Ungarn "Geld holen, wo es Geld gibt"
In ihrer Finanznot schröpft die ungarische Regierung Auslandsfirmen und plündert die private Rentenkasse.
© Georges Gobet/AFP/Getty Images

Ungarns Premier Viktor Orbán
Als Ungarns neue konservative Regierung im Hochsommer 2010 ihr 29 Punkte umfassendes Wirtschaftsprogramm veröffentlichte, verglich sie die vor ihr liegenden Aufgaben mit denen der Jahre 1945 und 1989. Es gehe, sagte Ministerpräsident Viktor Orbán in gewohnt vollmundiger Rhetorik, um nicht mehr und nicht weniger als den Wiederaufbau der Volkswirtschaft. Die Regierung nannte das Programm den »Neuen Széchenyi-Plan«, nach einem seit eineinhalb Jahrhunderten toten ungarischen Adligen und Reformer, an den im ganzen Land zahllose Statuen, Straßen, Plätze und Gebäude erinnern.
Sechs Monate später urteilt der konservative Ökonom und Politologe Lázló Csaba über die Wirtschaftspolitik Orbans mit einem Wort: »unverantwortlich«. Der Konjunkturforscher András Vértes bezeichnet die Regierung seines Landes als »unprofessionell«. Der Ministerpräsident handele »gesetzeswidrig und amoralisch«, wütet der linksliberale Wirtschaftswissenschaftler András Inotai. Vor nationalen und internationalen Gerichten drohen Klagen gegen den ungarischen Staat, die Chefs internationaler Konzerne schreiben Protestbriefe, die EU-Kommission ermittelt.
Kurzum: Während es Viktor Orbán und der Regierungspartei Fidesz in nachgerade machiavellistischer Manier gelungen ist, ihre Macht im Land zu festigen, stehen sie wirtschaftspolitisch mit dem Rücken zur Wand. Rückwirkend geltende Sondersteuern für ausländische Firmen, eine protektionistische Rhetorik und die drohende Zwangsverstaatlichung der privaten Rentenversicherungen haben Fachleute im In- und Ausland entsetzt. Anfangs sei er für Orbán und seine Partei eingetreten, sagt László Csaba. Jetzt findet der Professor an der Central European University in Budapest, Fidesz verstehe offensichtlich ganz und gar nicht, »wie die Welt heute funktioniert«.
Vordergründig geht es Ungarn nicht schlecht. Zwei Jahre nach dem großen Crash, als das Land nur durch einen Notkredit der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor der Staatspleite gerettet werden konnte, zeigen die Wirtschaftskurven nach oben. Das Wachstum ist zurückgekehrt, die Exporte brummen, die Lage hat sich stabilisiert. Allerdings könnte die Kreditwürdigkeit des Landes schon im Frühjahr auf Ramschstatus gesenkt werden. Die Währung bleibt labil. Schon mittelfristig, sagen Experten wie András Vértes, sei das Schulden- und Defizitproblem des Landes nicht unter Kontrolle.
Angetreten war Fidesz im Frühjahr 2010 mit dem Versprechen, den harten Sanierungskurs seiner sozialistischen Vorgänger zu beenden und durch eine expansive, von Steuersenkungen geprägte Politik zu ersetzen. Gespräche mit dem IWF, der dies scharf kritisierte, wurden im Juli von dem Ministerpräsident mit der Begründung abgebrochen, Ungarn stecke nun im »Kampf um wirtschaftliche Unabhängigkeit«. Nicht entziehen konnte sich Orbán allerdings der Forderung der EU, das Haushaltsdefizit schon in diesem Jahr auf unter drei Prozent zu drücken. Um seine Versprechen einzuhalten, musste der Regierungschef also neue Einnahmequellen erschließen.
