Keine Region hat den demokratischen Sturm seit dem Mauerfall besser überstanden als die arabische zwischen Maghreb und Mekka. Der Polizeistaat herrscht; den regime change besorgt die Gewalt – der Putsch, die Mörderkugel, auch mal die amerikanische Armee. Ist Tunesien der demokratische Urknall, der dieses eiserne Gesetz bricht?

Noch nicht, denn Tunesien ist der Sonderfall schlechthin. Wie in keinem anderen Land der Arabischen Liga massieren sich dort die klassischen Zutaten der demokratischen Revolution . Vorweg die ökonomischen. Samuel Huntington zitiert in seinem Standardwerk The Third Wave: Democratization in the Late Twentieth Century den spanischen Finanzminister, der 1960 weissagte: Spanien wird demokratisch, wenn das Pro-Kopf-Einkommen 2000 Dollar übersteigt. "So war es", lautet Huntingtons lakonischer Kommentar – 1975.

Tunesien hat (nach den Petro-Staaten und der Zeitbombe Libanon) das höchste Pro-Kopf-Einkommen in der Liga: 9000 Dollar (Kaufkraft-Parität) – just die inflationsbereinigten 2000 Dollar, die seinerzeit den Franco-Faschismus kippten. Ägypten, das größte Mitglied, hat nur 5600 Dollar. Der Nachbarstaat Marokko ist noch ärmer.

Das Geld ist nur der Schwellenfaktor – sonst wären die Saudis mit 24.000 Dollar längst Westminster-reif. Die nächsten Faktoren sind "Bildung" und "Öffnung". Auch hier ist Tunesien die Ausnahme. Es gibt 7,2 Prozent seines Sozialprodukts für Bildung aus, Ägypten nur rund halb so viel – aber für eine achtmal größere Bevölkerung. Marokko spendiert 5,6 Prozent für dreimal mehr Menschen als in Tunesien, wo acht von zehn lesen und schreiben können. Nebenan sind es nur fünf.

Ein simpler Gradmesser für "Öffnung" ist die Exportquote. Tunesien ist mit knapp 40 Prozent des BIP auf Augenhöhe mit Europa. (Öl wie im Golf ist nicht gleich Öffnung.) Ägypten liegt bei 24 Prozent, Marokko bei 15. Schließlich ist Tunesien, wo zwei Drittel Städter sind, weitaus stärker urbanisiert als die arabischen Brüder.

Was diese Zahlen belegen? Tunesien hat, jedenfalls für arabische Verhältnisse, eine Mittelschicht – den klassischen Motor der Demokratisierung. Wer arm ist, hat weder Zeit noch Energie für die Politik. Je gebildeter, desto besser kann einer sich politisch artikulieren. Je offener das Land, desto mächtiger das Beispiel: Was dort möglich ist, muss es doch auch bei uns sein. Gemessen an Tunesien, sind die anderen arabischen Länder – abgeschottet auch gegeneinander – Fußkranke der Globalisierung.

Aufstrebende Mittelschicht, niederhaltender Polizeistaat – das ist der "Widerspruch", würde Marx dozieren, der den Sonderfall erklärt. Der Rest sei noch nicht reif für die demokratische Revolution. Deshalb würde Marx (wie auch Tocqueville) nachlegen: "Dieser ›Demonstrationseffekt‹ wird verpuffen wie die demokratische Bombe, die Bush im Irak gezündet hat."

Leider, darf man hinzufügen. Betrachten wir’s aus dem Blickwinkel der Despoten. Wer von ihnen wird angesichts des tunesischen Beispiels die Wirtschaft befreien, das Bildungssystem ausbauen, das Land öffnen? Nur so könnte Ägypten sein Pro-Kopf-Einkommen verdoppeln. Das wäre der tipping point – wie in Spanien und Tunesien.