Verhaltensforschung Fatale Nächstenliebe
Ohne Feinde gibt es auch kein Wirgefühl.
© Abid Katib/Getty Images

Ein gemeinsamer Feind steigert das Wirgefühl: Ein Palästinenser hält einen Schuh hoch, auf dessen Sohle der Name des ehemaligen US-Präsident George W. "Bush" steht
In den Buchläden ist das Zeitalter der Güte schon angebrochen. Populäre Bücher erklären Warum wir kooperieren, bringen uns Die Kunst, kein Egoist zu sein, nahe oder belehren über den Sinn des Gebens. Der Mensch sei von Grund auf gut, so die Autoren unisono, Kooperation schlägt Konkurrenz.
Leider ist in diesem Zusammenhang selten die Rede von der hässlichen Rückseite der Nächstenliebe. Von der profitiert nämlich meist nur die eigene Gemeinschaft. Außenstehende müssen als Feindbilder herhalten: Je stärker die Ablehnung von Andersdenkenden oder -aussehenden ist, desto stärker wird der Gruppenzusammenhalt.
Was wäre etwa die SPD ohne den Schrecken Schwarz-Gelb (und die Union ohne die Angst vor Rot-Rot)? Was schweißt eine Religionsgemeinschaft stärker zusammen als der Kampf gegen Anders- oder Ungläubige? Und wie ließen sich Soldaten, Fußballer oder Demonstranten besser motivieren als über den Appell an das Wirgefühl, das es gegen »die da oben«/»da unten«/»da drüben« zu verteidigen gilt?
Symptomatisch war die Haltung von US-Pastoren, die in den siebziger Jahren zum Vietnamkrieg befragt wurden. 85 Prozent sagten zwar, Krieg sei gegen den Willen Gottes; für ein Ende der Kämpfe plädierten aber nur wenige. Die meisten argumentierten, mit den vietnamesischen Atheisten könne man nicht »auf christliche Weise« umgehen, sondern müsse mit ihnen in »ihrer eigenen Sprache« sprechen.
Wie universell Freund- und Feindschaft gekoppelt sind, belegt auch die Hormonforschung. Die hat in den vergangenen Jahren das Oxytocin zum »Kuschel-Hormon« stilisiert: innige Bindung zwischen Mutter und Kind, Liebe zwischen Paaren, ja selbst Vertrauen zwischen Geschäftspartnern – all das wird durch Oxytocin gefördert, so zeigten es die Experimente. Das Hormon aus dem Hypothalamus schien der rechte Grundstoff für die Empathische Zivilisation, die mancher Visionär schon keimen sah.
Nun zeigt sich jedoch: Die Kuschelwirkung des Oxytocins wird teuer erkauft. Es verstärkt nämlich zugleich die Ablehnung alles Fremden. Als der niederländische Psychologe Carsten de Dreu seinen Probanden Oxytocin verabreichte, beurteilten diese etwa arabisch klingende Vornamen deutlich negativer als Versuchspersonen ohne Kuschelhormon. Mussten die Testpersonen angeben, wen sie in einer bedrohlichen Situation eher retten (und wen opfern) würden, ließen die unter Oxytocin Stehenden häufiger Außenstehende zugunsten der eigenen Gruppe über die Klinge springen.
Eine bittere Pille für uns harmoniesüchtige Gutmenschen! Belegen doch de Dreus Versuche, wie leicht sich das Freund-Feind-Denken schon auf der hormonellen Ebene aktivieren lässt und dass es dazu gar keiner ausgefeilten politischen oder religiösen Beeinflussung bedarf. Das Projekt Weltfrieden erscheint im Lichte solcher Ergebnisse vorerst als fromme Illusion: Damit die Menschheit endlich ein gemeinsames Wirgefühl entwickelt, reicht der Appell an die Nächstenliebe wohl nicht aus; damit wir auf unserem Planeten als Ganzes zusammenrücken, brauchen wir erst einen möglichst verhassten, gemeinsamen Gegner. Möchte vielleicht irgendjemand diese Rolle übernehmen? Er möge sich bitte melden. Er täte uns allen einen Riesengefallen.
