Geistesgeschichte Die Wahrheit der Philosophie

Wie philosophisches Denken unsere Auffassungen über Gott und die Welt auf die Probe stellt

Das Philosophieren gehört zu den schönen Tätigkeiten, für die man keinerlei Produktionsmittel braucht. Man kann es überall tun, sogar in der Öffentlichkeit, sofern es dort einigermaßen ungezwungen zugeht. Weder ein Labor noch sonst ein Arbeitsplatz ist nötig; Kaffeehaus, Strandkorb oder U-Bahn-Station tun es auch. Eine teure Ausrüstung fällt ebenfalls nicht an. Entgegen anderslautenden Gerüchten sind nicht einmal ordentliche Laufschuhe Pflicht. Menschen nämlich, die sich auf diese Tätigkeit einlassen, bringen alles Nötige immer schon mit. Sie haben ein gewisses Verständnis von sich und der Welt – und damit mehr als genug von jenem Rohstoff, um den sich in der Philosophie alles dreht.

Diese Verständnisse sind der Ausgangspunkt, das Thema und zugleich das Medium der Philosophie. Ihre Erkundungen stützen sich auf sie, handeln von ihnen und unterziehen sie einer kritischen Behandlung. Auf diese Weise führen alle Philosophierenden ein Selbstexperiment durch. Sie stellen ihre Auffassungen über Gott und die Welt auf die Probe, indem sie sie in ein Gespräch miteinander bringen, bei dem keine das letzte Wort behält und kaum eine unangetastet bleibt. Dabei ist das philosophische Tun nicht auf ein geheimnisvolles Sonderwissen aus. Es versucht bloß das Offensichtliche zu begreifen. Mit dem Bekannten so vertraut zu werden, dass es einem fast wieder fremd erscheint: Durch dieses Verfahren macht die Philosophie den Menschen mit sich selbst bekannt – mit der Reichweite und den Grenzen, den Ambitionen und den Abgründen seines Wissens und Wollens, seines Fühlens und Denkens.

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Natürlich sind es nicht einfach irgendwelche Verständnisse, die die Philosophie aufzuklären und dabei gelegentlich zu renovieren versucht. Sie widmet sich Grundbegriffen und den darin enthaltenen Grundverständnissen, die das menschliche Tun und Lassen unausweichlich leiten. Dies sind solche, ohne die es in der Erhaltung und Entwicklung menschlicher Kulturen und Gesellschaften einschließlich ihrer Künste und Wissenschaften nicht – oder jedenfalls nicht gut – geht. Dazu gehören Begriffspaare wie Wahrnehmung und Erkenntnis, Ursachen und Gründe, Geist und Materie, Ding und Ereignis, Zeit und Zahl, Handlung und Widerfahrnis, Freiheit und Zwang, Zweck und Mittel, Arbeit und Spiel, Schein und Schönheit, Gleichheit und Ungleichheit, Recht und Unrecht – und viele weitere mehr.

Einführungen in die Philosophie

Franz-Peter Burkard u.a.: dtv-Atlas Philosophie. dtv; 260 S., 12,90€

Wolfgang Detel: Grundkurs Philosophie. Band 1–5; Reclam; ca. 5€

Rafael Ferber, Philosophische Grundbegriffe. C.H. Beck; 2 Bände, 238/277 S., je 12,90€

Kurt Flasch: Kampfplätze der Philosophie. Große Kontroversen von Augustin bis Voltaire. Klostermann; 363 S., 34€

Otfried Höffe: Kleine Geschichte der Philosophie. C.H. Beck; 383 S, 12,95€

Mehr Einführungen

Ekkehard Martens u. a.: Philosophische Meisterstücke Band 1–2. Reclam; 163/212 S., ca. 5€

Ekkehard Martens: Philosophieren mit Kindern. Reclam; 202 S., 5,40€

Thomas Nagel: Was bedeutet das alles? Eine ganz kurze Einführung in die Philosophie. Reclam; 106 S., 6,90€

Herbert Schnädelbach u. a.: Was können wir wissen, was sollen wir tun? Zwölf philosophische Antworten. Rowohlt; 256 S., 12,90€

