Liebeskolumne Ist er zu aggressiv?

Jede Woche beantwortet der Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer eine große Frage der Liebe. Diesmal: Warum rastet er wegen jeder Kleinigkeit aus?

Die Frage: Hans und Charlotte sind auf dem Heimweg von einer Party. Ein Taxi kommt vorbei, sie winken es heran, aber bevor sie einsteigen können, drängeln sich zwei Männer vor: »Wir warten hier schon eine halbe Stunde!« Der Taxifahrer hält sich raus, er hat jemand winken gesehen und weiß nicht, wer es war. »Das wäre das erste Mal, dass ich mir ein Taxi wegschnappen lasse!«, schreit Hans.

Die Männer bauen sich drohend auf. Charlotte beginnt zu zittern und zupft Hans am Ärmel. Hans zieht sich widerwillig zurück. Zwei Minuten später kommt das nächste Taxi, aber die Stimmung ist dahin. Charlotte klagt: »Ich ertrage diese Aggressionen nicht, seit Jahren rastest du wegen Kleinigkeiten aus!« Hans ist beleidigt: »Wenn du ein Weichei willst, musst du dir einen anderen suchen, ich werde mich nicht ändern!«

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Liebeskolumne
Lesen Sie hier alle bisherigen Ratschläge von unserem Paartherapeuten Wolfgang Schmidbauer

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Wolfgang Schmidbauer antwortet: Ein Teil der Konfliktpsychologie ist die Drohungskunde. Sie besagt kurz zusammengefasst, dass Drohungen in der Regel Gewalt nicht ankündigen, sondern helfen, sie zu vermeiden. Beobachtungen an Gorilla-Männchen haben gezeigt, dass deren ausgeprägte Drohrituale kaum je in Handgreiflichkeiten münden. Menschen haben sich in diesem Punkt gar nicht so weit von ihren Ahnen entfernt.

Drohende Männer können oft viel besser einschätzen, wie weit sie noch von Gewaltausübung entfernt sind, als Frauen, die sie beobachten. Während Hans nur überzeugend drohen wollte, sah Charlotte schon eine blutige Schlägerei auf sich zukommen. Und anders als feudale Damen genießen es emanzipierte Frauen nicht, wenn sich Männer ihretwegen duellieren.

Wolfgang Schmidbauer ist einer der bekanntesten deutschen Paartherapeuten. Was er in seiner täglichen Praxis erfährt, lesen Sie im Interview mit ZEIT ONLINE. Die Fragen seiner Kolumne werden in seinem Buch "Paartherapie: Konflikte verstehen, Lösungen finden" vertieft, das beim Gütersloher Verlagshaus erschienen ist.

Haben Sie auch eine "große Frage der Liebe"? Schicken Sie eine Mail an liebeskolumne@zeit.de

 
Leser-Kommentare
  1. Charlotte hat vollkommen recht. Wenn Hans auf einen anderen Hans trifft mag ja nichts passieren, es gibt aber (leider) auch Leute die nicht nur bellen. Ein unnötiges Risiko, außer man hat Spaß am Kämpfen.
    Wenn er das aber seit Jahren macht, hat er wohl ein Gespür dafür, wann er vor "seinem Mädel" den Held spielen kann und wann er es lieber bleiben lässt.
    Auch den vermeintlich wiederwilligen Rückzug, der aber dann trotzdem zügig vorangeht, kann man oft in freier Wildbahn beobachten:-)

  2. ...sondern Charlottes Verunsicherung ob seines "Ausrastens wegen jeder Kleinigkeit". Sich drohend vor jemandem aufstellen ist eine Sache, permanent wegen Kleinigkeiten herumbrüllen und aus der Haut fahren eine ganz andere.

    Was soll man jetzt aus dieser Antwort von Herrn Schmidtbauer schließen, die besagt, dass Drohgebärden lediglich dazu da seien, Streit zu vermeiden? Soll Charlotte nun dauernd denken, wenn sie von ihm angebrüllt wird: "Der beisst schon nicht, der bellt nur?"... und dann kuschem um ihrerseits den Konflikt zu vermeiden?

  3. ich bin zwar kein Psychologe, aber die das klingt für mich so, als hätte der Mann ein grundsätzliches Problem und dies scheint zur Frustration bei seiner Partnerin zu führen. Warum sonst beginnt Charlotte an zu zittern und lässt sich zu dem verzweifelten Ausruf hinreißen "seit Jahren rastest du wegen Kleinigkeiten aus!" und sie es nicht mehr ertrage...

    Hätte Charlotte diese Kolumne gelesen, hätte sie vielleicht nicht an seinem Ärmel gezupft, wonach Hans "sich widerwillig zurück" zieht. Ob es dann tatsächlich zu einer Deeskalation allein durch die Drohgebärde gekommen wäre...

  4. Was würde ich antworten, wenn eine Freundin mir diesen Vorfall erzählte? Ich würde erst mal nicht an ihrer emotionalen Reaktion zweifeln - zittern ist doch eine starke Reaktion - ausser ich wüsste, dass diese Freundin sehr schwache Nerven hat und auch in anderen Fällen unangemessen emotional reagiert.
    Weiter würde ich die Reaktion des Mannes als unangemessene Überreaktion auf eine Alltagssituation interpretieren. Anscheinend war kein Mangel an Taxis, nach 2 Minuten kam das nächste! Und vielleicht haben die zwei anderen an der dunklen Ecke schon viel länger gewartet als er, nicht ungewöhnlich nachts?
    Wie wärs mit einem netten Gespräch über die Party und gelassenem Warten als Verhaltenstip für den Mann statt einem für die Frau, sie solle die Aggresionen ihres Mannes als Erbe des Tierreichs akzeptieren lernen? Tse. Brauchen wir in einer modernen Welt "Gorilla-Männchen" im Überlebenskampf um Taxis?
    Und gegen wen oder was ging die Aggression eigentlich wirklich? War die Party blöd, oder oder - das wäre für mich naheliegender und interessanter als die Uhrzeit-Affen-Erklärung.
    Alice

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