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Chinas Investoren haben Österreich für sich entdeckt. In den Nachbarländern sind sie längst angekommen. von Reinhard Engel

Es war die größte Auslandsinvestition in der Geschichte der chinesischen Luftfahrt. Als 2009 der Rieder Flugzeug-Zulieferer FACC von der staatlichen chinesischen Flugzeugindustrie gekauft wurde, war es für die Oberösterreicher eine Rettung in letzter Minute. Die Eigentümer hatten mit dem Unternehmen die Geduld verloren, ein Verkauf schien der letzte Ausweg. Damit haben sich Investoren aus dem Reich der Mitte nicht nur ein Paradeunternehmen der heimischen Hightechbranche gesichert – die Übernahme war gleichzeitig ein Weckruf für die österreichische Industrie: Spätestens jetzt war klar, dass chinesische Investoren Österreich auf ihrer Landkarte entdeckt haben.

Die neuen Herren hatten mit dem Kunststoff-Spezialisten einen guten Griff gemacht: FACC entstand vor über zwanzig Jahren als Ableger des Skiproduzenten Fischer. Fortan wurden Komponenten und Spezialteile für Flugzeuge gebaut, etwa für Triebwerke oder Passagierkabinen. Für die vormaligen Besitzer, Hannes Androsch und die Raiffeisen-Landesbank Oberösterreich, bedeuteten die hohen Vorlaufkosten ein zu hohes Risiko. Nicht so für die expansionsfreudigen Chinesen: Der Flugzeugbauer Xi’an Aircraft, Teil der staatlichen Luftfahrtindustrie, sprang ein und übernahm den Betrieb mit seinen 1500 Angestellten.

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Seine Kompetenz hatte FACC als Komponentenzulieferer für den Regionaljet ARJ21, der Ende 2007 debütierte, bereits unter Beweis gestellt. Seitdem die Oberösterreicher Teil der 500000 Mitarbeiter zählenden staatlichen Luftfahrtindustrie aus dem Reich der Mitte sind, haben sie die Tür zu einem riesigen Markt aufgestoßen. Dazu zählt ein milliardenschweres Prestigeprojekt, der Mittelstreckenjet C919, mit dem China ab 2014 Airbus und Boeing Konkurrenz machen will. In der österreichischen Provinz wird im Fall eines Zuschlags nur an den Prototypen getüftelt. Die Produktion soll den Plänen zufolge in einer neu errichteten Fabrik in der Nähe der Millionenmetropole Shanghai eingerichtet werden. FACC-Chef Stephan erwartet sich ein rasantes Wachstum: Innerhalb von drei Jahren will er den Umsatz von derzeit 150 auf 550 Millionen Euro hochschrauben.

Um ihre Expansionslust zu stillen, investiert die chinesische Wirtschaft immer öfter in den Ankauf von Know-how und Ressourcen im Ausland. Sowohl staatliche als auch private Firmen senden ihre Emissäre nach Europa und Afrika, in ihre Nachbarländer und ins ferne Lateinamerika, um in Bergwerke, Fabriken und Immobilien zu investieren, »China kauft die Welt auf«, titelte der britische Economist. Längst sind die asiatischen Finanziers auch in Österreichs Nachbarstaaten auf Einkaufstour. Von Griechenland aus haben sie sich in den vergangenen Jahren systematisch Richtung Norden vorgearbeitet.

Die Investoren aus Fernost setzen auf Hightech und Asia-Nippes

Die stärksten Waffen bei der Expansion sind vor allem günstige Kredite, die Peking den eigenen Unternehmen gewährt. Mit diesem billigen Geld verdrängen sie regionale Konzerne und können sich so den Zuschlag für lukrative Großprojekte in Europa sichern. So etwa die 1,5 Kilometer lange Freundschaftsbrücke über die Donau in Belgrad. Sie wird von der China Road and Bridge Corporation (CRBC) errichtet. Dazu gehören 21 Kilometer Zulaufstraßen und sechs kleinere Brücken. Die Gesamtkosten des Mammutprojekts belaufen sich auf rund 170 Millionen Euro. Der chinesische Botschafter in Belgrad, Wei Jinghua, fand bei der Vertragsunterzeichnung blumige Worte: »Es ist eine Brücke der Freundschaft zwischen China und Serbien. Sie ist von großer Bedeutung.«

Möglich wurde der Großauftrag durch einen 145-Millionen-Euro-Kredit der Export-Import Bank of China. »Das sind Bedingungen, die wir in diesen Krisenzeiten nirgendwo sonst finden konnten«, sagte die serbische Ministerin für den nationalen Investitionsplan, Verica Kalanovic, gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Zugleich investiert die Volksrepublik in den Bau riesiger Einkaufszentren. Etwa im Belgrader Stadtteil Zemun, wo im Herbst 2010 das China Trade Center Zmaj seine Tore öffnete und damit 500 Arbeitsplätze entstanden.

Im östlichen Nachbarland Bulgarien haben Wirtschaftstreibende aus Fernost ebenfalls einen Fuß in der Tür. Im Herbst 2009 unterzeichnete ein bulgarischer Investor einen Vertrag mit Great Wall Motors, einem der größten chinesischen Fahrzeugproduzenten, über eine Autofertigung im nordbulgarischen Lovech. Bis zu 300 Millionen Euro sollen hier investiert und 1800 Mitarbeiter in Lohn und Brot gebracht werden. Läuft alles nach Plan, werden 2011 die ersten Fahrzeuge von den Bändern rollen: zwei Pkw-Modelle, ein Pick-up und ein Allrad-SUV. Die jährliche Kapazität soll insgesamt bei 50000 Einheiten liegen. Vorbild ist der erfolgreiche Einstieg von Renault beim rumänischen Billig-Autohersteller Dacia.

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