280 Stellen einsparen in zehn Jahren
Schon 1916 hatte der Nationalökonom Karl Bücher in Leipzig das erste deutsche Institut für Zeitungskunde gegründet. Bücher glaubte, »dass der Beruf des Journalisten ein volles akademisches Studium erfordert«. Er ließ praxisnah und in einem liberalen Klima ausbilden. 1933 wandte sich sein Nachfolger Erich Everth als einziger deutscher Zeitungswissenschaftler gegen die Presseverbote der Nationalsozialisten und büßte deshalb seinen Lehrstuhl ein. »In der Tradition dieser zwei Männer haben wir die Ausbildung 1993 wiederaufgenommen«, sagt Michael Haller. Der Soziologe und langjährige Redakteur bei Spiegel und ZEIT baute nach der Wiedervereinigung den Diplomstudiengang Journalistik neu auf. Hallers Mischung aus Medientheorie, Praxis und einem zweiten Hauptfach kam gut an. Die Bewerberzahlen schnellten in die Höhe. Bei einer Befragung von 240 Chefredakteuren im Jahr 2006 erhielt das Leipziger Modell die Note 1,93. Kein anderer Journalistikstudiengang schnitt besser ab.
Doch zur Zeit der Umfrage war die Abteilung schon tief zerstritten. Haller fand keinen Draht zu dem von ihm mitausgewählten Kollegen Machill, der bei seiner Berufung 2002 der jüngste Journalistikprofessor Deutschlands war. Karrierebewusst, mit Stipendien, Preisen und einem Harvard-Abschluss im Lebenslauf, profilierte sich Machill als Experte für Internet-Suchmaschinen. Der »Google-Professor« drängte schon bald auf eine gleichberechtigte Leitung der Journalistik. Als Haller ihn an einer Institutszeitung nicht beteiligte, verschickte Machill einen kleinkarierten offenen Brief und provozierte die Spaltung des Lehrbereichs.
Seither existieren an der Universität Leipzig die Journalistik I und die Journalistik II mit eigenen Webseiten. Vielleicht war schon das der Anfang vom Ende. Die Stimmung am gesamten Institut trübte sich. In guter Erinnerung ist, wie Machill einen Kollegen auf dem Flur anschrie – wegen eines belegten Raumes. Heute betont der Professor, dass er trotz einiger zwischenmenschlicher Probleme immer professionell mit allen Kollegen zusammengearbeitet habe.
Seit September ist Michael Haller emeritiert, und seine Professur ist neu zu besetzen. Sechs Bewerber haben vor Weihnachten eine Probevorlesung gehalten. Ob einer von ihnen die Stelle bekommen wird, ist offen. Denn genau diese Professur will die PR-Abteilung übernehmen. Wenn am 25. Januar der Fakultätsrat ihren Plänen zustimmt und auch das Rektorat keine Einwände hat, müsste das Ausschreibungsverfahren gestoppt werden. Der Affront gegenüber den Bewerbern wäre enorm, der Imageschaden für das Institut ebenso. Machill spricht von einer »Verhohnepipelung aller Beteiligten«.
Leipzigs Kommunikations- und Medienwissenschaften bilden eines der größten Institute dieser Art in Deutschland. Dass sie neue Strukturen brauchen, bezweifelt niemand. Jeder der fünf Bereiche forscht und lehrt nach eigenem Ermessen. Seit drei Jahren gibt es neben der Journalistenausbildung noch einen Masterstudiengang Hörfunk, der eng mit dem Leipziger Studentenradio Mephisto kooperiert. Externe Gutachter haben empfohlen, diesen Studiengang bei den Journalisten zu integrieren. Die PR-Hochschullehrer Zerfaß und Bentele folgten dem Rat mit ihrem Konzept nicht. Stattdessen könnte die geschrumpfte Journalistik die Hörfunkausbildung komplett verlieren.
