Daniel studiert im letzten Diplomjahrgang an der TU Darmstadt , und er hat turbulente Zeiten mitgemacht. Die Hochschule hat sich mit der Studienreform verändert, Mathedozenten sind gekommen und gegangen. Deshalb wird Daniel, der seinen echten Namen nicht gedruckt sehen will, die Matheprüfung auch beim dritten Anlauf bei einem anderen Dozenten schreiben. Als er nach dem zweiten Versuch im September 2010 auf die Prüfungsergebnisse blickte, durchfuhr es ihn. Im ersten von zwei Prüfungsteilen, so war es aus einer Grafik zu lesen, gehörte er zu jenen 74 Prozent aller Teilnehmer, die durchgefallen waren. Trotz der hohen Quote, die später auf 68 Prozent korrigiert wurde, verzichteten die Durchfaller auf eine Rebellion. Die meisten stellten nur ganz vorsichtig die Frage, warum sie derart grob aus dem Studium geprüft werden sollten – wo doch das Land derzeit so laut nach Fachkräften ruft?

Die Erklärungen der TU Darmstadt für die hohe Durchfallquote blieben diffus. Von einem »Ausreißer« war die Rede. »Im Schnitt liegen die Durchfallquoten in matherelevanten Klausuren an der TU Darmstadt bei rund 30 Prozent«, sagt ein Sprecher. Der zuständige Studiendekan begutachtete die Ergebnisse und befand, dass das Wissen aus dem Mathematik-Grundkurs in der Oberstufe für eine 4,0 in der Prüfung ausreichte. Daniel ist sich da nicht so sicher. »Transferaufgaben auf diesem Niveau hatten wir in den Übungen vor der Prüfung nicht.« Der TU-Sprecher hält dagegen. »Ein Drittel der Punktzahl reichte aus, um zu bestehen – diese waren zu erreichen, ohne die anspruchsvolleren Transferaufgaben lösen zu müssen«, sagt er.

Um die Grafik zu vergrößern, klicken Sie auf das Bild© ZEIT-Grafik Nach dreieinhalb Studienjahren steht für Daniel alles, was er bisher erreicht hat, auf der Kippe. Fällt er in der Prüfung ein drittes Mal durch, wird er exmatrikuliert. Er wäre dann ein typisches Opfer des alten Studiensystems, sagt Manfred Hampe, Professor für Maschinenbau an der TU Darmstadt. »Aber Daniels Problem kann auch noch im neuen System auftreten.« Tatsächlich absolvierte Daniel die Matheprüfung gemeinsam mit Bachelorstudenten aus dem Wirtschafts- und dem Bauingenieurswesen. Viele waren im Erstversuch und fielen mit Daniel durch.

Manfred Hampe kennt auch aus seinem Fachbereich Maschinenbau Geschichten von »Horrorklausuren«. Das systematische »Rausprüfen« gehöre nach seinen Worten aber der Vergangenheit an. Während früher nur gut 50 Prozent der Studienanfänger zum Abschluss gekommen seien, schafften es im Maschinenbau an der TU Darmstadt in jüngster Zeit 90 Prozent der Anfänger zum Abschluss, so Hampe. Die Universität habe bessere Wege gefunden, jene Menschen an sich zu binden, die zur ihr passten.

Um die Grafik zu vergrößern, klicken Sie auf das Bild© ZEIT-Grafik Durchfallquoten werden häufig diskutiert, vor allem, wenn sie nach drei misslungenen Prüfungen zu einer Exmatrikulation und damit zum Abbruch eines Studiums führen. Als Ulrich Heublein vom Hochschul-Informations-System (HIS) im Jahr 2008 Zahlen zu den Studienabbrechern in den Bachelorstudiengängen herzeigte, war das Gegrummel bei vielen Arbeitgebern groß. Sie klagen häufig über den mangelnden Nachwuchs an Natur- und Ingenieurwissenschaftlern in Deutschland, und sie freuten sich daher auf das reformierte Studium, in dem mehr Studenten als früher zum Abschluss kommen sollten.

Aber in der Fächergruppe Mathematik/Naturwissenschaften liegt die Studienabbruchquote an den Universitäten den Informationen des HIS zufolge auch nach Einführung des Bachelors konstant bei 28 Prozent. Im Maschinenbau stieg sie an den Universitäten sogar wieder an, von 30 auf 34 Prozent. Thomas Sattelberger, der Personalvorstand der Deutschen Telekom, machte für diese Zahlen unter anderem einmal die fiesen Durchfallquoten verantwortlich, die Studenten entweder zum Aufgeben zwingen würden oder sie vorzeitig vor dem Studium kapitulieren ließen, was auf dasselbe hinausläuft. Sattelberger sprach vom »großen Problem, dass die Professoren Studenten rausprüfen«.