Niedrigsteuer für die Ungarn – Höchststeuern für EU-Konzerne
Das gelang außerordentlich gut. Schon kurz nach ihrem Amtsantritt hatte die Regierung den von ausländischen Instituten dominierten Bankensektor des Landes mit der höchsten Bankensteuer in Europa belegt. Nach der Sommerpause verkündete sie dann eine Steuerreform, nach der es künftig eine einheitliche Einkommenssteuer von 16 Prozent und – zunächst nur für kleine und mittlere, später für alle Unternehmen – eine einheitliche Körperschaftssteuer von 10 Prozent geben wird. Um diese Wohltaten zu finanzieren, müssen vor allem die großen Unternehmen im Telekommunikations-, Einzelhandels- und Energiesektor sowie im Versicherungsgewerbe eine schon für 2010 rückwirkend geltende »Krisensteuer« berappen. Weil es unter den Großen dieser Branchen kaum ungarische Firmen gibt, sind davon überwiegend ausländische Konzerne betroffen – etwa die Deutsche Telekom, E.on, RWE oder die britische Supermarktkette Tesco. Geld könne schließlich nur dort geholt werden, »wo es Geld gibt«, ließ sich Viktor Orbán vernehmen.
Geld gibt es auch in den Kassen der – ebenfalls überwiegend von ausländischen Konzernen wie der Allianz verwalteten – privaten Rentenversicherungen; insgesamt sollen es rund elf Milliarden Euro sein, das entspricht elf Prozent des ungarischen Sozialprodukts. Zusammengekommen ist diese Summe durch die Zwangsabgaben, die drei Millionen Ungarn zusätzlich zu ihren staatlichen Rentenbeiträgen seit 1997 in private Rentenfonds einzahlen müssen. Zunächst entschied die Regierung, diese Beiträge bis Ende 2011 in die staatliche Rentenkasse umzuleiten, um Löcher im Haushalt zu stopfen. Dann verkündete sie, Rentensparer sollten generell zurück ins staatliche System wechseln – und zwar samt ihren angesparten Beiträgen. Zwar soll es auch weiterhin die »freie Wahl« zwischen staatlicher und privater Vorsorge geben. Wer sich aber für das private System entscheidet, hat künftig – und zwar weitgehend unabhängig von den schon gezahlten Beiträgen – nur noch eingeschränkte Ansprüche auf eine staatliche Rente.
- Datum 24.01.2011 - 10:38 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 20.1.2011 Nr. 04
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...dann macht er ja das Gegenteil von Gas-Gerd und Konsorten.
der Albtraum für jeden Manchesterliberalen und das Schlimmste fürm sie ist, die westlichen Machteliten haben es nicht kommen sehen.
Die Aussage sollte doch auch den Dt. bekannt vorkommen, "Zusammengekommen ist diese Summe durch die Zwangsabgaben, die drei Millionen Ungarn zusätzlich zu ihren staatlichen Rentenbeiträgen seit 1997 in private Rentenfonds einzahlen müssen."
Da wurden zum Wohle der Versicherungswirtschaft die Bürger zur privaten Vorsorge genötigt, nennt sich in D-land meines Wissens nach Riester und Rürup.
Und die von Orban jetzt eingebrachte Lösung ist doch hervorvorragend, wer glaubt mit der privaten Versicherung besser zu fahren, verliert jeglich Ansprüche auf eine staatliche Altersvorsorge. Da kann jeder wählen. Wird dann wie in Bayern sein, man droht, Ärzte lebt nur nur noch von euren Privatpatienten und
schon ziehen diese den Schwanz ein.
Und den ausländischen Firmen wie Audi, Allianz etc. kann man nur sagen, gezockt und verloren. Aber da ist ja noch D-land, noch mehr Lohndumping, Nötigung und Versklavung der Bevölkerung in Zusammenarbeit mit den Argen und ein weiteres vorantreiben von Privatisierungen der öffentlichen Infrastruktur und Daseinsvorsorge und Invesitionen lohnen dort wieder. Und mit den käuflichen Politkern (z.b. Clement, Koch) dort, hat man auch die notwendige "Rechtssicherheit".
