DIE ZEIT: Herr Thier, als Hirnforscher untersuchen Sie nicht nur geistige Fähigkeiten, sondern auch motorische Prozesse. Ist die Bewegungssteuerung etwa bei Fußballern nicht etwas sehr Simples im Vergleich zu kognitiven Höchstleistungen beim Schachspielen?

Hans-Peter Thier: Unter Schach verstehen die meisten von uns etwas unglaublich Forderndes. Doch die Hirnleistung, die dabei erbracht wird, ist problemlos mit einem relativ simplen Computerprogramm zu realisieren. Die Leistungen jedoch, die unser Gehirn in der Motorik vollbringt, sind außerordentlich. Wir erahnen bestenfalls etwas von deren Komplexität.

ZEIT: Sie wollen also behaupten, wenn ich auf dem Bolzplatz drei Gegner umdribbele, passiert in meinem Kopf mehr als im Denkorgan eines Schachspielers?

Thier: Natürlich. Die Informationsverarbeitung, die man auf dem Fußballplatz braucht, ist unendlich viel umfangreicher als etwa die während eines Schachspiels.

ZEIT: Wofür verbraucht denn ein Kicker seine Bits? Woran muss er denken?

Thier: Es geht hier nicht ums Denken. Denken ist ein bewusster Vorgang. Das meiste, was wir in der Motorik machen, passiert völlig unbewusst. Wenn ein guter Pianist am Klavier ein Stück perfekt spielt, wird er wahrscheinlich hinterher nicht genau sagen können, weshalb es so wunderbar geklappt hat. Es ist ein häufiges Missverständnis, dass wir Nachdenken zuerst mit Komplexität gleichsetzen. Die meisten Hirnleistungen, die wir erbringen, sind nicht wirklich überlegt.

ZEIT: Dann sind Ihre Feststellungen auch kein Widerspruch zur Fußballerweisheit »Dumm kickt gut«?

Thier: Im Prinzip nicht. Was wir unter »dumm« verstehen, beschränkt sich schließlich auf das, was wir üblicherweise mit Denken verbinden: bewusstes Räsonieren, logisch Argumente entwickeln. Dummheit ist, nüchtern betrachtet, eine Teilleistungsstörung. Wenn ich jedoch die Gesamtheit der Informationsverarbeitung berücksichtige, dann nimmt der nicht bewusste Anteil, der für Motorik zuständig ist, sehr viel mehr Raum ein.

ZEIT: Macht es einen Unterschied, ob einer in der Verteidigung, im Mittelfeld oder im Sturm spielt?

Thier: Ein Stürmer, der sich elegant auf kleinster Fläche im Strafraum bewegt...