SkitourengeherHoppla, jetzt komm ich

Mehr und mehr Skitourengeher laufen die Hänge hoch – und kommen den Abfahrtsläufern in die Quere. von 

Manche Gemeinden versuchen Skitourengeher durch Verbote von den Pisten fernzuhalten. Der DAV hält das für rechtswidrig

Manche Gemeinden versuchen Skitourengeher durch Verbote von den Pisten fernzuhalten. Der DAV hält das für rechtswidrig  |  © Jackson Hole Mountain Resort

Skibergsteigen ist die Königsdisziplin des Wintersports. Wer die Schönheit der Bergwelt abseits eingefahrener Pisten erleben will, braucht eine Topkondition. Tourengeher, wie Skibergsteiger auch genannt werden, müssen Tiefschneeschwingen ebenso beherrschen wie die anstrengende Abfahrt durch Bruchharsch. Sie müssen sich in der verschneiten Landschaft orientieren und Lawinengefahren einschätzen können. Und sie brauchen eine spezielle Ausrüstung: extrabreite Tourenski, eine Tourenbindung, in der sich die Fersen beim Aufstieg anheben lassen, und »Klebefelle«. Das sind mit speziellem Klebstoff beschichtete Kunstfelle, die man auf die Unterseite der Skier spannt. Die Härchen sollen ein Abrutschen während des Aufstiegs verhindern. Am Gipfel angekommen, werden die Felle abgenommen. Als Belohnung für den Gewaltmarsch fährt man dann durch unberührtes Weiß zurück ins Tal.

Doch nicht alle Tourengeher sind bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Manche ziehen es vor, die Hänge in vorzüglich präparierten Skigebieten zu erklimmen, während gleich nebenan Skitouristen im beheizten Vierersessel zum Gipfel schweben. Die sogenannten Pistengeher suchen nicht in erster Linie das ultimative Bergerlebnis. Anders als beim klassischen Skibergsteigen ist Lawinenkunde für sie entbehrlich. Auch die Technik des Tiefschneefahrens müssen sie nicht beherrschen. Schließlich bewegen sich Pistengeher nicht in der rauen Bergwildnis, sondern auf perfekt erschlossenem, lawinensicherem Gelände. Im Pulk der Skifahrer und Snowboarder sausen sie auf maschinell planierten Pisten zu Tal. Mittlerweile ist dieser Sport, der zunächst belächelt wurde, ein Massenphänomen geworden. Pistengehen sei auch deshalb so beliebt, weil Skigebiete dank künstlicher Beschneiung schneesicherer sind als die freie Natur, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). Viele Abfahrten werden abends sogar in Flutlicht getaucht – ein Anreiz für Pistengeher, auch zu später Stunde am Hang unterwegs zu sein. Hüttenwirte empfangen die abendlichen Besucher auch dann noch, wenn Lifte und Seilbahnen längst abgeschaltet sind.

Anzeige

Wenig erfreut über den neuen Trendsport sind die Seilbahn- und Liftbetreiber: Die Pistengeher geben kein Geld für einen Skipass aus, immer wieder kommen sie den anderen, rasant abfahrenden Skitouristen in die Quere, und ihre Autos blockieren die Parkplätze an den Talstationen. Einige Betreiber haben deshalb ihre Pisten für Tourengeher gesperrt – wie zum Beispiel in Spitzingsee nahe Schliersee und in Brauneck bei Lenggries. Antonia Asenstorfer, Sprecherin dieser zur Münchner Schörghuber-Gruppe gehörenden Skigebiete, sagt: »An schönen Tagen sind bei uns mehrere Hundert Pistengeher unterwegs. Ein toller Sport, keine Frage. Aber wir müssen auch an unsere Kunden denken, die auf der Piste keinen Gegenverkehr erwarten.« In Spitzingsee und Lenggries wurden an jedem Lift Hinweisschilder aufgestellt, die Pistengehern den Zutritt untersagen.

Juristisch stützen sich die Liftbetreiber auf ein vom Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten. Demnach sind Skipisten nicht als freie Natur, sondern als Sportstätten einzustufen; Liftbetreiber können von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Außerdem sehen die Gutachter eine »Verkehrssicherungspflicht« seitens der Pistenbetreiber. Der Ausschluss von Haftungsrisiken für den Betreiber sei daher nur durch ein Betretungsverbot für Tourengeher möglich. Höchstrichterlich bestätigt wurde diese Auffassung allerdings noch nicht.