Man sollte sich davor hüten die nationalistische ungarische Regierung gutzuheißen, weil man selbst durch die ideologische Brille schaut und/oder die derzeitige Richtung der deutschen Politik vielleicht nicht unterstützt. Was in diesem Land passiert ist – unabhängig von Ihrer Einstellung zu Marktwirtschaft (die heute wie früher dieses Land und auch die Durchschnittsbevölkerung - und damit ist auch der Median gemeint und nicht nur das arithmetische Mittel - zu einem der reichsten der Welt macht) – zu verurteilen. Die aktuelle ungarische völkische Politik geht einher mit Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, beliebige Entlassungen von unliebsamen Kulturschaffenden und Journalisten.
Ich werde Ihren letzten Absatz nur insoweit kommentieren, als dass Auslandsinvestitionen begrüßenswert sind und das aus zwei Gründen: Der Schaffung von Arbeitsplätzen einerseits und der Transfer von Geld vom Herkunftsland in das Zielland andererseits. In ihren genannten Fällen ist es das Kapital deutscher Konzerne, die es in Gewinnerwartung in Ungarn eingesetzt haben. Das ist das eines der herrlichen Prinzipien der Globalisierung! Das eingesetzte Kapital jetzt willkürlich abzuschöpfen ist nicht nur Unrecht - sondern auch schädlich für Ungarn selbst, was sich alsbald herausstellen wird.
Man sollte sich davor hüten die nationalistische ungarische Regierung gutzuheißen, weil man selbst durch die ideologische Brille schaut und/oder die derzeitige Richtung der deutschen Politik vielleicht nicht unterstützt. Was in diesem Land passiert ist – unabhängig von Ihrer Einstellung zu Marktwirtschaft (die heute wie früher dieses Land und auch die Durchschnittsbevölkerung - und damit ist auch der Median gemeint und nicht nur das arithmetische Mittel - zu einem der reichsten der Welt macht) – zu verurteilen. Die aktuelle ungarische völkische Politik geht einher mit Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, beliebige Entlassungen von unliebsamen Kulturschaffenden und Journalisten.
Ich werde Ihren letzten Absatz nur insoweit kommentieren, als dass Auslandsinvestitionen begrüßenswert sind und das aus zwei Gründen: Der Schaffung von Arbeitsplätzen einerseits und der Transfer von Geld vom Herkunftsland in das Zielland andererseits. In ihren genannten Fällen ist es das Kapital deutscher Konzerne, die es in Gewinnerwartung in Ungarn eingesetzt haben. Das ist das eines der herrlichen Prinzipien der Globalisierung! Das eingesetzte Kapital jetzt willkürlich abzuschöpfen ist nicht nur Unrecht - sondern auch schädlich für Ungarn selbst, was sich alsbald herausstellen wird.
Orbán wird's schon richten und die EU mit qan die Wand fahren.
Man sollte sich davor hüten die nationalistische ungarische Regierung gutzuheißen, weil man selbst durch die ideologische Brille schaut und/oder die derzeitige Richtung der deutschen Politik vielleicht nicht unterstützt. Was in diesem Land passiert ist – unabhängig von Ihrer Einstellung zu Marktwirtschaft (die heute wie früher dieses Land und auch die Durchschnittsbevölkerung - und damit ist auch der Median gemeint und nicht nur das arithmetische Mittel - zu einem der reichsten der Welt macht) – zu verurteilen. Die aktuelle ungarische völkische Politik geht einher mit Diskriminierung der jüdischen Bevölkerung, beliebige Entlassungen von unliebsamen Kulturschaffenden und Journalisten.
Ich werde Ihren letzten Absatz nur insoweit kommentieren, als dass Auslandsinvestitionen begrüßenswert sind und das aus zwei Gründen: Der Schaffung von Arbeitsplätzen einerseits und der Transfer von Geld vom Herkunftsland in das Zielland andererseits. In ihren genannten Fällen ist es das Kapital deutscher Konzerne, die es in Gewinnerwartung in Ungarn eingesetzt haben. Das ist das eines der herrlichen Prinzipien der Globalisierung! Das eingesetzte Kapital jetzt willkürlich abzuschöpfen ist nicht nur Unrecht - sondern auch schädlich für Ungarn selbst, was sich alsbald herausstellen wird.
