Campus-Bibliothek der Uni Leipzig ©  Jan Woitas/dpa

Ein Professorentitel schützt nicht vor verbalen Ausrutschern. Nicht einmal dort, wo der Umgang mit Sprache gelehrt wird. »Pflaumenheinis« nennt der Medienpädagogikprofessor die etwa 50 Studenten, die sich an einem Januarmorgen in einem Besprechungsraum der Universität Leipzig drängeln. Es tagt der Institutsrat der Kommunikations- und Medienwissenschaftler. Die Stimmung ist gereizt. Die Studenten – allesamt angehende Journalisten – bestürmen das Gremium mit Fragen. Was wird aus unserem Studiengang? Hat er eine Zukunft?

Bevor sie Antworten erhalten, fällt der Strom aus, was einige als schlechtes Zeichen deuten. Und tatsächlich beschließt der Institutsrat einstimmig bei zwei Enthaltungen das Ende der traditionsreichen Leipziger Journalistenausbildung in ihrer bisherigen Form. Eine der zwei regulären Professuren soll abgeschafft und die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter von sechs auf einen reduziert werden. Dafür soll es lediglich eine neue Juniorprofessur geben. »Wenn das so umgesetzt wird«, sagt Journalistikprofessor Marcel Machill, »dann trocknet der Studiengang aus.«

Die Abstimmung ist ein Etappensieg der zwei PR-Professoren, die ihren Fachbereich Kommunikationsmanagement nennen. Das klingt unverfänglicher. Der eine, Günther Bentele, ist derzeit Dekan. Der andere, Ansgar Zerfaß, Institutsdirektor. Gemeinsam haben sie den Umbau der Kommunikations- und Medienwissenschaften vorangetrieben und würden von ihm profitieren. Für ihre eigene Abteilung schlagen sie eine zusätzliche Professur für Gesundheits- und Umweltkommunikation vor. Statt Journalisten würden in Leipzig dann zum Beispiel Pressesprecher für Pharmafirmen ausgebildet.

Die PR bedrängt den Journalismus nun also auch in der Medienausbildung. Seit Jahren beschäftigen Firmen, Parteien und Verbände eine wachsende Zahl an Experten, die ihren Arbeitgeber möglichst positiv in der Öffentlichkeit darstellen sollen. Deshalb brauchte es eigentlich mehr und nicht weniger Journalisten, die frei von fremden Interessen recherchieren und berichten. Die Universität Leipzig ist dafür die größte und bekannteste Ausbildungsstätte in Ostdeutschland. Kürzungen hier bekämen viele Medien zu spüren.

»Unser Institut bringt neben den Journalistenschulen exzellente Absolventen hervor«, sagt Journalistikprofessor Machill. »Die Demokratie benötigt diese Mischung aus akademischer Reflexionsfähigkeit und journalistischer Praxis.« Der Professor findet sich plötzlich in der Rolle des Retters seiner Abteilung wieder. Noch im Dezember machte Machill bundesweit Negativschlagzeilen. Sein Verleger hatte einen Studenten abmahnen lassen, der zwei Bücher des Professors illegal im Internet veröffentlicht hatte. Die Süddeutsche Zeitung hinterfragte daraufhin Machills pädagogische Fähigkeiten, Spiegel Online wunderte sich über seine Art zu kommunizieren. Nun soll er für sein Fach kämpfen. Es wird nicht leicht werden.

Zwar bewerben sich für keinen der insgesamt vier Masterstudiengänge am Institut so viele junge Menschen wie für die Journalistik, doch in die Institutsleitung wurde zuletzt niemand aus der Abteilung gewählt. Mit ihrer stark praxisorientierten Ausrichtung wirkt sie auf manche Wissenschaftler fremd. Als Machill 2009 Wolfgang Kenntemich zum Honorarprofessor ernennen ließ, spotteten Uni-Kollegen: Der Chefredakteur des MDR-Fernsehens habe nicht einmal einen Hochschulabschluss. Machill verteidigte seine Wahl mit der Praxiserfahrung Kenntemichs.

Bekannt wurde die Leipziger Journalistik, als sie im Volksmund noch das »Rote Kloster« hieß und für die SED regimetreue Redakteure ausbildete – Kommunikationsmanager in Sachen Kommunismus. Aus jenen Jahren wird noch heute die Stilistik- und Genre-Theorie gelehrt. Ein vielfach preisgekrönter Reporter des Spiegels hat in Leipzig studiert: Alexander Osang. Auch die ZDF-Moderatorin Maybrit Illner lernte hier. In ganz Ostdeutschland dürfte es keine Redaktion ohne Leipzig-Absolventen geben.

