Tunesien Blumen für die Panzer
Straßenkomitees und die Armee sichern Tunesiens neue Freiheit. Was kommt jetzt?
© MARTIN BUREAU/AFP/Getty Images

Militär in Tunis: Blumen für die Beschützer
Die erste Phase der tunesischen Revolution ist Geschichte. Der Diktator und seine kleptokratische Familie sind außer Landes, die Armee hat die paramilitärische Präsidentengarde in blutigen Kämpfen auf dem Palastgelände von Carthage besiegt.
Ein neuer Machtkampf hat begonnen.
Die Volksbewegung, erstens, will die Früchte ihres teuer erkauften Sieges ernten. Sie sehnt sich nach Demokratie. Und will das drückende System der Schutz- und Schmiergelder endgültig loswerden, aus dem die 1,5 Millionen Mitglieder zählende Ben-Ali-Partei RCD ihre Macht sog. In den Augen der meisten Tunesier trägt dieses mafiose Bereicherungssystem die Hauptschuld an der Misere der Mittelschicht und daran, dass die Mehrzahl der jungen Leute keine berufliche Perspektive sieht.
Zweitens will sich die von Ben Ali im Land zurückgelassene herrschende Klasse von Staat und Wirtschaft nicht durch Wahlen und Reformen um ihre Pfründen bringen lassen. Und drittens gibt es, wie in jeder Revolution, die Konterrevolutionäre: Wildentschlossene aus dem Repressionsapparat, etliche Zehntausend an der Zahl, die brandschatzend durchs Land ziehen – sei es, um die Übergangszeit für Plünderungen zu nutzen oder um sich zu rächen, vielleicht auch, wer weiß, damit aus dem Chaos ein starker Mann hervorgeht. Womöglich derselbe wie zuvor. Sie haben genug Geld, Wut und Waffen, um Niederlagen durchzustehen. Ihr blutiges Spiel ist noch nicht vorbei.
Bis Anfang dieser Woche überfielen sie in vielen Regionen des Landes nächtens die Wohnviertel, plünderten, vergewaltigten und mordeten. Tagsüber rasten sie mit Geländewagen heran und eröffneten das Feuer auf alles, was sich bewegte. In der Innenstadt von Tunis trauten sich ihre Heckenschützen bis in die Nähe des Innenministeriums und schossen auf Fotografen, Polizisten, ja sogar auf das Militär. Sie brachen Gefängnisse auf, sodass Hunderte Gewalttäter wieder frei herumlaufen. Die Polizei, vielmehr das, was von ihr übrig geblieben ist, zeigt sich den Marodeuren nicht gewachsen. Als sie am Sonntag das Polizeihauptquartier mitten in Tunis attackierten, zogen einige Beamte vor Schreck ihre Polizeiwesten aus.
Wer hilft? Das Militär. Nur rund 40.000 Mann stark, ist es doch gut ausgebildet und durch Einsätze im Kosovo, Kongo und in Äthiopien mit Konflikten vertraut. Es hat noch nie politische Ambitionen gehabt, und an innerer Repression war es nicht beteiligt. Sein unpolitischer Professionalismus ist dieser Tage hochwillkommen. Wo es auftritt, stabilisiert sich die Lage schnell. Seine Schützen- und Kampfpanzer wirken beruhigend auf die Bürger. In La Marsa, einer Kleinstadt nordöstlich von Tunis, stehen die Kettenfahrzeuge an allen größeren Kreuzungen; die Bürger reichen den Soldaten Blumen und Kaffee. Nachts kommen Hubschrauber: Dann werden die Anwohner gebeten, alle Lichter anzuschalten, damit die Soldaten besser sehen können; sie bekämpfen die Milizen aus der Luft.
Nur leider kann die Armee nicht überall sein, nicht in der ausgedehnten Hauptstadt und schon gar nicht in der Provinz. Doch siehe da: Die Bürger, die in Tunesien noch nie mit derartigen Schrecknissen konfrontiert waren, sie organisieren jetzt allüberall im Land ihre Verteidigung selbst. In den Seitenstraßen stehen Barrikaden, teils recht improvisiert, teils erstaunlich professionell konstruiert. In El Ouardia zum Beispiel, einem Mittelklasseviertel im Süden der Hauptstadt, schiebt Kamel Jouini Wache, im Zivilberuf ist er ein hoher EDV-Manager bei der Post. »Wir teilen die Männer zu Schichten ein«, sagt er, »und die Frauen schmieren die ganze Nacht durch Brote und kochen Kaffee.« Die Bewaffnung ist notdürftig: Holzlatten, Spazierstöcke, Golfschläger, Äxte, hin und wieder ein Jagdgewehr. »Tunesien war eben bisher kein Land der Waffen«, meint Jouini.