Der Alpenverein wehrt sich gegen die Verbote. Sperrungen seien nur dann zulässig, wenn Skipisten gerade präpariert oder vor Lawinen gesichert würden, sagt DAV-Sprecher Bucher. Der Verband beruft sich auf die Rechtseinschätzung des Bayerischen Umweltministeriums: »Loipen und Pisten sind Teil der freien Natur. Nach der Bayerischen Verfassung haben daher grundsätzlich alle Erholungssuchenden entsprechenden Zutritt«, sagt eine Sprecherin von CSU-Umweltminister Markus Söder.

Der DAV hält Totalsperrungen für »deutlich überzogen« und fordert von den Liftbetreibern, Alternativrouten für Pistengeher auszuweisen, bei denen die anderen Gäste nicht gestört werden. Hannes Rechenauer, Sprecher des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte, zeigt sich kompromissbereit. »Eine Totalsperrung ist für uns nur die Ultima Ratio. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, jeweils vor Ort zu prüfen, ob Alternativen möglich sind.«

Eigene Aufstiegsrouten für Pistengeher gibt es laut DAV bereits am Hörnle bei Bad Kohlgrub, am Unternberg in Ruhpolding und am Kolben, dem beliebten Hausberg Oberammergaus. »Das Angebot wird von den Tourengehern schon im ersten Winter sehr gut angenommen«, sagt Franz Greiner, Betriebsleiter der Kolbensesselbahn. Zufrieden ist auch der Wirt der Kolbensattelhütte. Der bietet im Winter zweimal wöchentlich bis 23 Uhr Hüttenabende an, die gut besucht werden. Dorthin führt eine eigens beschneite und präparierte Route parallel zum Pistenrand. Sogar an einen Skitunnel zur gefahrlosen Querung der Skipiste hat man gedacht. Ein Sicherheitsrisiko lauert allerdings nachts auf den unbeleuchteten Pisten. Dann arbeiten viele Schneeraupen im steilen Gelände an Seilwinden. Wenn eine der Stahltrossen hochschnellt, kann das für einen Skisportler tödlich enden. Deshalb sind für den Auf- und Abstieg Stirnlampen vorgeschrieben, die Licht in die Dunkelheit bringen.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Skitourengeher gefährden Skifahrer und sich selbst, wenn sie entlang der Pisten nach oben laufen. Daher gehört ihr Umherwandern auf Skipisten schlicht verboten.
    Abgesehen davon sollten sie auch einen Beitrag zur aufwändigen Pflege der Skipisten leisten, wenn sie diese nutzen wollen.
    Völlig unverständlich ist für mich die Haltung des deutschen Alpenvereins. Normalerweise wettert man gegen den Bau oder Ausbau von Skipisten und preist den Genuss der unberührten Natur (die durch die freien Abfahrten der Tourenskigeher viel unkontrollierter geschädigt wird als durch Skipisten). Jetzt möchte man die Pisten plötzlich kostenfrei für die eigenen Mitglieder nutzen.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Sehen sie es mal andersherum. Dort wo ich noch vor Jahren in ungestörter Natur aufsteigen konnte muß ich jetzt über bevölkerte Pisten gehen und mir häßliche Liftanlagen anschauen. Ich denke die Pistengeher sollten eine Entschädigung bekommen.

    Das Lifteln als Sport hat längst seinen Höhepunkt überschritten. Wenn in z.B. in Österreich nicht Cechen; Ungarn und Russen die Lücken gefüllt hätten wären die Skigebiete ziemlich leer, auch wegen der überproportional gestiegenen Preise. Den Betreibern geht es einfach ums Geld.

    • Azenion
    • 07. Februar 2011 11:50 Uhr

    Der Alpenverein wehrt sich gegen alle Bestrebungen, Wege und Flächen zu privatisieren und dadurch der allgemeinen Nutzung zu entziehen. Dabei kämpft der Alpenverein nicht nur "für seine Mitglieder", wie Sie unterstellen, sondern für jedermann. Es widerspricht dies auch nicht dem Kampf des Alpenvereins gegen die Ausweitung von Skigebieten: Wo nun einmal Skigebiete sind, ist es nur zu begrüßen, wenn sie auch benützt werden, und unerfahrene Tourenskigänger nicht durch die Wildnis streifen.

    Um das beharrliche Festhalten am Betretungsrecht für jedermann zu verstehen, muß man sich auch klarmachen, daß die Freiheit, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen durch Wald & Feld zu streunen, langwierig erkämpft werden mußte, was z.B. in Österreich noch immer nicht zur Gänze gelungen ist, und in Großbritannien überhaupt nicht.

    Im konkreten Falle stellt sich die Frage, mit welchem Recht Liftbetreiber das Betretungsrecht pauschal aufheben wollen. Damit Abfahrtsläufer schneller fahren können? Sie müssen ohnehin immer mit punktuellen Hindernissen (gestürzte Fahrer o.ä.) rechnen.

