Julia Wunsch ist keine Frau, die zu Rührseligkeit neigt. Trotzdem wird die Chemnitzerin im nächsten Jahr wohl mit den Tränen kämpfen müssen, wenn ihr Sohn Johannes seinen Schulabschluss macht. Johannes, der als geistig behindert gilt, wird dann, so hofft sie, das Zeugnis der zehnten Klasse in Händen halten. Für Jugendliche wie ihn ist das in Sachsen eine Ausnahme – und für Julia Wunsch das Ende eines langen Kampfs: Sie hat erreicht, dass ihr Sohn eine Regelschule besucht, obwohl im Freistaat vier von fünf Schülern, denen »sonderpädagogischer Förderbedarf« attestiert wird, in Förderschulen unterrichtet werden.

In Johannes’ Fall heißt das: »Förderschwerpunkt geistige Entwicklung«. Das politisch korrekte Etikett mag freundlicher wirken als der Ausdruck »geistige Behinderung«; es kann aber nicht verdecken, dass damit der Lebensweg der Betroffenen nachhaltig geprägt wird – und das nicht positiv: 85 Prozent der Förderschüler bleiben in Sachsen ohne Abschluss, bundesweit sind es 76 Prozent. Auf dem ersten Arbeitsmarkt haben sie so gut wie keine Chancen, vielen bleibt nur der Weg in eine Werkstatt für behinderte Menschen.

Aussichten, die Julia Wunsch für ihren Sohn nicht hinnehmen wollte. Johannes hatte einen integrativen Kindergarten besucht und dort gemeinsam mit nichtbehinderten Kindern gespielt und gelernt. »Mir ging nicht in den Kopf, warum das nicht auch in der Schule möglich sein sollte.« Als Johannes in eine Förderschule sollte, begann Julia Wunsch nach Alternativen zu suchen. »Dort wäre Johannes das einzige sprechende Kind gewesen. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ihm diese Umgebung gutgetan hätte.« Nach langem Suchen fand Wunsch eine Grundschule, die ihren Sohn aufnehmen wollte – und geriet in einen Kampf mit den Behörden um Unterstützung für ihren Sohn.

Den Einzelfallhelfer, der Johannes während der ersten drei Schuljahre zur Seite stand, mussten seine Eltern vor dem Bundesverwaltungsgericht erstreiten. Denn der Wille der Familie, selbst zu entscheiden, wo ihr Kind während seiner Schulzeit am besten aufgehoben sei, kollidierte massiv mit den Vorstellungen der sächsischen Bildungsagentur: Kaum ein anderes Bundesland sondert seine Förderschüler so gründlich aus wie Sachsen – und produziert dabei so viele von ihnen. Bei 8,3 Prozent liegt im Freistaat die Quote der Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf, sie ist doppelt so hoch wie in vergleichbaren Bundesländern.

Seine Erfolge bei Schultests erkauft sich der Freistaat auch durch Aussondern

Ein eingespielter Mechanismus ist die Ursache dafür: Nach der Wende entstanden im Freistaat viele Förderschulen – sowohl in staatlicher als auch privater Trägerschaft. Die Regelschulen sind auf Leistung getrimmt; sie haben kaum Ressourcen für die Betreuung von Kindern, deren Bedürfnisse über das hinausgehen, was als normal definiert wird. Wer mehr Betreuung braucht, wird schnell zum Problemfall und damit zum Klienten der Förderschulen, die Schutz und Förderung in einem Maß versprechen, das an Regelschulen aufgrund der schlechten Ausstattung so nicht möglich wäre. Zudem sind die Förderschulen selbst zuständig für die Feststellung eines Hilfebedarfs – und sichern mit großzügigen Diagnosen letztlich das eigene Bestehen.

Das sächsische Bildungssystem, das von Kultusminister Roland Wöller (CDU) anderen Bundesländern zur Nachahmung empfohlen wird, erkauft sich damit sein gutes Abschneiden in diversen Vergleichsstudien unter anderem über das konsequente Abschieben schwieriger Schüler.

Dass Integration dabei so gut wie nicht stattfindet, schreibt der Berliner Erziehungswissenschaftler Ulf Preuss-Lausitz in einem bislang nicht veröffentlichten Gutachten. Bei seinen Berechnungen kommt er zu einer deutlich schlechteren Integrationsquote als der vom Kultusministerium genannten: Von 100 Kindern mit »Förderbedarf Lernen« würden in Sachsen nur zwei an Regelschulen integriert, von Kindern wie Johannes mit »Förderbedarf geistige Entwicklung« sei es nur eines. Das steht in völligem Widerspruch zur UN-Behindertenrechtskonvention, die seit 2009 auch in Deutschland gilt. Darin hat sich die Bundesrepublik verpflichtet, »Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen« auszuschließen; vielmehr sollen sie »gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen« haben.