 280 Stellen einsparen in zehn Jahren

Schon 1916 hatte der Nationalökonom Karl Bücher in Leipzig das erste deutsche Institut für Zeitungskunde gegründet. Bücher glaubte, »dass der Beruf des Journalisten ein volles akademisches Studium erfordert«. Er ließ praxisnah und in einem liberalen Klima ausbilden. 1933 wandte sich sein Nachfolger Erich Everth als einziger deutscher Zeitungswissenschaftler gegen die Presseverbote der Nationalsozialisten und büßte deshalb seinen Lehrstuhl ein. »In der Tradition dieser zwei Männer haben wir die Ausbildung 1993 wiederaufgenommen«, sagt Michael Haller. Der Soziologe und langjährige Redakteur bei Spiegel und ZEIT baute nach der Wiedervereinigung den Diplomstudiengang Journalistik neu auf. Hallers Mischung aus Medientheorie, Praxis und einem zweiten Hauptfach kam gut an. Die Bewerberzahlen schnellten in die Höhe. Bei einer Befragung von 240 Chefredakteuren im Jahr 2006 erhielt das Leipziger Modell die Note 1,93. Kein anderer Journalistikstudiengang schnitt besser ab.

Doch zur Zeit der Umfrage war die Abteilung schon tief zerstritten. Haller fand keinen Draht zu dem von ihm mitausgewählten Kollegen Machill, der bei seiner Berufung 2002 der jüngste Journalistikprofessor Deutschlands war. Karrierebewusst, mit Stipendien, Preisen und einem Harvard-Abschluss im Lebenslauf, profilierte sich Machill als Experte für Internet-Suchmaschinen. Der »Google-Professor« drängte schon bald auf eine gleichberechtigte Leitung der Journalistik. Als Haller ihn an einer Institutszeitung nicht beteiligte, verschickte Machill einen kleinkarierten offenen Brief und provozierte die Spaltung des Lehrbereichs.

Seither existieren an der Universität Leipzig die Journalistik I und die Journalistik II mit eigenen Webseiten. Vielleicht war schon das der Anfang vom Ende. Die Stimmung am gesamten Institut trübte sich. In guter Erinnerung ist, wie Machill einen Kollegen auf dem Flur anschrie – wegen eines belegten Raumes. Heute betont der Professor, dass er trotz einiger zwischenmenschlicher Probleme immer professionell mit allen Kollegen zusammengearbeitet habe.

Seit September ist Michael Haller emeritiert, und seine Professur ist neu zu besetzen. Sechs Bewerber haben vor Weihnachten eine Probevorlesung gehalten. Ob einer von ihnen die Stelle bekommen wird, ist offen. Denn genau diese Professur will die PR-Abteilung übernehmen. Wenn am 25. Januar der Fakultätsrat ihren Plänen zustimmt und auch das Rektorat keine Einwände hat, müsste das Ausschreibungsverfahren gestoppt werden. Der Affront gegenüber den Bewerbern wäre enorm, der Imageschaden für das Institut ebenso. Machill spricht von einer »Verhohnepipelung aller Beteiligten«.

Leipzigs Kommunikations- und Medienwissenschaften bilden eines der größten Institute dieser Art in Deutschland. Dass sie neue Strukturen brauchen, bezweifelt niemand. Jeder der fünf Bereiche forscht und lehrt nach eigenem Ermessen. Seit drei Jahren gibt es neben der Journalistenausbildung noch einen Masterstudiengang Hörfunk, der eng mit dem Leipziger Studentenradio Mephisto kooperiert. Externe Gutachter haben empfohlen, diesen Studiengang bei den Journalisten zu integrieren. Die PR-Hochschullehrer Zerfaß und Bentele folgten dem Rat mit ihrem Konzept nicht. Stattdessen könnte die geschrumpfte Journalistik die Hörfunkausbildung komplett verlieren.

»In den vergangenen Jahren hat sich das Institut auseinanderentwickelt«, gibt Zerfaß zu. »Jetzt müssen wir uns zusammenraufen und neu organisieren.« Mehr als eine Stunde lang redet er am Telefon über sein Profilpapier. Wortreich spricht er über die Vorzüge der Gesundheits- und Umweltkommunikation, von Innovationsangeboten – und sagt am Ende wenig. Zerfaß bestreitet, dass seine Pläne auf Kosten eines einzelnen Lehrbereichs gehen. Trotz des Beschlusses im Institutsrat werde man noch mal miteinander reden: »Es liegt jetzt ein Knochen auf dem Tisch, an dem man nagen kann.«

280 Stellen muss die Uni Leipzig in den nächsten zehn Jahren einsparen. Es wäre ein Schelmenstück, gelänge es der PR, sich trotzdem zu vergrößern – auf Kosten der Journalisten. Machill und seine Mitarbeiter haben einen Hilferuf an die neue Rektorin Beate Schücking gesandt. »Mit der jetzigen Planung ist die Ausbildung für Journalisten nicht zu halten«, pflichtet Emeritus Haller bei. Es geht um sein Erbe, um Machills Zukunft – und um unabhängigen Journalismus. Vielleicht streiten sie dafür ja jetzt gemeinsam. Das Institut kann keine schlechte PR mehr gebrauchen. 

Der Autor hat in Leipzig Journalistik studiert und war am Institut Gastdozent