    • Azenion
    • 07. Februar 2011 10:57 Uhr

    Die Pistengeher halten sich durchweg brav am Rand und verwenden alternative Aufstiegsrouten, wo vorhanden.
    Im Grunde dürfte es reiche, mit dem Schneemobil einmal neben der Piste oder über irgendeinen nur im Sommer benützten Wirtschaftsweg hochzufahren und Hinweisschilder aufzustellen -- und fertig ist die Alternativroute.

    Was das aus dem Artikel anklingende Unverständnis angeht: Pistengehen ist im Grunde wie Langlauf, was ja meist auch auf "Pisten" (Loipen) ausgeführt wird. Nur daß man beim Pistengehen als Lohn seiner Mühen am Ende noch das Vergnügen einer Abfahrt hat.

    Was nun das Begehungsverbot angeht, das einige Skiliftbetreiber eigenmächtig ausgesprochen haben, so dürfte es denselben Hintergrund haben wie die zahlreichen Mountainbike-Verbote in Österreich oder das bekannte Surfverbot auf der stehenden Welle im Münchner Englischen Garten: Haftungsausschluß.
    Indem der Grundeigentümer bzw. Sportstättenbetreiber ein Verbot ausspricht, haftet er nicht für die Folgen der Übertretung. Ob dann tatsächliche Übertretungen stattfinden, interessiert ihn nur am Rande.

    Eine Leserempfehlung
  2. Sehen sie es mal andersherum. Dort wo ich noch vor Jahren in ungestörter Natur aufsteigen konnte muß ich jetzt über bevölkerte Pisten gehen und mir häßliche Liftanlagen anschauen. Ich denke die Pistengeher sollten eine Entschädigung bekommen.

    Das Lifteln als Sport hat längst seinen Höhepunkt überschritten. Wenn in z.B. in Österreich nicht Cechen; Ungarn und Russen die Lücken gefüllt hätten wären die Skigebiete ziemlich leer, auch wegen der überproportional gestiegenen Preise. Den Betreibern geht es einfach ums Geld.

    Antwort auf "Gefährliche Aktionen"
    • Azenion
    • 07. Februar 2011 11:50 Uhr

    Der Alpenverein wehrt sich gegen alle Bestrebungen, Wege und Flächen zu privatisieren und dadurch der allgemeinen Nutzung zu entziehen. Dabei kämpft der Alpenverein nicht nur "für seine Mitglieder", wie Sie unterstellen, sondern für jedermann. Es widerspricht dies auch nicht dem Kampf des Alpenvereins gegen die Ausweitung von Skigebieten: Wo nun einmal Skigebiete sind, ist es nur zu begrüßen, wenn sie auch benützt werden, und unerfahrene Tourenskigänger nicht durch die Wildnis streifen.

    Um das beharrliche Festhalten am Betretungsrecht für jedermann zu verstehen, muß man sich auch klarmachen, daß die Freiheit, unabhängig von den Eigentumsverhältnissen durch Wald & Feld zu streunen, langwierig erkämpft werden mußte, was z.B. in Österreich noch immer nicht zur Gänze gelungen ist, und in Großbritannien überhaupt nicht.

    Im konkreten Falle stellt sich die Frage, mit welchem Recht Liftbetreiber das Betretungsrecht pauschal aufheben wollen. Damit Abfahrtsläufer schneller fahren können? Sie müssen ohnehin immer mit punktuellen Hindernissen (gestürzte Fahrer o.ä.) rechnen.

    Antwort auf "Gefährliche Aktionen"
  3. Aus Sicht des Naturschutzes ist es ausdrücklich zu begrüssen, wenn es weniger Tourengänger abseits der Pisten gibt. Was bei den Variantenskifahrern und Skitourengängern nämlich gerne vergessen geht: Ihr ultimatives Naturerlebnis geht nämlich auf Kosten der Wildtiere. Diese werden durch Tourengänger, die sich stets neue Abfahrten in noch unberührten Hängen suchen, immer wieder aufgescheucht - und dies ausgerechnet in einer Zeit, wo das Nahrungsangebot knapp und das Flüchten wegen dem hohen Schnee besonders energieraubend ist. Viele Wildtiere verenden an diesem Stress - der Variantenskifahrer kommt von diesen Dramen, die sich seinetwegen abspielen, oft gar nichts mit.

    Aus Sicht des Naturschutzes sollte das Pistengehen darum ausdrücklich gefördert werden als Alternative zum Tourengehen. Natürlich müssen Lösungen mit den Pistenbetreibern und den herabfahrenden Skifahrern gefunden werden. Denkbar wären seperate Pisten und finanzielle Beiträge der Pistengeher.

    2 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Brauneck | Deutscher Alpenverein | Markus Söder
Service