Ungarn Orbáns schwarze Liste

Schon vor mehr als zehn Jahren wetterte Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán gegen kritische Presseberichte – beispielsweise in der ZEIT.

Grüne Abgeordnete des Europäischen Parlaments protestieren gegen Ungarns Mediengesetz während einer Rede von Viktor Orbán in Straßburg

Grüne Abgeordnete des Europäischen Parlaments protestieren gegen Ungarns Mediengesetz während einer Rede von Viktor Orbán in Straßburg

Die Fesseln, die Viktor Orbán den ungarischen Medien scheinbar überfallartig anlegt, hielt er schon lange bereit. Zuerst hat er sie vor über einem Jahrzehnt der ZEIT gezeigt. Damals hatte ich seine Strategie beschrieben, Ungarns rechte Erde zu sammeln und die antisemitische Ungarische Wahrheits- und Lebenspartei zu umwerben (ZEIT Nr. 38/2000). Der Ministerpräsident (Orbán hatte dieses Amt auch von 1998 bis 2002 inne) ließ dem Parlament daraufhin eine Dokumentation über ausländische Presseberichte vorlegen, »die das Ansehen Ungarns und seiner Regierung herabgesetzt haben«. Die zentralen Passagen dieser »schwarzen Liste« (wie sie der freidemokratische Abgeordnete Tamás Bauer in der Parlamentsdebatte nannte) bezogen sich auf meinen Artikel. »Dieses Geschreibsel hat den größten Schaden der vergangenen zwei Jahre angerichtet«, hieß es mit Bezug auf Orbáns Amtszeit. Immerhin ließ die Attacke da noch Sorge um Ungarns Ansehen im Westen erkennen: »Angesichts der großen internationalen und deutschen Reputation des Blattes ist davon auszugehen, dass auch die gegenwärtige deutsche Führung das dort Geschriebene für bare Münze nahm.«

Ein Ziel der Dokumentation war es bereits damals – ganz wie jetzt im Mediengesetz vorgesehen –, Informanten zum Schweigen zu bringen. Meine Interviewpartner, die schon zu jener Zeit auf den wachsenden Antisemitismus und die Bedrohung der Roma hingewiesen hatten, wurden angeschwärzt: Fettdruck hob ihre Namen demonstrativ hervor. Ungarns Presse reagierte noch einhellig entsetzt und solidarisch. In der führenden Tageszeitung Népszabadság schrieb der Publizist Endre Aczél: »Empört hat mich, wie der Artikel des Hamburger Journalisten und wohl besten Kenners des mitteleuropäischen Gezeitenwechsels kommentiert wird. Jeder Satz ist falsch.« Das angesehene Magazin 168 óra fühlte sich an »Zeiten des Einparteistaats« erinnert.

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So ergeht es jetzt auch der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa. Sie sieht im neuen Mediengesetz ein Instrument, wie man es »nur von diktatorischen Regierungen kennt«. Hunderte ungarischer Schriftsteller urteilen in einem Appell gemeinsam: »Es stellt die Zensur wieder her, missachtet die Gewaltenteilung.« Auf über 170 Seiten präsentiert dieses Gesetz, wie es alle TV- und Radiosender, Zeitungen, Internetportale regulieren will. Selbst Blogs werden erfasst – Kuba kann nur neidisch werden. Orbán auf dem Weg zu Orwell: Das Überwachungszentrum ist ein politisch besetzter Rat, zwar nicht unter dem Großen Bruder, aber unter Orbáns treuer Parteikollegin Annamária Szalai. Er hat sie auf neun Jahre ernannt. So mag die Regierung mal abgewählt werden, doch die Partei wird dann immer noch Recht in den Medien haben.

Herman Van Rompuy, Präsident des Europäischen Rates, hat den Nagel unfreiwillig auf den Kopf getroffen. Zur Übernahme des EU-Ratsvorsitzes gratulierte er in Budapest: »Gut vorbereitet« sei Orbán. Stimmt. Er hat das Trauma der EU – nach deren amateurhafter Bestrafung Österreichs wegen der Regierungsbeteiligung von Jörg Haiders rechtsradikaler FPÖ vor zehn Jahren – strategisch genutzt. Statt dem längst auf eine Autokratie hinsteuernden Orbán früh genug Europas Verträge zum Schutz der »gemeinsamen Werte« unter die Nase zu halten, hinkte man in Brüssel hinterher, um »die Lage zu beobachten und auszuwerten«.

