Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © Nicole Sturz

Ich habe ein politisches Manifest verfasst. Erstens. Wenn es vor der Wahl heißt, falls ihr uns wählt, fangen wir alle frei laufenden Hühner ein und färben ihre Schnäbel, dann soll diese Partei, falls sie an die Regierung kommt, sofort damit beginnen, die Hühner einzufangen und Farbe anzurühren. Es mag sinnlos erscheinen. Es bringt nicht viel. Aber das ist Demokratie in Aktion. Wenn aber eine andere Partei sagt: »Wählt uns, wir führen den Kommunismus ein!«, dann möge diese Partei im Falle ihres Wahlsieges unverzüglich mit dem Aufbau des Kommunismus beginnen. Wenn aber die Partei, die den Kommunismus versprochen hat , stattdessen nach der Wahl mit all ihrer Kraft die frei laufenden Hühner einfängt, dann frage ich mich, was das Ganze überhaupt soll.

Zweitens. Wenn die Lage schlecht ist, so möge die Regierung erklären: »Die Lage ist schlecht.« Falls die Regierung über bestimmte Dinge nicht reden möchte, sollte die Regierung eine Erklärung des folgenden Inhalts abgeben: »Wir halten es für klug, über bestimmte Dinge im Moment nicht zu reden.« Wenn sie aber etwas nicht wissen, dann sollen sie sagen: »Ich weiß es nicht.« Einer solchen Regierung würde ich vertrauen.

Drittens. Die Regierung soll mir das Gefühl geben, dass sie mich für intelligent hält und nicht für dumm. Ich bekomme mehr mit, als man glaubt.

Viertens. Sie sollen, wenn sie etwas gefragt werden, ganz normal reden wie alle anderen auch.

Fünftens. Die Mitglieder der Regierung sollen Freunde haben und Freundinnen. Sie sollen sich richtig gut mit denen verstehen. Wenn aber ein Freund oder eine Freundin kommt und sie fragt, ob sie ihnen mithilfe eines neuen Gesetzes einen Gefallen tun können, dann sollen die Regierungsmitglieder sagen: »Nein.«

Sechstens. Wenn etwas funktioniert, muss es nicht geändert werden. Die Regierung soll folglich nur dort Änderungen oder Reparaturen vornehmen, wo etwas nicht funktioniert. Von allen anderen Dingen soll sie die Finger lassen. Wenn alles halbwegs okay läuft, sollte die Regierung am besten überhaupt nichts tun.

Siebtens. Die Regierung soll niemals etwas tun oder lassen, nur damit sie beliebt ist. Sie soll etwas tun, weil sie es für richtig und notwendig hält. Wenn man etwas Falsches tut, um beliebt zu sein, kommt früher oder später doch heraus, dass es falsch war. Wenn man etwas Richtiges tut und wird deswegen abgewählt, kommt früher oder später doch heraus, dass es richtig war.

Achtens. Es soll nicht alles immer komplizierter werden. Es soll nicht alles immer heller und glatter werden. Es soll nicht alles immer schneller werden. Ständig werden neue Sachen erfunden, die angeblich Zeit sparen, oder man kauft sich zum Beispiel eine Spülmaschine. Als ich noch mit der Hand gespült habe, hatte ich viel mehr Zeit als heute! Was will ich damit sagen? Ich weiß es nicht. Es soll jedenfalls nicht alles immer komplizierter werden.

Neuntens. Die Regierung soll niemals versprechen, dass es besser wird. Sie soll es auch gar nicht versuchen. Bei 65 Prozent aller Versuche, etwas zu verbessern, geht es kaputt. Die Regierung soll sich darauf konzentrieren, dass die Dinge nicht schlechter werden. Am Ende ihrer Regierungszeit soll sie sagen: »Wir haben dem Land nicht geschadet. Wir haben niemandem etwas Böses getan. Wir haben nichts kaputt gemacht, hier, schaut, wir übergeben das Land besenrein.« Diese Regierung wird man in guter Erinnerung behalten.

Zehntens. Man soll niemals erwarten, dass die Regierung besser ist als man selber.