Ohne ein Verständnis solcher und weiterer Begriffe geht es nicht – oder jedenfalls nicht gut –, weil sie in nahezu jede menschliche Praxis eingebaut sind. Tugenden und Laster beispielsweise, um ein weiteres Paar zu nennen, sind menschliche Vorzüge oder Nachteile, für die man wenigstens teilweise etwas kann. Sie stellen Aspekte des Charakters von Personen dar, die sie zu bestimmten Arten des Handelns disponieren. Wie aber ist dieser Unterschied zu fassen? Wie verhalten sich hierbei Einstellung und Handlung zueinander? Wie steht es hierbei mit Determiniertheit und Freiheit? Liegt der Vorzug der Tugend eher im eigenen Wohlergehen oder in der Rücksicht auf andere – oder in beidem zugleich? Und entsprechend: Fügt das Laster eher dem eigenen Glück oder der sozialen Moral einen Schaden zu – oder wiederum beidem? Dies sind Fragen, die seit der Antike heftig diskutiert werden. Sie stellen sich unausweichlich, sobald wir unser Selbstverständnis als handelnde und für ihr Handeln verantwortliche Lebewesen aufzuklären versuchen.

Die Begriffe, um deren Erläuterung sich die Philosophie bemüht, geben denen, die sie tagtäglich verwenden, eine oft stillschweigende Orientierung darüber, was sinnvoll und sinnlos, aussichtsreich oder vergeblich, angebracht oder verwerflich ist. Ohne den Kompass solcher Grundunterscheidungen wüssten wir nicht, worin menschliches Gelingen und Scheitern besteht. Wir hätten keinen Sinn für die Geschichte, in der sich dieses im kleinen wie im großen Maßstab vollzieht. Wir hätten keinen Bedarf an Geschichten, durch die wir uns einen Reim auf den Glanz und das Elend eines bewussten Lebens zu machen versuchen.

Aber nicht nur die einzelnen Begriffspaare, für deren Schicksal sich das philosophische Nachdenken interessiert, tragen eine oft wechselvolle Affäre miteinander aus. Alle die genannten Paare – und die Schar der Verwandten, die zu ihrem Stammbaum gehören – sind vielfach miteinander liiert. Sie alle benennen und beleuchten Aspekte des Weltverhältnisses, das für die Lebensform des Menschen charakteristisch ist, so unterschiedlich es sich über die Zeiten hinweg auch ausgestaltet findet. Die Begriffe der Philosophie bilden ein Netzwerk, das man nicht von außen erfassen, sondern allein von innen erkunden kann.

Um einen zu erhellen, muss man viele andere bedenken. Deswegen ist das philosophische Tun eine Reise, die jedes Mal von vorn beginnt, wenn man glaubt, an einem Ende angekommen zu sein. Wie andere mit Sinn und Verstand unternommene Reisen dient auch sie einer gesteigerten Anschauung der Weite des Wirklichen. Hier aber, bei den begrifflichen Expeditionen der Philosophie, kommt es nicht so sehr auf eine Erkenntnis der vielfältigen Prozesse der natürlichen und sozialen Realität an, um die sich ja die Wissenschaften redlich genug bemühen. In erster Linie geht es um eine Deutung der Deutungen, die unseren Stand in der Welt formen. In dieser reflexiven Selbstverständigung liegt eine besondere Möglichkeit der Befreiung von den Erstarrungen des individuellen wie kollektiven Agierens und Reagierens. Während die sonstigen Reisenden in der Ferne zu sich selbst zu kommen versuchen, wenden sich die Philosophierenden dem Naheliegendsten – ihrem eigenen Verstehen und Nichtverstehen – zu, um einen Abstand gegenüber sich selbst zu gewinnen.

Leser-Kommentare
  1. 1. .....

    ein wunderschöner artikel. Macht lust auf mehr.

  2. Etwas das ich schmerzlich vermisse, in heutigen Debatten. Insbesondere seitens der sogenannten Eliten in z.B. Talkshows, "Experteninterviews" etc.