- Datum 19.01.2011 - 20:05 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.1.2011 Nr. 04
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aus Wikipedia:
"Neubildung aus griechisch kléptein, „stehlen“ und krateïn, „herrschen“: „Herrschaft der Plünderer”, „Diebesherrschaft“"
Wie kann man sich mit so einer Clique nur fast 30 jahre lang arrangieren? Kein Wunder dass die eigenen Ideale dann vor die Hunde gehen.
Geschichte lesen!
(und, hübsch bescheiden, der eigenen Geschichte bewußt sein!)
Beste Grüße
Geschichte lesen!
(und, hübsch bescheiden, der eigenen Geschichte bewußt sein!)
Beste Grüße
Sehr geehrter Herr von Randow
Ich bin Schweizer mit norrdafrikanischen Wurzeln. Ich habe zuvor noch nie von Ihnen was gelesen. Sie machen eine hervorragende Arbeit meiner Meinung nach. Ich verfolge die ganze Geschichte seit dem ersten Tag in Sidi Bouzid. In den deutschprachigen Medien sind Ihre Berichte am profundesten und sie decken sich vor allem mit dem was mir von Bekannten aus Tunis berichtet wird.
Grosses Kompliment und Respekt!
in vollem Umfang möchte ich mich diesem Kommentar anschliessen.
in vollem Umfang möchte ich mich diesem Kommentar anschliessen.
"Muslime, aber sie pflegen eine tolerante Religionsauffassung. Während der Revolution spielten religiöse Losungen keine Rolle...... Die Volksbewegung, erstens, will die Früchte ihres teuer erkauften Sieges ernten. Sie sehnt sich nach Demokratie.........Aber die Tunesier sind ein kultiviertes Volk. Gut möglich, dass sie dem Islamismus widerstehen."
Erstens riefen in den Nachrichten viele Männer immer in den Strassen "Allahu akbar" !
Dann Gratulationen zur Demokratie ohne Ende überall auch hier Zeit-online in den Kommentaren,in meinen Augen viel zu verfrüht!Es ist noch gar nicht sicher,ob die Menschen wirklich von "großer Sehnsucht nach Demokratie" getragen sind oder in erster Linie von der Sehnsuch nach wirtschaftlichen Verbesserungen!in meinen Augen wird dies hiermit deutlich:Zitat"Gut möglich, dass sie dem Islamismus widerstehen."
Menschen deren größte Sehnsucht endlich die Demokratie ist,brauchen gewiß nicht dem Islamismus zu "widerstehen".
"Erstens riefen in den Nachrichten viele Männer immer in den Strassen "Allahu akbar" !"
Welche Nachrichten waren das?
In Tunesien riefen die Menschen in allen mir bekannten Nachrichten vor allem nach Brot und nach Freiheit.
Irgendwelche tatsächlichen oder vermeindlichen islamistischen Parolen und Symbole sind dort bisher anscheinend überhaupt nicht aufgetaucht!
"Menschen deren größte Sehnsucht endlich die Demokratie ist,brauchen gewiß nicht dem Islamismus zu "widerstehen"."
Anderswo mussten Demokratien statt dessen z.B. schon dem Faschismus wiederstehen.
Muss ich Sie hier wirklich erst daran erinnern, welche hoffnungsvolle Demokratie in Europa es gewesen ist, die dem Faschismus im Jahre 1933 nicht zu widerstehen vermochte?
"Erstens riefen in den Nachrichten viele Männer immer in den Strassen "Allahu akbar" !"
Welche Nachrichten waren das?
In Tunesien riefen die Menschen in allen mir bekannten Nachrichten vor allem nach Brot und nach Freiheit.
Irgendwelche tatsächlichen oder vermeindlichen islamistischen Parolen und Symbole sind dort bisher anscheinend überhaupt nicht aufgetaucht!
"Menschen deren größte Sehnsucht endlich die Demokratie ist,brauchen gewiß nicht dem Islamismus zu "widerstehen"."
