Skibergsteigen ist die Königsdisziplin des Wintersports. Wer die Schönheit der Bergwelt abseits eingefahrener Pisten erleben will, braucht eine Topkondition. Tourengeher, wie Skibergsteiger auch genannt werden, müssen Tiefschneeschwingen ebenso beherrschen wie die anstrengende Abfahrt durch Bruchharsch. Sie müssen sich in der verschneiten Landschaft orientieren und Lawinengefahren einschätzen können. Und sie brauchen eine spezielle Ausrüstung: extrabreite Tourenski, eine Tourenbindung, in der sich die Fersen beim Aufstieg anheben lassen, und »Klebefelle«. Das sind mit speziellem Klebstoff beschichtete Kunstfelle, die man auf die Unterseite der Skier spannt. Die Härchen sollen ein Abrutschen während des Aufstiegs verhindern. Am Gipfel angekommen, werden die Felle abgenommen. Als Belohnung für den Gewaltmarsch fährt man dann durch unberührtes Weiß zurück ins Tal.

Doch nicht alle Tourengeher sind bereit, diese Herausforderung anzunehmen. Manche ziehen es vor, die Hänge in vorzüglich präparierten Skigebieten zu erklimmen, während gleich nebenan Skitouristen im beheizten Vierersessel zum Gipfel schweben. Die sogenannten Pistengeher suchen nicht in erster Linie das ultimative Bergerlebnis. Anders als beim klassischen Skibergsteigen ist Lawinenkunde für sie entbehrlich. Auch die Technik des Tiefschneefahrens müssen sie nicht beherrschen. Schließlich bewegen sich Pistengeher nicht in der rauen Bergwildnis, sondern auf perfekt erschlossenem, lawinensicherem Gelände. Im Pulk der Skifahrer und Snowboarder sausen sie auf maschinell planierten Pisten zu Tal. Mittlerweile ist dieser Sport, der zunächst belächelt wurde, ein Massenphänomen geworden. Pistengehen sei auch deshalb so beliebt, weil Skigebiete dank künstlicher Beschneiung schneesicherer sind als die freie Natur, sagt Thomas Bucher, Sprecher des Deutschen Alpenvereins (DAV). Viele Abfahrten werden abends sogar in Flutlicht getaucht – ein Anreiz für Pistengeher, auch zu später Stunde am Hang unterwegs zu sein. Hüttenwirte empfangen die abendlichen Besucher auch dann noch, wenn Lifte und Seilbahnen längst abgeschaltet sind.

Wenig erfreut über den neuen Trendsport sind die Seilbahn- und Liftbetreiber: Die Pistengeher geben kein Geld für einen Skipass aus, immer wieder kommen sie den anderen, rasant abfahrenden Skitouristen in die Quere, und ihre Autos blockieren die Parkplätze an den Talstationen. Einige Betreiber haben deshalb ihre Pisten für Tourengeher gesperrt – wie zum Beispiel in Spitzingsee nahe Schliersee und in Brauneck bei Lenggries. Antonia Asenstorfer, Sprecherin dieser zur Münchner Schörghuber-Gruppe gehörenden Skigebiete, sagt: »An schönen Tagen sind bei uns mehrere Hundert Pistengeher unterwegs. Ein toller Sport, keine Frage. Aber wir müssen auch an unsere Kunden denken, die auf der Piste keinen Gegenverkehr erwarten.« In Spitzingsee und Lenggries wurden an jedem Lift Hinweisschilder aufgestellt, die Pistengehern den Zutritt untersagen.

Juristisch stützen sich die Liftbetreiber auf ein vom Verband Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte in Auftrag gegebenes Rechtsgutachten. Demnach sind Skipisten nicht als freie Natur, sondern als Sportstätten einzustufen; Liftbetreiber können von ihrem Hausrecht Gebrauch machen. Außerdem sehen die Gutachter eine »Verkehrssicherungspflicht« seitens der Pistenbetreiber. Der Ausschluss von Haftungsrisiken für den Betreiber sei daher nur durch ein Betretungsverbot für Tourengeher möglich. Höchstrichterlich bestätigt wurde diese Auffassung allerdings noch nicht.

Der Alpenverein wehrt sich gegen die Verbote. Sperrungen seien nur dann zulässig, wenn Skipisten gerade präpariert oder vor Lawinen gesichert würden, sagt DAV-Sprecher Bucher. Der Verband beruft sich auf die Rechtseinschätzung des Bayerischen Umweltministeriums: »Loipen und Pisten sind Teil der freien Natur. Nach der Bayerischen Verfassung haben daher grundsätzlich alle Erholungssuchenden entsprechenden Zutritt«, sagt eine Sprecherin von CSU-Umweltminister Markus Söder.

Der DAV hält Totalsperrungen für »deutlich überzogen« und fordert von den Liftbetreibern, Alternativrouten für Pistengeher auszuweisen, bei denen die anderen Gäste nicht gestört werden. Hannes Rechenauer, Sprecher des Verbandes Deutscher Seilbahnen und Schlepplifte, zeigt sich kompromissbereit. »Eine Totalsperrung ist für uns nur die Ultima Ratio. Wir empfehlen unseren Mitgliedern, jeweils vor Ort zu prüfen, ob Alternativen möglich sind.«

Eigene Aufstiegsrouten für Pistengeher gibt es laut DAV bereits am Hörnle bei Bad Kohlgrub, am Unternberg in Ruhpolding und am Kolben, dem beliebten Hausberg Oberammergaus. »Das Angebot wird von den Tourengehern schon im ersten Winter sehr gut angenommen«, sagt Franz Greiner, Betriebsleiter der Kolbensesselbahn. Zufrieden ist auch der Wirt der Kolbensattelhütte. Der bietet im Winter zweimal wöchentlich bis 23 Uhr Hüttenabende an, die gut besucht werden. Dorthin führt eine eigens beschneite und präparierte Route parallel zum Pistenrand. Sogar an einen Skitunnel zur gefahrlosen Querung der Skipiste hat man gedacht. Ein Sicherheitsrisiko lauert allerdings nachts auf den unbeleuchteten Pisten. Dann arbeiten viele Schneeraupen im steilen Gelände an Seilwinden. Wenn eine der Stahltrossen hochschnellt, kann das für einen Skisportler tödlich enden. Deshalb sind für den Auf- und Abstieg Stirnlampen vorgeschrieben, die Licht in die Dunkelheit bringen.