»In den vergangenen Jahren hat sich das Institut auseinanderentwickelt«, gibt Zerfaß zu. »Jetzt müssen wir uns zusammenraufen und neu organisieren.« Mehr als eine Stunde lang redet er am Telefon über sein Profilpapier. Wortreich spricht er über die Vorzüge der Gesundheits- und Umweltkommunikation, von Innovationsangeboten – und sagt am Ende wenig. Zerfaß bestreitet, dass seine Pläne auf Kosten eines einzelnen Lehrbereichs gehen. Trotz des Beschlusses im Institutsrat werde man noch mal miteinander reden: »Es liegt jetzt ein Knochen auf dem Tisch, an dem man nagen kann.«
280 Stellen muss die Uni Leipzig in den nächsten zehn Jahren einsparen. Es wäre ein Schelmenstück, gelänge es der PR, sich trotzdem zu vergrößern – auf Kosten der Journalisten. Machill und seine Mitarbeiter haben einen Hilferuf an die neue Rektorin Beate Schücking gesandt. »Mit der jetzigen Planung ist die Ausbildung für Journalisten nicht zu halten«, pflichtet Emeritus Haller bei. Es geht um sein Erbe, um Machills Zukunft – und um unabhängigen Journalismus. Vielleicht streiten sie dafür ja jetzt gemeinsam. Das Institut kann keine schlechte PR mehr gebrauchen.
Der Autor hat in Leipzig Journalistik studiert und war am Institut Gastdozent
- Datum 20.01.2011 - 13:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT
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Würde denn überhaupt jemand die Absolventen aus Leipzig vermissen?
Mittlerweile bildet doch nahezu jede Uni/FH Journalisten aus. Und bereits jetzt bekommt noch kaum ein Absolvent einen vernünftigen Job. Viele Große Verlage und Fernsehsender haben bereits ihre eigenen Kaderschmieden (z.B. Henri Nannen Journalistenschule - Gruner & Jahr).
Ein paar Journailsten weniger würden den Arbeitsmarkt eher entspannen. Zumal in den letzten Jahren viele Redaktionen "zusammengelegt" wurden. Ob es sinnvoll ist dafür PR-Experten auszubilden, ist natürlich die andere Frage...wohl eher nicht.
Ich habe selbst an der Uni Leipzig ein Semester lang die "Künste" des Prof. Betele miterleben können. Und es verwundert mich sehr, wie man eine so große Meinung auf jemanden gibt, der in seiner PR-Vorlesung nur eins macht: PR für sich selbst. Dass die Noten der Studenten dementsprechend schlecht waren, die Vorlesungen leer und die Seminare (die er nicht gehalten hat!) besser besucht, wundert nicht.
Die Universität zeichnet sich schließlich auch durch ihr Uni-Radio aus, bei dem man mehr Journalistisches Können benötigt als Wissen über Public Relations (in diesem Modul muss man im übrigen journalistische Texte verfassen - geht das ohne Journalismus??).
Meiner Meinung nach sollte man eher an der PR einsparen, denn ein Herr Prof. Bentele reicht schon an der Uni Leipzig. Journalistik ist hingegen etwas, was besser und intensiver gelehrt werden muss, damit wir nicht noch mehr Schmuddelblatt-Redakteure haben und einen solchen journalistischen Absturz erleben, wie die britische Presse.
könnte man sagen: der Unterschied ist so groß nicht - zumindest in den gängigen Mainstreammedien...
Ist der Skandal nicht eher die Einsparung von 280 Stellen - in Zeiten steigender Studierendenzahlen?
Die Praxis, mit der an der Uni Leipzig vorgegangen wird, ist nicht neu. So wird auch an manch anderer Hochschule gespart, umgeschichtet und versteckt wegrationalisiert. So verschwinden einfach mal Studiengänge, weil Fakultäten ihre Professorenstellen umbenennen. Also für eine Fachgruppe eine Professur herbeizaubern und an anderer Stelle unauffällig wegstreichen. Na huch… so was dummes, kein Prof mehr da. Leider kann dann der Studiengang nicht weitergeführt werden.
Es ist mittlerweile gängige Praxis, wenn Professoren Kleinkriege führen. Da wird sich schon mal im Gang (vor Studierenden) ordentlich lautstark die Meinung gesagt. Offene Briefe, wo beispielsweise Kollegen oder ganze Fachgruppen wegen irgendetwas beleidigt werden, habe ich auch schon an meiner Hochschule gelesen. Ganz besonders amüsant ist es auch, wenn sich Kollegen einer Fachgruppe gegenseitig verklagen (aus den verschiedensten Gründen).
