenzen« zu ziehen, weil sie sich von dessen Behörden mangelhaft informiert fühlte.

Ihr Zorn war zwar verständlich: Da besuchte sie das Oldenburger Verbraucherschutzamt und erfuhr erst nach der Rückkehr in Berlin, dass im Herzland der Massentierhaltung weitere Agrarbetriebe geschlossen werden mussten. Aber sollte eine Bundesministerin einem Landespolitiker Vorschriften machen, ohne die Abläufe im Detail zu kennen? Noch dazu: eine CSU-Politikerin einem Unionskollegen von der CDU?

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Aigner verlor offenbar die Nerven. Der Streit auf dem Höhepunkt der Futtermittelkrise bewies vielen Kommentatoren erneut: Diese Ministerin ist im Ernstfall überfordert. Bild hatte sie schon zuvor als »UngeAIGnert« disqualifiziert; die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, den Rücktritt gefordert. Dann wurde die Bayerin doch kein Bauernopfer, im Gegenteil. Bei ihrer bisher wohl härtesten Bewährungsprobe gelang ihr am vergangenen Dienstag in der Sonderkonferenz mit den Bundesländern zumindest ein Etappensieg.

Nach Tagen der Blässe trat sie diesmal strahlend auf

Klar wurde unter anderem, dass sich hinter der Kontroverse um ihre Rolle im Futtermittelskandal ein Systemfehler verbirgt: Alle schauten nach Berlin, obwohl für die Kontrollen die Bundesländer zuständig sind. Diesen föderalen Konflikt, für den der Krach mit McAllister nur ein Symptom war, gelang es am Dienstag einstweilen zu entschärfen. Dass sich alle für Landwirtschaft und Verbraucherschutz zuständigen Landesminister in Berlin trafen, war schon ein Novum. Nach der um Stunden überzogenen Sitzung konnte Aigner schließlich einen gemeinsamen Aktionsplan präsentieren: strahlend, nach Tagen der Blässe und dunkler Augenringe.

In den ersten Tagen des Giftskandals hatte sie lediglich abwartend auf den Aufklärungsbedarf und auf die Zuständigkeiten anderer verwiesen. Das war zwar formal korrekt – aber zu defensiv. So ist sie eben: Die Radio- und Fernsehtechnikerin aus dem schönen Oberbayern gilt als nett, nüchtern und sachlich. In ihren Parteiämtern hat sie die Vizeposten inne, dabei kann sie durchaus mal burschikos sein. Die Rolle des Alphatiers indes, das allen zeigt, wo es langgeht, liegt ihr nicht. Genau das aber erwartet die Öffentlichkeit, wenn es um etwas so Bedrohliches geht wie Gift in Fleisch und Eiern. Gerade in Situationen der Unklarheit ist Kommunikation bereits die Botschaft. Dann wollen Mütter, die ihren Kindern Wurst und Eier zu essen geben, keine banalen Beruhigungen, die auch noch im Ton einer Einserschülerin vorgetragen werden: »Alles wunderbar gelaufen.«

Medien und Bürger geben sich durchaus widersprüchlich. Den gleichen Politikern, von denen angeblich ohnehin nichts mehr zu erwarten ist, wird abverlangt, dass sie die Lage ausgerechnet dann im Griff haben, wenn sie richtig brenzlig ist. Dass Ilse Aigner diesem Bedürfnis hätte begegnen müssen, wenigstens symbolisch, hat sie unterschätzt.

So hätte sie die Länder viel früher einbestellen müssen. Das war ihr erster Fehler. Der zweite war gewichtiger: Die Ministerin lieferte dann doch ein Symbol – aber unfreiwillig und genau das falsche. Statt der Länder fragte sie ausgerechnet die Industrie als Erste nach Lösungsvorschlägen. Das nährte das Misstrauen und den Verdacht, Aigner traue sich nichts. Erst nach der Ausweitung des Skandals und dem wachsenden Druck der Opposition – »Totalausfall!« – legte die Ministerin los.

Leser-Kommentare
  1. Ministerin Aigner hat sicher nicht besonders glücklich agiert, doch löffelt sie aktuell nur an der Suppe, an der bereits die Minister lange vor ihr, ob CSU, SPD oder Grüne geköchelt haben.