Orbán und seine Bewunderer berufen sich darauf, dass es bisher »keinerlei Regelungen« gebe, um »den radikalen und extremistischen Tendenzen in den Medien etwas entgegenzustellen«. Wollte sich der Regierungschef nicht nur die eigene Macht unbegrenzt sichern, müsste er jetzt zuerst sein eigenes Umfeld entsumpfen. Orbáns Spezi Zsolt Bayer attackiert als Starkolumnist seit Jahren Juden und Roma. Magyar Demokrata, von Orbán zu einem seiner Lieblingsblätter erklärt, rief vor gut einem Jahr zur Vernichtung der Bücher von Péter Eszterházy, György Konrád und Péter Nádas auf: »Sie sind Mörder, ihre Gifte sind aus unserem Organismus auszumerzen.« Wetten, dass Verfasser solcher Schmähschriften nicht auf Orbáns schwarzer Liste landen?

 
Leser-Kommentare
    • chamsi
    • 25.01.2011 um 19:53 Uhr

    im Visir von Orban.
    Auch die Kulturschaffenden in Ungarn.
    Dort wird zur Zeit "ausgemistet", dabei ist gerade
    die unabhängige Kulturszene Ungarns kreativ, sensibel
    und wäre eine Aushängeschild....
    Aber offenbar nicht für ein nationalistisches Regime,
    das aus Spießigkeit nur Folklore fördert...

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    • joG
    • 26.01.2011 um 9:13 Uhr

    ....dass wir in unseren Medienlandschaften erhebliche Beschränkungen der Meinungsfreiheit nicht nur erlauben, sondern in weiten Teilen der Bevölkerung sogar befürworten. In den EU Ländern, die ich kenne gibt es überall solche Meinungsunterdrückung, in jedem Land etwas anders strukturiert mit teilweise unterschiedlichen besonderen Empfindlichkeiten und Foci. Aber der Ausdruck der Meinung in den Medien und anderer Öffentlichkeit wird beschränkt.

    So kann man nun aufgebracht moralisieren, ob der neuen Sichtbarkeit solchen Handelns, sieht aber letztlich aus, wie ein Pharisäer und völlig unglaubwürdig.

    • joG
    • 26.01.2011 um 9:13 Uhr

    ....dass wir in unseren Medienlandschaften erhebliche Beschränkungen der Meinungsfreiheit nicht nur erlauben, sondern in weiten Teilen der Bevölkerung sogar befürworten. In den EU Ländern, die ich kenne gibt es überall solche Meinungsunterdrückung, in jedem Land etwas anders strukturiert mit teilweise unterschiedlichen besonderen Empfindlichkeiten und Foci. Aber der Ausdruck der Meinung in den Medien und anderer Öffentlichkeit wird beschränkt.

    So kann man nun aufgebracht moralisieren, ob der neuen Sichtbarkeit solchen Handelns, sieht aber letztlich aus, wie ein Pharisäer und völlig unglaubwürdig.

  1. 2. [...]

    Entfernt. Bitte argumentieren Sie sachlich zum Artikelthema. DIe Redaktion/lv

    • Harzer
    • 25.01.2011 um 19:58 Uhr

    ... wurde Herr Orban von der deutschen FDP gesponsert.

    Soweit dazu, wieviel "Frei" und "Demokratisch" im Namen dieser Partei wert sind !

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    ...besitzt und besass schon immer eine recht intensive Nähe zu rechten Fraktionen und Politikern weltweit. Die zum Teil aus Steuermitteln mitfinanzierte Friedrich Naumann Stiftung der FDP besorgt das gerne auf ihre Weise.