- Datum 21.01.2011 - 18:07 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 20.1.2011 Nr. 04
- Kommentare 38
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dann exestieren, wenn eine außerirdische Rasse ( falls es sowas geben sollte) versucht die Erde einzunehmen. Dann wird sich die Menschliche Rasse als ganzes verstehen und hat wie so schön in ihrem Artikel erklärt einen gemeinsamen Feind. Zwar wird es noch zu Konflikten kommen, das lässt sich nun mal nicht vermeiden, doch die Kriege werden aufhören.
Auch wenn ihre Aussage für manche absurd klingen mag stimme ich Ihnen zu. Bis soetwas geschieht (falls überhaupt) kann es aber noch eine Weile dauern. Solange sollten wir vielleicht endlich ehrlich damit sein wen wir Deutschen bzw. wir Europäer als gemeinsamen Feind ansehen.
Die Araber/Moslems weil wir mit ihrer Kultur/Religion nicht klarkommen?
Die Chinesen als zukünftige Weltmacht?
Die Russen als klassischen Feind des Westens?
Die Afrikaner weil sie uns mit illegalen Einwandern überrennen?
Oder gar die Amerikaner auf die man hierzulande immer gerne schimpft?
Die Auswahl fällt wohl nicht leicht...
Richtig, ein außerirdischer Feind würde die Menschheit vereinen. Eventuell müsste man einfach eine Verschwörung starten, die den Menschen eine Alien-Invasion vortäuscht! In der Science-Fiction-Literatur ist diese Idee ja schon ein alter Hut.
Auch wenn ihre Aussage für manche absurd klingen mag stimme ich Ihnen zu. Bis soetwas geschieht (falls überhaupt) kann es aber noch eine Weile dauern. Solange sollten wir vielleicht endlich ehrlich damit sein wen wir Deutschen bzw. wir Europäer als gemeinsamen Feind ansehen.
Die Araber/Moslems weil wir mit ihrer Kultur/Religion nicht klarkommen?
Die Chinesen als zukünftige Weltmacht?
Die Russen als klassischen Feind des Westens?
Die Afrikaner weil sie uns mit illegalen Einwandern überrennen?
Oder gar die Amerikaner auf die man hierzulande immer gerne schimpft?
Die Auswahl fällt wohl nicht leicht...
Richtig, ein außerirdischer Feind würde die Menschheit vereinen. Eventuell müsste man einfach eine Verschwörung starten, die den Menschen eine Alien-Invasion vortäuscht! In der Science-Fiction-Literatur ist diese Idee ja schon ein alter Hut.
Der Bericht erinnert mich an ein Gedicht:
...Düşmanıma
...Ey düşmanım, sen benim ifadem ve hızımsın;
...Gündüz geceye muhtaç, bana da sen lazımsın!..
Necip Fazıl Kısakürek
Übersetzt heißt das soviel wie:
...An meinen Feind
...Oh mein Feind, du bist mein Lebens- und Leidensstifter;
...Wie der Tag die Nacht braucht, so benötige ich dich!..
Beste Grüße
Gemeinschaftskörpers gegen außen, dem Feind, ganz richtig!
Gesellschaften sind aber keine Körperschaften, sondern nur
Leute im Verkehr miteinander auf einem gemeinsamen Rechtsfeld - sie brauchen kein äußeres Feindbild!
Die christliche Rechtsgesellschaft fußt auf christl. Ausbildung der Einzelnen und ein Vertrauen zueinander!
meinte, man könne - statt Kriegen - Fußballspiele anbieten.
Außerdem lautete sein darwinistisches Prinzip: "Das Bessere ist der Feind des Guten." (Das Schlechtere braucht nicht bekämpft zu werden, es stirbt von selber aus.)
Was ist das Bessere an unseren bösen Feinden aus den Koranschulen?
Vielleicht haben sie, wenigstens theoretisch, Zugang zu einer anderen Dimension? Und deswegen keine Angst vor dem Tod?