Anderswo mussten Demokratien statt dessen z.B. schon dem Faschismus wiederstehen.
Muss ich Sie hier wirklich erst daran erinnern, welche hoffnungsvolle Demokratie in Europa es gewesen ist, die dem Faschismus im Jahre 1933 nicht zu widerstehen vermochte?
ich habe das Gefühl, dass Sie dort wirklich mit den Menschen
reden und diese auch verstehen und mögen.
Danke.
in vollem Umfang möchte ich mich diesem Kommentar anschliessen.
Viele Details gleichen der DDR von 1989 - die Selbstorganisation diskussionsfreudiger Zirkel, die allgegenwärtige Pappschilder-Kommunikation - Hauptunterschied die Rolle der Armee, die in Tunesien offenbar als eine Art Miliz betrachtet wird und in die Gesellschaft integriert ist. Die Phase ständiger Bombendrohungen in öffentlichen Gebäuden - vermutetermassen durch Ex-Stasi-Aktivisten - war in der DDR nur kurz und völlig unblutig.
Vom Libanonkrieg 1982 bis zu Arafats Umzug nach Ramallah befand sich ja auch das Hauptquartier der PLO in Tunesien, während PLO-Kämpfer u.a. in NVA-Lagern in der DDR trainiert wurden.
@TheaThea
Man ist noch lange kein Islamist, weil man "Allahu akbar" ruft. Dieser Ausruf (auf Deutsch: Gott ist groß)wird im Alltag der Muslime häufig ausgesprochen, etwa wenn jemand verstirbt oder wenn man eine besonders freudige Nachricht bekommt (grundsätzlich immer bei sehr emotionalen Situationen), und impliziert noch lange keinen fundamentalistischen Hintergrund bei demjenigen, der ihn ausspricht.
Genausowenig wie man christlicher Fundamentalist ist, wenn man "Gott sei Dank" sagt...
Und zweitens habe ich diese Rufe hier in Tunis bisher nicht gehört.
"Man ist noch lange kein Islamist, weil man "Allahu akbar" ruft. Dieser Ausruf (auf Deutsch: Gott ist groß)wird im Alltag der Muslime häufig ausgesprochen..Genausowenig wie man christlicher Fundamentalist ist, wenn man "Gott sei Dank" sagt..."
Es hat ja keiner behauptet,dass es sich um Fundamentalisten handelt!außerdem
ich würde den öffentlichen Ausruf"Allahu akbar" in islamischen Ländern
gewiß nicht mit dem Ausruf "Gott sei Dank" in westlichen Demokratien vergleichen.
Und zweitens habe ich diese Rufe hier in Tunis bisher nicht gehört.
"Man ist noch lange kein Islamist, weil man "Allahu akbar" ruft. Dieser Ausruf (auf Deutsch: Gott ist groß)wird im Alltag der Muslime häufig ausgesprochen..Genausowenig wie man christlicher Fundamentalist ist, wenn man "Gott sei Dank" sagt..."
Es hat ja keiner behauptet,dass es sich um Fundamentalisten handelt!außerdem
ich würde den öffentlichen Ausruf"Allahu akbar" in islamischen Ländern
gewiß nicht mit dem Ausruf "Gott sei Dank" in westlichen Demokratien vergleichen.
Wieso wird mir bei diesem Satz unbehaglich,als enthalte dieser kleine Satz eine Drohung und unglaubliche Anmaßung gleichermaßen?
Ich bin mir sicher,dass nach einer gewissen Eingewöhnungsphase die moderaten Islamisten an die Macht kommen werden - sei es nach 1 oder 4,5 Jahren.Jegliches religiöse Element als unkultiviert hinzustellen ist unangebracht.Die Türken machen es vor - dort hat sich herausgestellt,dass die bisherige Staatsideologie ,der Kemalismus,eine Minderheitenmeinung ist und von der Bevökerungsmehrheit nicht getragen wird.Seit fast 8 Jahren regiert dort allein eine moderat-islamische Regierung unter dem Premier Recep Tayyip Erdogan.Und seitdem hat sich das Land sehr gewandelt - es ist konservativer aber auch bunter geworden und es betreibt eine Außenpolitik die vom Westen in einigen Bereichen kritisch beäugt wird,d.h. unabhängig ist.