    Die Trennung der Produktion von Industrie- und Nahrungsfetten - eigentlich eine Selbstverständlichkeit - wird seit mehr als 10 Jahren vom Berliner Ministerium aktiv verhindert - gleich welcher Couleur der Minister war! (um nur ein Beispiel zu nennen)

    Der Hauptzweck der aktuellen Übung liegt in der Beruhigung des Wahlvolkes. Die eigentliche Schlagkraft der Maßnahmen ist lächerlich. Die Strafandrohungen für Täter und reale Strafen der eigentliche Skandal.

    Früher galt Brunnenvergiftung als Kapitalverbrechen, heute bestenfalls als Kavaliersdelikt.

  2. Es klingt auf den ersten Blick gut, aber wie foodwatch zurecht betonte kommt es nun auf unerbittliche Kontrolle an, wenn in kleinen Verhandlungszirklen mit der Industrie die Details der Umsetzung ausgehandelt werden.

    Dann wenn die Öffentlichkeit und Presse längst nicht mehr zuschaut, dann schlägt die Stunde der starken Lebensmittel- und Agrarlobby.
    Dieser Teil des Artikels trifft es:
    Zitat:Alle wird Ilse Aigner sowieso nicht überzeugen. Auch nicht die Koalition aus Bauern-, Umwelt- und Entwicklungsverbänden, die am kommenden Wochenende unter dem Motto »Wir haben es satt« gegen Gentechnik und Tierfabriken demonstrieren will. Dem Aktionsbündnis geht der politische Plan nicht weit genug. Es prangert das ganze System an: Wer nämlich massenhaft billiges Fleisch für Supermärkte und den Export ins Ausland fördere, der erhöhe auch das Risiko, dass auch in Zukunft auf die billigsten Futtermittelzutaten zurückgegriffen werde.

    Stellvertretend ist da Friedrich-Wilhelm Graefe zu Baringdorf, der im Vorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft sitzt. Er findet nach wie vor, dass sich die Ministerin zwar gerne »zur ökologischen Landwirtschaft bekennt, aber dann die Interessen der Agrarindustrie vertritt«.Ende

    Lippenbekenntnisse und vollmundige Ankündigungen sind eine Sache, eine konstequente und überprüfbare Umsetzung eine andere Sache.
    Deshalb ist Kontrolle und Wachsamkeit insbesondere auch der Verbraucher unabdingbar um ein weitermachen wie bisher zu verhindern.

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    • klasie
    • 20.01.2011 um 13:25 Uhr

    Die Probleme, auch die strukturellen, sind doch nicht neu, vielmehr seit Jahren bekannt. Der Bürger würde sich von unseren parlamentarischen Staatskünstlern etwas mehr Beweglichkeit wünschen. Nach einer absehbaren Katastrophe erst einmal bedächtig überlegen, welche Maßnahmen in Frage kommen, ist - gelinde ausgedrückt - eine Frechheit. Wenn ich in meinem Beruf auch nur annähernd so träge und ignorant wäre, würde ich morgen auf der Straße sitzen.

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    • hoppie
    • 20.01.2011 um 17:02 Uhr

    Der Artikel beschreibt ziemlich genau meinen Eindruck von Frau Aigners Handeln. Öffentlichkeitswirksam war das alle mal nicht, sodass man nur hoffen kann, dass ihr Konzept auch wirklich (schnell) Früchte trägt. Allerdings habe ich große Zweifel, schließlich ist es nicht der erste Fall von Dioxin in Lebensmittel in Deutschland. Die Geschichte in Deutschland lehrt uns ein anderes, denn bisher hat sich nichts geändert (hier zu sehen: http://www.youtube.com/wa...).

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  3. Wieso sind diese denn nicht seinerzeit unter der langen
    Ägide von Mundvoll-Künast geschlossen worden?

  4. höhere Lebensmittelpreise würden derartige Machenschaften verhindern!

    Für wie naiv halten uns Funktionäre und Politiker. Derartige Skandale sind das Ergebnis menschlicher Raffgier und die findet so oder so statt.

    Das Einzige was hilft sind häufige unangemeldete Kontrollen - in allen Bereichen der Wirtschaft, sonst sind die Firmen (wieder einmal) die Dummen, die sich an Recht und Gesetz halten.

    • k2
    • 21.01.2011 um 19:27 Uhr

    Ilse Aigner [...] glaenzt
    durch Inkompetenz im Netz und im Dioxin, wovon es mehr im Waschpulver als im Fleisch hat.

    http://www.who.int/mediac...

    Teile entfernt. Bitte achten Sie auf einen sachlichen Ton. Danke. Die Redaktion/wg

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