Das optimale Feindbild zur Erlangung des Weltfriedens längst schon gefunden:
http://community.zeit.de/...
Besser könnte es doch gar nicht laufen: Wir sind schon durch Hollywoood, Emmerich und Co. konditioniert, das All in seiner unendlichen Weite böte Gelegenheit noch und nöcher unsere Reserven an Atomwaffen spektakulär zu verballern und wenn die Jungs erstmal weggeputzt sind lässt sich das Feindbild ohne Schwierigkeiten aufrechterhalten, man muss nur ein paar hübsche Attrappen in den Orbit schicken oder ab und zu eine unnötige Stadt in einem Entwicklungsland dem Erdboden gleich machen und das den Marsmännchen in die Schuhe schieben. Sollte doch noch leichter sein als die Inszenierung von 9/11.
Aber unsere Politiker scheinen mal wieder allesamt zu schlafen.
Abgesehen davon sollte der Artikel jedem Nazi eintätowiert werden damit er nicht vergessen kann dass er schlußendlich nix weiter als ein mit den falschen hormonellen Überschüssen geschlagener ... Mensch ist.
@Debatz: Sollte durch dieses Post zusätzliche Aufmerksamkeit auf ihren Artikel gelenkt werden ist das, so hoffe ich, in Ihrem Sinne.
Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/wg
Auch wenn ihre Aussage für manche absurd klingen mag stimme ich Ihnen zu. Bis soetwas geschieht (falls überhaupt) kann es aber noch eine Weile dauern. Solange sollten wir vielleicht endlich ehrlich damit sein wen wir Deutschen bzw. wir Europäer als gemeinsamen Feind ansehen.
Die Araber/Moslems weil wir mit ihrer Kultur/Religion nicht klarkommen?
Die Chinesen als zukünftige Weltmacht?
Die Russen als klassischen Feind des Westens?
Die Afrikaner weil sie uns mit illegalen Einwandern überrennen?
Oder gar die Amerikaner auf die man hierzulande immer gerne schimpft?
Die Auswahl fällt wohl nicht leicht...
Ohne Zweifel sind wir Deutschen die Wunschfeinde vieler EU-Länder, die wir eigentlich mögen. Dennoch hassen sie uns, was wohl mit dem WK2 zu tun hat. Andererseits gehört es bei uns zum guten Ton, dass man sich antiamerikanisch gibt, obschon die Amerikaner uns gern haben und ein Drittel von ihnen deutsche Abstammung angibt. Die Amerikaner wiederum sind beliebter in China, Indien und Afrika, wo man sie als das erste Land bewundert, dass sich von europäischer Kolonialausbeutung befreite. So geht es reihum.
Ohne Zweifel sind wir Deutschen die Wunschfeinde vieler EU-Länder, die wir eigentlich mögen. Dennoch hassen sie uns, was wohl mit dem WK2 zu tun hat. Andererseits gehört es bei uns zum guten Ton, dass man sich antiamerikanisch gibt, obschon die Amerikaner uns gern haben und ein Drittel von ihnen deutsche Abstammung angibt. Die Amerikaner wiederum sind beliebter in China, Indien und Afrika, wo man sie als das erste Land bewundert, dass sich von europäischer Kolonialausbeutung befreite. So geht es reihum.
wissen.
Oder wer käme auf die Idee ,dass eine Gruppe von sich aus zusammenhält und eine Identität ,ohne eine Antithese zu finden in der Lage ist? Schon ein Blick in die Geschichtsbücher hätte solche Thesen als weltfremd entlarvt.
Die Amerikaner bomben den Afghanen die Hütten über den Köpfen weg, und die zur Achse des Bösen Deklarierten revanchieren sich mit Pantoffeln.
Wenn das nicht höchst zivilisiert, menschenfreundlich und pazifistisch ist, was dann?
würden sie auch eher zur Handgranate greifen.
Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. die Redaktion/wg
würden sie auch eher zur Handgranate greifen.
Bitte argumentieren Sie sachlich. Danke. die Redaktion/wg
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