Außerdem hat selbst die Zeit-online-Redaktion selbstreflektiert,wie repräsenativ überhaupt Ansprechpersonen sind,die meist gut gebildet sind und eine Fremdsprache beherrschen - ob das "Fenster der Medien" uns da nicht zu Irrtümern verleitet,das ist die große Frage.Es ist irgendwo klar,dass man sich bevorzugt mit Leuten unterhält ohne einen Dolmetscher zu benötigen.Man sollte aber vorsichtig sein.
"Ich bin mir sicher,dass nach einer gewissen Eingewöhnungsphase die moderaten Islamisten an die Macht kommen werden - sei es nach 1 oder 4,5 Jahren."
Die derzeitige tunesische Revolution ist eindeutig eine BÜRGERLICHE Revolution, keine islamistische!
Die politisch eher schwachen tunesischen Islamisten könnten folglich nur dann in Tunesien an die Macht gelangen, wenn der Mehrheitswillen der nach Demokratie und Freiheit strebenden tunesischen Bevölkerung erneut mit Füßen getreten würde.
Dies wäre eigentlich nur dann noch möglich, wenn eine äußere Intervention (Gaddafis Lybien?) im Namen von Arabismus und Islam das tunesische Volk erneut zu Unterdrückten machen würde.
Und selbst dann gehe ich persönlich eher davon aus, dass sich in solch einem Fall erstrecht das bürgerlich-demokratische Freiheitsvirus rasant im ganzen Maghreb verbreiten würde, gerade auch im seit Jahrzehnten despotisch beherrschten Lybien selbst!
Ausgerechnet Erdogans Islamisierungspolitik in der Türkei als Vorbild der demokratischen tunesischen Bürgerrevolution anzupreisen, halte ich in jeder Hinsicht für Unzutreffend.
Denn die tunesischen Revolutionäre von Heute streben -im überdeutlichen Gegensatz zu Erdogan und seiner islamistischen AK-Partei in der Türkei- eindeutig nicht nach antidemokratischer Islamisierung und faktischer Abschaffung der Republik, sondern nach jenen freiheitlichen westlichen Werten, die einst schon Atatürk und seine türkischen Mitrevolutionäre inspiriert und beflügelt hatten.
Ein großer Teil der Tunesier aus allen Volksklassen, selbst diejenigen mit weniger Bildung, spricht Französisch. Der Sprach-Bias, den es in der Tat oft gibt, war hier daher geringfügig.
"Ich bin mir sicher,dass nach einer gewissen Eingewöhnungsphase die moderaten Islamisten an die Macht kommen werden - sei es nach 1 oder 4,5 Jahren."
Die derzeitige tunesische Revolution ist eindeutig eine BÜRGERLICHE Revolution, keine islamistische!
Die politisch eher schwachen tunesischen Islamisten könnten folglich nur dann in Tunesien an die Macht gelangen, wenn der Mehrheitswillen der nach Demokratie und Freiheit strebenden tunesischen Bevölkerung erneut mit Füßen getreten würde.
Dies wäre eigentlich nur dann noch möglich, wenn eine äußere Intervention (Gaddafis Lybien?) im Namen von Arabismus und Islam das tunesische Volk erneut zu Unterdrückten machen würde.
Und selbst dann gehe ich persönlich eher davon aus, dass sich in solch einem Fall erstrecht das bürgerlich-demokratische Freiheitsvirus rasant im ganzen Maghreb verbreiten würde, gerade auch im seit Jahrzehnten despotisch beherrschten Lybien selbst!
Ausgerechnet Erdogans Islamisierungspolitik in der Türkei als Vorbild der demokratischen tunesischen Bürgerrevolution anzupreisen, halte ich in jeder Hinsicht für Unzutreffend.
Denn die tunesischen Revolutionäre von Heute streben -im überdeutlichen Gegensatz zu Erdogan und seiner islamistischen AK-Partei in der Türkei- eindeutig nicht nach antidemokratischer Islamisierung und faktischer Abschaffung der Republik, sondern nach jenen freiheitlichen westlichen Werten, die einst schon Atatürk und seine türkischen Mitrevolutionäre inspiriert und beflügelt hatten.
Ein großer Teil der Tunesier aus allen Volksklassen, selbst diejenigen mit weniger Bildung, spricht Französisch. Der Sprach-Bias, den es in der Tat oft gibt, war hier daher geringfügig.
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