Die Welt ist eben nicht schwarz und weiß:
Orbán kann doch der Alptraum jedes Demokraten *und* jedes Neoliberalen sein -- aus unterschiedlichen Gründen.
Wie wenig das überkommene Rechts-links-Denken auf die heutige Zeit paßt, wird klar, wenn man sich überlegt, daß es durchweg sogenannte Sozialisten oder Sozialdemokraten waren, die die Finanzmärkte entfesselt und Volkseigentum verscherbelt haben, während die beherztesten Korrekturen jetzt von "rechts" kommen.
Für verfehlt halte ich allerdings in der gegebenen Situation Orbáns Steuersenkungen für hohe Einkommen. Offenbar hat auch er noch ein paar Unterstützer auszuzahlen.
Die Welt ist eben nicht schwarz und weiß:
Orbán kann doch der Alptraum jedes Demokraten *und* jedes Neoliberalen sein -- aus unterschiedlichen Gründen.
Wie wenig das überkommene Rechts-links-Denken auf die heutige Zeit paßt, wird klar, wenn man sich überlegt, daß es durchweg sogenannte Sozialisten oder Sozialdemokraten waren, die die Finanzmärkte entfesselt und Volkseigentum verscherbelt haben, während die beherztesten Korrekturen jetzt von "rechts" kommen.
Für verfehlt halte ich allerdings in der gegebenen Situation Orbáns Steuersenkungen für hohe Einkommen. Offenbar hat auch er noch ein paar Unterstützer auszuzahlen.
Abwarten bis zur nächsten Wahl. Entweder er wird wiedergewählt, dann war er gut und hat nach Volkes Sinne gehandelt oder er war schlecht und wird abgewählt.
So einfach ist das in einer Demokratie.
Orban ist zwar machtbewusst, aber kein Faschist und auch kein rein populistischer Nationalist.
"Der Ministerpräsident handele »gesetzeswidrig und amoralisch«, wütet der linksliberale Wirtschaftswissenschaftler András Inotai."
Nun ja, was will man von einem Linksliberalen auch erwarten wenn er über einen Rechten wie Orban urteilen soll? Extrem tendenziös der Artikel.
Zudem verstehe ich die ZEIT nicht. Da wird ständig in bester antikapitalistischer Kampfrhetorik gegen Großkonzerne und Banken gewettert, und dann kommt mal einer der genau das durchzieht was ihr immer fordert, deren Macht beschneiden. Und das ist dann auch wieder nicht recht, und wißt ihr warum? Weil Orban ein Rechter ist und deshalb er per se schon niedergeschrieben wird. Schämt ihr euch nicht? Solltet ihr nicht wenigstens mal anerkennen wenn jemand euer Programm durchsetzt?
Die Welt ist eben nicht schwarz und weiß:
Orbán kann doch der Alptraum jedes Demokraten *und* jedes Neoliberalen sein -- aus unterschiedlichen Gründen.
Wie wenig das überkommene Rechts-links-Denken auf die heutige Zeit paßt, wird klar, wenn man sich überlegt, daß es durchweg sogenannte Sozialisten oder Sozialdemokraten waren, die die Finanzmärkte entfesselt und Volkseigentum verscherbelt haben, während die beherztesten Korrekturen jetzt von "rechts" kommen.
Für verfehlt halte ich allerdings in der gegebenen Situation Orbáns Steuersenkungen für hohe Einkommen. Offenbar hat auch er noch ein paar Unterstützer auszuzahlen.
Dieses Thema ist völlig an mir vorbei gegangen und ich wurde erst jetzt durch eine ungarische Freundin darauf aufmerksam gemacht. Warum schweigt Europa, warum schweigt die Presse (fast), so man doch von Stehlen sprechen muss? ("Zunächst entschied die Regierung, diese Beiträge bis Ende 2011 in die staatliche Rentenkasse umzuleiten, um Löcher im Haushalt zu stopfen.")
Ich wünsche mir klar mehr Aufmerksamkeit für das Thema!
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