    Diskussion und Austausch findet kaum mehr statt, geschweige denn eine Reflexion über sich selbst und seine Standpunkte. Vielmehr ist es nur noch ein Niederbrüllen mithilfe von Phrasen und Vorurteilen. Wer am lautesten blökt, gewinnt...

    Früher war Philosophie zumindest noch Teil eines jeden Studiums. Das sollt man wieder fördern. Könnte dem entstehen sogenannter Fachidioten (Verzeihung, nicht böse gemeint) möglicherweise vorbeugen ;-)

    Von daher: Ein klares Ja! zu mehr Philosophie im öffentlichen Raum!

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    • ddkddk
    • 22.01.2011 um 20:26 Uhr

    weil ein sinnvolles und fruchtbares Diskutieren erst möglich ist, wenn nicht nur eine breite Vorbildung auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften unerlässlich ist, sondern auch zumindest Grundkenntnisse über den derzeitigen Stand der Naturwissenschaften.

    Das Letzte fehlt offenbar auch der überwiegenden Zahl der neueren Berufsphilosophen und macht ihre Darlegungen vielfach zu seichtem Geschwätz.

    • ddkddk
    • 22.01.2011 um 20:26 Uhr

    weil ein sinnvolles und fruchtbares Diskutieren erst möglich ist, wenn nicht nur eine breite Vorbildung auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften unerlässlich ist, sondern auch zumindest Grundkenntnisse über den derzeitigen Stand der Naturwissenschaften.

    Das Letzte fehlt offenbar auch der überwiegenden Zahl der neueren Berufsphilosophen und macht ihre Darlegungen vielfach zu seichtem Geschwätz.

  3. Die Philosophie von heute ist eines zweifellos, nämlich feige. Ihr fehlt der Mut sich auf neues Terrain zu begeben. Stattdessen konserviert sie das historisch Überliefert und wird so selbst nichts anderes als ein Hilfskonstrukt.

    Eine Leser-Empfehlung
    • ddkddk
    • 22.01.2011 um 20:26 Uhr

    weil ein sinnvolles und fruchtbares Diskutieren erst möglich ist, wenn nicht nur eine breite Vorbildung auf dem Gebiet der Geisteswissenschaften unerlässlich ist, sondern auch zumindest Grundkenntnisse über den derzeitigen Stand der Naturwissenschaften.

    Das Letzte fehlt offenbar auch der überwiegenden Zahl der neueren Berufsphilosophen und macht ihre Darlegungen vielfach zu seichtem Geschwätz.

    Antwort auf "Philosophie heute?"
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    • _bla_
    • 23.01.2011 um 9:55 Uhr

    Ich denke das greift viel zu kurz. Erforderlich sind nicht Grundkenntnisse sondern viel mehr die Fähigkeit herauszufinden, welche anderen wissenschaftlichen Disziplinen hilfreiches Faktwissen zu einem konkreten Problem zu bieten haben und dieses Faktenwissen dann auch zu verstehen. Für die praktischen Probleme der Philosophie dürften auch Themen der Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Ingenieuerwissenschaften, Psychologie, Soziologie und Mathematik entscheidender sein als Themen der Naturwissenschaften.

    Übrigens lässt sich ja auch ein ähnliches Phänomen beobachten, nämlich Naturwissenschaftler, die sie sich zum Philosophen berufen fühlen und deren Anstrengungen oftmals genauso scheitern, diesmal nicht wegen mangelnder naturwissenschaftlicher Kenntnisse, sondern weil nur philosophisches Halbwissen vorhanden ist.
    Dazu kommt das Problem, das die Leser dieser beiden Gruppen oftmals über eine ähnliche Vorbildung verfügen, so das die Schwächen der Argumentation den Lesern auch nicht auffallen.

    Daher: Bitte mehr Allgemeinbildung auf den Unis. Trotz der Themenfülle in der heutigen Zeit: Ein gebildeter Mensch braucht immer noch ein breiten Überblick über die Wissenschaften insgesamt. Eine solche breite Bildung sollte das Ideal sein, stattdessen ist es oftmals sogar schick seine Unkenntnis bloss zu stellen.

