Neusiedler SeeMit 100 Sachen nach Ungarn

Im Winter wird der Neusiedler See zur Rennstrecke. Die Eissegler preschen allen davon. Von Marc Bielefeld von Marc Bielefeld

Es ist Sonntag, sieben Uhr morgens und noch stockdunkel. Wohl nur wenige Menschen sitzen um diese Zeit schon freiwillig am Frühstückstisch und verlassen wenig später in Thermohosen, dicken Stiefeln und Daunenanorak vergnügt das Haus. Hans Zethner ist einer von ihnen. Gegen acht Uhr parkt er seinen Wagen am Jachtklub von Mörbisch am Neusiedler See. Bojen, Stege und Ausflugsdampfer sind in 20 Zentimeter dickem Eis festgefroren, das platte Burgenland liegt im kältesteifen Frostkleid unter grauem Himmel. Zethner blickt voller Vorfreude auf den See, über den er gleich mit mehr als 100 Stundenkilometern rasen wird: eine silbrige Fläche, die bis zum Horizont reicht, von Neusiedl im Norden 36 Kilometer bis nach Ungarn im Süden. Helles Schilf säumt den See, an seinen Ufern liegen schöne Orte wie Purbach, Winden oder Weiden. Hier und da ragt in der Ferne eine Dorfkirche aus dem Panorama. Es ist totenstill.

Zethners Gefährt steht noch vom gestrigen Ausflug auf dem Eis neben dem Steg: eine lange, pfeilförmige Karbonröhre auf drei Kufen, lackiert in Blaumetallic mit roten Flammen. Zethner hat den Eissegler selbst konstruiert und per Hand laminiert. Jetzt schlägt er das Segel an den dünnen Mast, ordnet ein paar Tampen. Nach wenigen Minuten schiebt er das Vehikel aufs offene Eis, setzt einen Sturzhelm und eine große Skibrille auf und zieht sich einen Neoprenschutz über Kinn und Nase. »Wenn der Gegenwind eine freie Hautstelle erwischt, friert’s dir die Poren weg«, sagt er und schickt ein derbes Lachen in die kalte Luft.

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Anreise

Mit dem Flugzeug bis Wien, von dort aus sind es noch 45 Minuten mit dem Mietwagen

Unterkunft

Gut Purbach, Hauptgasse 64, 7083 Purbach, Tel. 0043-2683/56086, www.gutpurbach.at. DZ ab 106 Euro inkl. Frühstück

Eissegeln

Schulen und Verleihstationen existieren nicht, die meisten Eissegler sind selbst gebaut und in Privatbesitz. Hans Zethner nimmt nach Absprache hin und wieder Gäste mit, Tel. 0043-664/4831004

Eine entschärfte Form des Eisseglers ist das "Blokart". Es ist etwas kleiner, gutmütiger und langsamer. Thomas Böhm von der Surfschule Upside Down in Podersdorf am See führt Schulungen und Schnupperkurse durch und verkauft die Blokarts. Infos unter Tel. 0043-676/3835165, www.usd.at
 

Auskunft

Burgenland Tourismus, Tel. 0043-2682/633840, www.burgenland.info/de

Es weht kaum Wind. Das Lüftchen bringt nicht mal ein Blatt zum Wackeln. Wie soll man da segeln? Zethner lacht. »Ein, zwei Windstärken reichen aus.« Dann schiebt er den Eissegler an, macht zwei, drei schnelle Schritte, hüpft ins offene Cockpit und liegt nun flach und nur Zentimeter über dem Eis. Kein Gurt sichert, keine Scheibe schützt ihn. Eine dünne Stange ist mit der Vorderkufe verbunden, damit lenkt er. Zethner dreht immer zuerst allein ein paar Proberunden; wenn die Bedingungen gut sind, nimmt er ab und zu Gäste mit.

Fast geräuschlos zieht er davon, nur ein leichtes Poltern ist zu hören. Der Mast biegt sich durch, man kann noch sehen, wie Zethner das Segel dichtholt. Dann rast er hinaus in die grauweißen Weiten des Sees, bis nur noch das Segel als senkrechter Strich zu erkennen ist.

Zethner bremst mit beiden Füßen. Kurz vor dem Steg kommt er zum Stehen

Für Ausflüge dieser Art ist der Neusiedler See im Osten Österreichs wie geschaffen. Im Sommer gleiten hier Segler und Surfer über das Wasser, im Winter erstarrt der nur 1,80 Meter tiefe Steppensee zur größten Eissportfläche Mitteleuropas, 142 Quadratkilometer umfasst sie. Kleine Straßen, Schluichten genannt, führen durchs Schilf an die Ufer, wo Segelklubs, Campingplätze und Restaurants liegen. Gute Startplätze, um sich aufs Glatteis zu begeben.

Schon um halb zehn am Morgen sausen Hunderte Schlittschuhläufer über den See. Viele fahren von Ort zu Ort, manche sogar bis runter nach Ungarn, das zehn Kilometer südlich von Mörbisch beginnt. Neben dem Anleger spielt die Dorfjugend Eishockey, weiter draußen ziehen Eltern ihre Kinder auf Schlitten übers Eis.

Kurz vor zehn taucht Hans Zethner wieder am Horizont auf und hält Kurs auf den Steg. Eine Kufe hebt ab, der Eissegler rast in beängstigender Schräglage dahin. Dann lenkt Zethner eine weite Kurve, fährt gegen den Wind und bremst mit beiden Füßen auf der blanken Fläche. Fünf Meter vor dem Steg kommt er zum Stehen, schiebt sich die Brille von der Nase und sagt in die Runde: »Das Eis ist perfekt heute, ein Tag zum Götterzeugen!«

Leserkommentare
  1. ...man möchte sofort aufspringen und mitmachen. Kurz darauf kommt man ins Grübeln: Wintersport in der Ebene - nicht auf dem Berg - darf man das in Österreich überhaupt ? ;-)

  2. ..ich war selber schon dabei, herrlich und die suchtgefahr ist groß!

    allerdings sollte man hier alkoholkontrollen einführen, einige piloten

    kippen recht anständig bevor sie ihre rasante fahrt fortsetzten!

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