Sonntagnachmittag vor zwei Wochen, eine ruhige Wohngegend in Toronto, Hausbesuch bei Leslie Feist , 34. Die Sängerin mit der vielleicht schönsten Stimme ihrer Generation, knapp 1,60 Meter groß und schmal, öffnet die Tür und bittet den Gast herein. Man steht gleich in einer großen, hellen Wohnküche, in der Ecke ein Kamin, ein überladener Kleiderständer. »Wollen Sie einen Kaffee?«, fragt sie entspannt, tänzelt zur Espressomaschine und zeigt auf ein paar Gewürze, »aus Kreuzberg vom türkischen Markt«, sagt sie, »habe ich gerade mitgebracht bekommen«.

Nach ein paar Minuten setzt sie sich an den runden Esstisch, das Gespräch kann beginnen. Sie hat gerade einen Dokumentarfilm fertiggestellt: Look At What The Light Did Now kommt diese Woche auf DVD heraus. Zwei Jahre hat sie an dem Film gearbeitet, eine lange Zeit in der schnelllebigen Welt des Pop. Er erzählt die Entstehung ihres letzten Albums The Reminder , das vor drei Jahren erschienen ist und der begleitenden Tournee, die Leslie Feist um die halbe Welt geführt hat. Der Film eröffnet dem Zuschauer ihren ganzen Kosmos.

Sie habe nicht wirklich geschlafen letzte Nacht, sagt sie. Obwohl sie seit zwei Jahren nicht mehr auf Tournee war, lebt sie immer noch nach einem Rhythmus, den sie »Rock clock« nennt: bis vier Uhr nachts aufbleiben, bis mittags schlafen. »Nachts«, sagt sie, »macht doch alles mehr Spaß. Und alles ist geschützt von einem Mantel der Dunkelheit.«

Blauer, weit geschnittener Pullover, ebenso blaue, enge Hose, braune, schmale Lederschuhe, die Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden: So sitzt sie da, ein Bein leicht angewinkelt und unter das andere gelegt. Und erzählt, wie aus Leslie Feist, einem Mädchen, das in der kanadischen Provinz aufgewachsen ist, ein Star namens Feist geworden ist.

Es ist ihr dabei etwas gelungen, was heute nur noch wenigen französischen Schauspielerinnen nachgesagt wird: Sie ist eine Berühmtheit, umgeben von einer Aura des Intimen. Einerseits ist sie seit Jahren eine der weltweit erfolgreichsten Musikerinnen ihrer Generation, verkauft Hunderttausende CDs, spielt in ausverkauften Stadien, tritt in der Sesamstraße und in einem Werbespot von Apple auf. Andererseits bekommen ihre Fans ein beinahe verschwörerisches Leuchten in die Augen, wenn sie von ihr reden, schwärmen von der leisen, bezaubernden Stimme, von ihren Songs und von ihren Konzerten wie von Begegnungen mit einer guten Freundin, die man schon lange kennt. Sie ist, in der Sprache der Popkultur, Independent und Mainstream. Sie ist ein leiser Superstar.

Wie geht das? Wie bewahrt man sich als Star im Zeitalter von Blogs, Facebook und Twitter, eine Aura des Fürsichseins, ausgerechnet in einer Branche, die so sehr von der maximalen Aufmerksamkeit lebt? »Ich habe eine Allergie gegen die Sozialen Netzwerke im Internet«, sagt Leslie Feist. »Ich weiß, das klingt altbacken, aber ich kann in dieser Art der Kommunikation noch keine Schönheit entdecken. Ist das nicht eine Sparversion dessen, was wir unter einer echten Begegnung verstehen?« Sie habe wieder angefangen, Briefe auf Papier zu schreiben, mit der Hand, sie liebe die Vorstellung, dass es bei einem Brief nur einen einzigen Adressaten gibt, keine Hunderte von Facebook-Freunden, keine Gruppe von Empfängern wie bei vielen Mails, die heute verschickt werden – »da stehen oft 15 Leute in CC, mit einem Austausch von zwei Menschen hat das nichts mehr zu tun.« Oder das Verwenden von sogenannten Emoticons in Mails oder SMS, den Smileys und anderen Zeichen, die eingesetzt werden, um ein Gefühl auszudrücken: »Mir machen diese Zeichen Angst. Können wir nicht versuchen, unsere Sprache richtig einzusetzen, um uns auszudrücken? Man muss doch nur die richtigen Worte finden. Ich habe das Gefühl, dass es nur noch um Abkürzungen geht. Aber warum eigentlich?«

Abkürzungen. Leslie Feist kann mit ihnen nichts anfangen, in der Sprache nicht und auch sonst nicht. Sie ist Umwege gegangen, nicht freiwillig, aber heute, sagt sie, ist sie froh, dass ihr Erfolg nicht über Nacht kam, »wenn mir das alles mit Anfang 20 passiert wäre, hätte es mich umgehauen, da bin ich mir sicher«.