    Über die Unterstützung dieses "Vereins" der honduranischen Putschisten schrieb ich vor einiger Zeit einen Beitrag:

    http://community.zeit.de/user/volker-steinkuhle/beitrag/2010/03/08/liberale-unterstützung-für-putschisten

    Mir scheint, am diesbezüglichen Verhalten unserer "Liberalen" hat sich nichts geändert.

    Leider!

    ...besitzt und besass schon immer eine recht intensive Nähe zu rechten Fraktionen und Politikern weltweit. Die zum Teil aus Steuermitteln mitfinanzierte Friedrich Naumann Stiftung der FDP besorgt das gerne auf ihre Weise.

    Über die Unterstützung dieses "Vereins" der honduranischen Putschisten schrieb ich vor einiger Zeit einen Beitrag:

    http://community.zeit.de/user/volker-steinkuhle/beitrag/2010/03/08/liberale-unterstützung-für-putschisten

    Mir scheint, am diesbezüglichen Verhalten unserer "Liberalen" hat sich nichts geändert.

    Leider!

  2. Entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich zum Thema des Artikels. Die Redaktion/cs

  3. In der süddeutschen Zeitung ergreifen Habermas und Nidda-Rümelin offen Partei für die Freiheit und Unabhängigkeit der Philosophen in Ungarn, das ist eine ehrenwerte und außerordentlich wichtige Geste, um in aller Öffentlichkeit gegen die Unterdrückung der ungarischen Intellektuellen einzutreten, aber das ist nicht genug: Ungarns Demokratie und unser europäisches Bekenntnis zu den Idealen der französischen Revolution Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit wird damit unglaubwürdig. Ja, diese oft belächelten drei Säulen einer freien menschlichen Gesellschaft, auch wenn überall an diesen Werten gesägt und gebogen wird, sind in Gefahr. Mögen in Italien und Frankreich politisch egozentrierte Mediendarsteller die Belange ihrer Nationen manipulativ zu ihren Gunsten lenken, mögen Geldhaie, Investorenschakale und Spekulationsgeier mit Zynismus und krimineller Energie auch bei uns alles zerfleischen wollen, was unser Selbstverständnis von Freiheit ausmacht, dürfen wir es nicht zulassen, dass ein Mitgliedsland der EU ihre Bewohner in eine autokratische und faschistoide Geiselhaft nehmen.
    Mit der Beschneidung der Meinungsfreiheit fängt es an und mit politisch begründeten Säuberungsprozessen geht es weiter und wo es dann aufhören kann, wagt man sich nicht auszumalen.
    Was heute mit unseren ungarischen Nachbarn geschieht, kann morgen in der Slowakei abgehn und wenn die griechischen Militärs sich ihrer unseligen Vergangenheit erinnern, ist der Schirlingsbecher nicht mehr weit.

    W.Neisser

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    • rebru
    • 25.01.2011 um 21:29 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs

    • rebru
    • 25.01.2011 um 21:29 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs

    • rebru
    • 25.01.2011 um 21:29 Uhr

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen. Die Redaktion/cs

  4. diesen Blog hingewiesen, der die Vorgänge in deutscher Sprache dokumentiert und kommentiert

    http://pusztaranger.wordp...

    Eine Leser-Empfehlung
  5. ...was den Ungarn per se die Feindschaft der gesamten deutschen "gebildeten Öffentlichkeit" eintrug. Mehr ist dazu eigentlich nicht zu sagen.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema des Artikels. Die Redaktion/cs

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    "daß sich die gesamte deutsche Presse freiwillig einem linksliberalen Diktat unterworfen hat"

    ...Presse meinst du? Ich kann bestenfalls jede Menge wirtschaftsliberale Blätter entdecken, von links keine Spur. Wobei wirtschaftsliberal auch globalisierungsfreundlich und antinationalistisch beinhaltet, wahrscheinlich verwechselst du das.

    "daß sich die gesamte deutsche Presse freiwillig einem linksliberalen Diktat unterworfen hat"

    ...Presse meinst du? Ich kann bestenfalls jede Menge wirtschaftsliberale Blätter entdecken, von links keine Spur. Wobei wirtschaftsliberal auch globalisierungsfreundlich und antinationalistisch beinhaltet, wahrscheinlich verwechselst du das.

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