Die Zeichen der Umkehr finden sich zum Beispiel in diesem Ostberliner Hinterhof. Die Fenster und Außenwände sind graffitiverschmiert, geöffnet wird nur auf Klopfzeichen, eine Klingel gibt es nicht. Immerhin klebt ein Plakat an der Tür. »Wir haben es satt« steht darauf. Eine Demo wird da angekündigt, für Sonnabend in Berlin, verbunden mit einem Aufruf zur Umkehr in der Agrarpolitik: »Nein zu Gentechnik, Tierfabriken und Dumping-Exporten.«

Von solchen Kundgebungen sind fürs nächste Wochenende gleich eine Reihe geplant. Auf einen frostigen Empfang können sich Landwirte, Ernährungsindustrielle und Politiker einstellen, die sich von Freitag an zur Grünen Woche, der größten Agrarmesse der Welt, in der Hauptstadt versammeln. 50 Busse sind angemeldet, bis zu 10.000 Demonstranten sollen den Agrarministern die Stirn bieten, über 120 Organisationen sind beteiligt. Ein Volk wendet sich ab von seinen Ernährern.

Gründe dafür gibt es reichlich. Der neueste ist der Dioxin-Skandel , der die Agrarministerin an den Rand des politischen Abgrunds gebracht hat und die Preise für Eier und für Schweinefleisch einbrechen ließ. Länger schon fragen sich Bürger, was da mit ihren Steuern geschieht: Jahr für Jahr verteilen die Staaten der Europäischen Union 100 Milliarden Euro Subventionen an ihre Landwirtschaft , davon 60 Milliarden direkt über Brüssel. Was kriegen sie dafür? Dioxin. Massentierhaltung. Gurken, Tomaten und Melonen, die sich in der Form unterscheiden, aber nicht im Geschmack. Nahrung, deren Gene zum Wohle der Industrie verändert wurden.

Die Bäuerin fragt zurück: »Und was war mit den Banken?«

Diese Frage wird das Wochenende beherrschen: Warum zahlen wir so viel für unsere Bauern und bekommen dafür so wenig zurück? Oder wie es Georg Häusler, der Kabinettschef des Brüsseler Agrarkommissars, sagt: »Auf der einen Seite verspricht die Politik die heile Welt, und auf der anderen Seite sind deutsche Verbraucher gerade konfrontiert mit einem Lebensmittelskandal größten Ausmaßes.« Antworten auf die Frage, was hier grundsätzlich schiefläuft, findet man nicht in Berliner Kongresshallen, sondern eher auf dem Land.

So wenig für so viel? Verena Nopper muss schmunzeln, als sie diesen Vorwurf hört. Spontan entgegnet sie: »Und was war mit den Banken?« Aber rechtfertigen muss sich die 50-jährige Juristin dauernd für die Subventionen, seit sie vor mehr als 15 Jahren den Schwarzwaldhof von ihren Eltern übernahm. Seither füllt sie Jahr für Jahr Anträge aus, um Geld von der EU und dem Land Baden-Württemberg zu bekommen. Ein schlechtes Gewissen hat sie deswegen nicht. Sie tut schließlich etwas für ihr Geld, und zwar sieben Tage die Woche. Der vorerst letzte Urlaub war die Hochzeitsreise nach Bad Ischl. 16 Jahre ist das her.

Ein einziger Stall steht neben dem Wohnhaus, darin sind 44 Milchkühe und weibliche Nachzucht untergebracht, insgesamt rund 100 Tiere vom kleinen Kalb bis zur ausgewachsenen Kuh. Das aber ist längst nicht alles. Verena Nopper bewirtschaftet mit ihrem Mann Marcus Mayr auch gut 50 Hektar Land, 38 davon haben sie gepachtet. Braucht dieser Hof Subventionen? »Nein«, sagt Nopper, »wir könnten darauf verzichten.« Ihr Mann kommt aus dem Stall, stemmt seine Hände in die Hüfte und sagt: »Ich brauche doch Brüssel nicht, um hier meine Milch zu verkaufen.«