Siebeck Alarmstufe: Gelb

Wolfram Siebeck über Rituale nach Lebensmittelskandalen

Und in ein paar Wochen kräht wieder kein Hahn mehr danach

Und in ein paar Wochen kräht wieder kein Hahn mehr danach

Es ist die fünfhundertste Aufführung desselben Stücks. Dieselbe Kulisse, dasselbe Drehbuch, dasselbe Drama: »Dioxin im Essen«. In unserem täglichen Essen – im Frühstücksei, in der Bratwurst.

Frager: Wie kommt das Dioxin ins Essen?

Funktionär: Durchs Tierfutter, Dummkopf!

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Frager: Hühnerfutter? Schweinefutter?

Funktionär: Genau.

Frager: Ist Dioxin auch im Hundefutter?

Funktionär: Wird sich noch herausstellen.

Frager: Wer vermischt denn Dioxin mit Tierfutter?

Funktionär: Das muss nicht unbedingt ein »Wer« gewesen sein. Sondern? Ein technischer Fehler, ein Versehen.

Frager: Also nicht absichtlich?

Funktionär: Das wird sich herausstellen.

Frager: Was kann man künftig dagegen tun?

Funktionär: Strengere Kontrollen.

Frager: Die haben Sie schon beim letzten Mal angekündigt.

Funktionär: Ich? Das war mein Vorgänger.

Frager: Werden Sie die Kontrollen denn durchsetzen?

Funktionär: Man muss erst das Untersuchungsergebnis abwarten.

Frager: Und dann?

Funktionär: Dann werden die notwendigen Maßnahmen eingeleitet.

Frager: Worin bestehen die?

Funktionär: Das richtet sich nach der Art der Futterbeimischung.

Frager: Die ist doch bekannt: Dioxin!

Funktionär: Es geht jetzt darum, einen kühlen Kopf zu behalten. Solange die Untersuchungen nicht abgeschlossen sind...

Frager: Man hat doch sogar einen Verdacht, wo das Futter verunreinigt wurde.

Funktionär: Ich warne vor voreiligen Schuldzuweisungen.

Frager: Wenn das absichtlich geschah, handelt es sich um ein Verbrechen!

Funktionär: Ein technischer Fehler ist nicht auszuschließen.

Frager: Ein Verbrechen, weil jemand aus Profitgier die Gesundheit der Verbraucher aufs Spiel gesetzt hat.

Funktionär: In keinem Ei wurde eine gesundheitsgefährdende Dosis Dioxin gefunden.

Frager: Und in keinem der Dioxinskandale wurde je ein Unternehmer zu einer Gefängnisstrafe verurteilt.

Funktionär: Woran Sie die Harmlosigkeit der Vorfälle erkennen.

Frager: Die Bauern, die ihre Eier und Schweine nicht verkaufen können, finden das weniger harmlos.

Funktionär: Der Umfang des Schadens für landwirtschaftliche Betriebe ist noch nicht bekannt.

Frager: Tausende Höfe wurden gesperrt.

Funktionär: Ich möchte darauf hinweisen, dass uns bisher kein einziger Fall von Erkrankung durch manipuliertes Tierfutter bekannt ist.

Frager: Nur ein Fall von verbrecherischer Giftbeigabe im Tierfutter, wodurch zahllose Bauern bankrottgingen, und trotzdem wurde kein Giftmischer angeklagt.

Funktionär: Weil eine vorsätzliche Vergiftung von Schlachtvieh nicht nachgewiesen werden konnte.

Frager: Und wer kümmert sich um die arbeitslos gewordenen Landarbeiter?

Funktionär: Durch die kluge Wirtschaftspolitik der Regierung besteht ein großer Facharbeitermangel, abgesehen davon, dass die Arbeitslosenzahl in der Bundesrepublik auf dem niedrigsten Stand seit...

 
Leser-Kommentare
  1. ... originell und originär.
    Chapeau!!!

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    • 20.01.2011 um 16:06 Uhr

    Frager: Wie war das früher, wurden da auch schon dioxinhaltige Fette beigemischt?

    Funktionär: Also mal ganz ehrlich gesagt, ein bisschen schon.

    Frager: Und warum ist nicht früher aufgefallen?

    Funktionär: Nein, da haben wir besser aufpasst!

    Frager: Auf was haben Sie denn früher besser geachtet`

    Funktionär: Wir haben von den technischen Fetten nicht so viel beigemischt.

    Frager: Wie viel haben Sie denn nun tatsächlich beigemischt?

    Funktionär: Nur so viel, bis unsere eigene Kontrolle sagte, wir übersteigen nicht den Grenzwert.

  2. Aus meiner Sicht sind die Zeiten vorbei, in denen wir mit dem Finger auf Funktionäre und Politiker zeigen können. Wir haben genau die Politiker, die wir verdienen.
    Die aktuelle Situation wird sich nur ändern, wenn immer mehr Menschen eigenständig denken und realisieren, daß jede Ihrer Handlungen eine Wirkung auf das Ganze hat. Wenn ich nicht möchte, daß Dioxin im Ei ist, dann sollte ich nicht auf 'böse' Funktionäre schimpfen, sondern einen Bezug herstellen zu meiner Entscheidung beim Einkaufen. In Deutschland ist es weit verbreitet hauptsächlich auf den Preis der Nahrungsmittel zu schauen und weniger auf die Qualität. Der daraus resultierende Konkurrenzkampf der Lebensmitteldiscounter hat die Produktion von 'Lebens'mitteln dahingetrieben, wo sie heute steht. Und nochmal, diese Entwicklung wird sich nicht durch politische Entscheidungen ändern, sondern dadurch daß immer mehr Menschen Ihre Art sich zu ernähren und Ihre Art einzukaufen überdenken. Die Beziehungslosigkeit müsste wieder überbrückt werden. Es sollte wieder ein Interesse dafür bestehen, woher das Ei, das vakuumierte Stück Fleisch kommt, wie das Tier gelebt hat usw. Ein Interesse - wie gesagt - jeden Tag am Einkaufsregal und nicht nur wenn ein Skandal es in die großen Medien geschafft hat.
    Herrn Siebeck der Sätze wie 'Nur weil es schick ist, Mitleid mit einem Schmorbraten zu haben.' formuliert, dürfte es schwerfallen die Beziehungslosigkeit zum eigenen Handeln zu überwinden.

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    Antwort auf "Wie ..."
  4. W.S. ein Meister der Realvorhersage.

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  5. wie kommt das Dioxin denn nun eigentlich in das Fett?

    Wie das Fett in das Futter, das Futter in die Schweine und Eier, die Schweine und Eier in die Menschen kommen, das weiß ich. Aber wie kommt das Dioxin überhaupt in das Fett?

  6. ... die groß für "Donnerstag" angekündigten Antworten von J.S. Foer auf die Fragen der ZEIT-online-Leser?

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    ... und zwar hier:
    http://www.freitag.de/com...
    Wird Zeit, daß ich mein Zeit-Abo auf den Freitag umswitche ...

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