    • _bla_
    • 23.01.2011 um 9:55 Uhr

    Ich denke das greift viel zu kurz. Erforderlich sind nicht Grundkenntnisse sondern viel mehr die Fähigkeit herauszufinden, welche anderen wissenschaftlichen Disziplinen hilfreiches Faktwissen zu einem konkreten Problem zu bieten haben und dieses Faktenwissen dann auch zu verstehen. Für die praktischen Probleme der Philosophie dürften auch Themen der Medizin, Wirtschaftswissenschaften, Ingenieuerwissenschaften, Psychologie, Soziologie und Mathematik entscheidender sein als Themen der Naturwissenschaften.

    Übrigens lässt sich ja auch ein ähnliches Phänomen beobachten, nämlich Naturwissenschaftler, die sie sich zum Philosophen berufen fühlen und deren Anstrengungen oftmals genauso scheitern, diesmal nicht wegen mangelnder naturwissenschaftlicher Kenntnisse, sondern weil nur philosophisches Halbwissen vorhanden ist.
    Dazu kommt das Problem, das die Leser dieser beiden Gruppen oftmals über eine ähnliche Vorbildung verfügen, so das die Schwächen der Argumentation den Lesern auch nicht auffallen.

    Daher: Bitte mehr Allgemeinbildung auf den Unis. Trotz der Themenfülle in der heutigen Zeit: Ein gebildeter Mensch braucht immer noch ein breiten Überblick über die Wissenschaften insgesamt. Eine solche breite Bildung sollte das Ideal sein, stattdessen ist es oftmals sogar schick seine Unkenntnis bloss zu stellen.

  4. Sloterdijk, der Medienphilosoph. Das ist heute Philosophie. Alle anderen müssen erst mal warten, dass sich die Wolken der Gedankenlosigkeit vertreiben. Vielleicht dann kann die Sonne des Denkens wieder aufsteigen.

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    ja das ist es genau. als die philosophie erfunden wurde gab es höchstens 3 medien (sprache,bild, musik). heute sind sie unendlich.

    wir leben in einem medienjungle mit 1000 kanälen usw.

    ich meine, daran muss sich sich eine heutige (eine sich häutende) philosophie messen.

    es lebe die philosophie.

    ja das ist es genau. als die philosophie erfunden wurde gab es höchstens 3 medien (sprache,bild, musik). heute sind sie unendlich.

    wir leben in einem medienjungle mit 1000 kanälen usw.

    ich meine, daran muss sich sich eine heutige (eine sich häutende) philosophie messen.

    es lebe die philosophie.

  5. Im Grunde verstehe ich, worauf Sie hinaus wollen und stimme Ihnen auch teilweise zu. Allerdings möchte ich noch etwas hinzufügen:

    "Grundkenntnisse über den Stand der Naturwissenschaften" ist eine sehr wage Bezeichnung. Da ich Kontakt zu einigen Menschen habe, die in verschiedenen Bereichen der Naturwissenschaften forschen, weiß ich, dass es für Themenfremde im Grunde nicht möglich ist, sich ein ordentliches Grundverständnis des aktuellen Standes anzueignen, da dieses sehr fundierte Kenntnisse in der jeweiligen Disziplin voraussetzen würde.

    Eine umfassende Bildung (zumindest innerhalb eines Kulturkreises) mag vor einigen hundert Jahren noch möglich gewesen sein, heutzutage halte ich eine solche für schlicht unmöglich - wenn man mal von sogenannten Outsidern absieht, die aufgrund anderer Veranlagung aktiven Zugriff auf riesige Massen von unselektiert gespeicherten Informationen haben; und selbst bei denen hätte ich da meine Zweifel.

    Wir müssen also davon abkommen und einsehen, dass wir in Zeiten der Informationsübersättigung leben. Dem philosophischen Wirken ist dies nicht hinderlich, es sollte ihm vielmehr immanent sein.

  6. der Artikel an sich hat mir im übrigen sehr gut gefallen.

  7. ..werden leider in der heutigen Zeit in den Grundschulen schon ungenügend gelernt. Ist auch schwierig bei solchen Durchmischungen von verschiedenen Ehtnien. Insofern stimme ich Punkt 5 voll umfänglich zu.

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