Auch das Thema Mobbing gehört an eine Hochschule (da gibt es nichts was es nicht gibt). Es geht um den eigenen Arbeitsplatz und wenn eine Kollegin/Kollege die gleiche Arbeit besser macht, wird man schnell zum Sündenbock für alles.
Also an alle, die in Leipzig Journalismus (noch) studieren… ihr seid nicht allein. Es gibt noch mehr abschreckende Beispiele (ich will jetzt aus Imagegründer der Hochschule mal keine Namen nennen). Eure Situation fällt halt mehr auf, weil eure Absolventen eine Stimme in den Medien haben.
Sind PR und Kommunikationsmanagement letzendlich nichts anderes als Lügen auf hohem Niveau?
Der Muff unter den Talaren existiert meist nur noch in der Einbildung von Studentenaktivisten. Universitäten stellen sich seit Jahren flexibler denn je auf die veränderten Umstände um. Germanistik wurde an vielen US-Unis ganz eingestellt, Chinesische Studien sind gefragter denn je, auch Computertechnik ist noch immer im Wachsen. Dennoch sagte mir ein Dekan der Harvard University: "Eine Uni ohne Medizinische Fakultät ist noch immer eine Uni, doch sie hört auf, eine Uni zu sein, wenn sie die lateinische und griechische Klassik aufgibt."
Was nutzen die besten Journalisten, wenn sie nicht wahrheitsgetreu berichten dürfen und unter Zensur stehen!
Herzliche Grüße
Alexander P.
Was nützen die besten Journalisten, wenn sie von ihrer Arbeit nicht leben können? Das ist die brennende Existenzfrage. Wenn alle nur für lau die ZEIT im Internet lesen und schon das bisschen schlecht bezahlter Reklame als nervig kritisieren, dann wird's halt einfach bald keine ZEIT mehr geben - ob für lau im Internet oder gegen Bares am Kiosk. Und Journalistik-Absolventen müssen sich keine Zukunftssorgen mehr machen, weil sie keine Zukunft mehr haben. Wer Bock und Freizeit hat, kann ab und zu sein privates Blog nachfüllen, falls das irgend welche Twitterer in ihren Stakkato-News-Fitzelchen noch juckt.
So einfach ist das.
Zensur ist im Vergleich dazu eine völlig läppische Geschichte.
Was nützen die besten Journalisten, wenn sie von ihrer Arbeit nicht leben können? Das ist die brennende Existenzfrage. Wenn alle nur für lau die ZEIT im Internet lesen und schon das bisschen schlecht bezahlter Reklame als nervig kritisieren, dann wird's halt einfach bald keine ZEIT mehr geben - ob für lau im Internet oder gegen Bares am Kiosk. Und Journalistik-Absolventen müssen sich keine Zukunftssorgen mehr machen, weil sie keine Zukunft mehr haben. Wer Bock und Freizeit hat, kann ab und zu sein privates Blog nachfüllen, falls das irgend welche Twitterer in ihren Stakkato-News-Fitzelchen noch juckt.
So einfach ist das.
Zensur ist im Vergleich dazu eine völlig läppische Geschichte.
Leider muss die Uni Leipzig ja ihren riesigen, unnützen Neubau finanzieren! Wintersemester 2009/10, Anglistik: NC wurde gestrichen, zu viele Studenten immatrikulierten sich, weder genügend Lehrkräfte noch genügend Sitzplätze.
Fazit: Frustrierte Studenten, frierend auf dem Fußboden, frustrierte Lehrkräfte. Und das alles, um einen Bau zu finanzieren, der weder zeitgemäß, noch schön ist. Und ganz nebenbei jetzt schon halb auseinander fällt (Wasserschäden an den Decken etc.).
Man sollte vielleicht inkompetente Lehrkräfte ersetzen, aber keine 280 streichen. Oder einfach an Studiengängen sparen, die auch die HTWK anbietet u.ä.
Die Uni Leipzig gibt auf, wofür sie bekannt ist. Das ist fast, als würde Leipzig beschließen, die Buchmesse nicht mehr stattfinden zu lassen, zu Gunsten des Tunnelbaus in der Innenstadt (genauso eine Sache, die keiner braucht).
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