Vor zwei Wochen hat an dieser Stelle (ZEIT Nr. 3/11) der Siegener Erziehungswissenschaftler Hans Brügelmann die Pisa-Studie kritisiert (Programme for International Student Assessment): Zwar seien durch Pisa der starke Einfluss der sozialen Herkunft auf den Schulerfolg und die Probleme der Migranten wieder auf die Agenda gekommen. Doch die Studie helfe den Lehrern nicht, ihre Schüler besser zu fördern, weil sie den Blick auf das Individuum verstelle.

Dem widersprechen wir. Brügelmann ist ein herausragender Pädagoge und engagierter Schulreformer, aber als Erziehungswissenschaftler bleibt er hinter dem Stand der Fachdiskussion zurück.

Pisa und andere Studien haben in die aufgeregte Bildungsdebatte eine wohltuende Sachlichkeit eingeführt. Nicht alles, was Bildung ausmacht, aber doch zentrale Aspekte des Bildungsgeschehens lassen sich mit Tests und Fragebogen beschreiben und weniger ideologisch diskutieren als früher. Die jüngste Pisa-Studie hat den Vorteil einer kontinuierlichen Beobachtung des Bildungswesens besonders deutlich gemacht, weil sie die Entwicklungen eines Jahrzehnts nüchtern bilanzieren konnte. Wohin hat sich das Schulsystem seit dem Jahr 2000 entwickelt? Wo war das System erfolgreich, und wo liegen nach wie vor Probleme? Wie haben sich Leistungsstand und Lernmotivation der Jugendlichen verändert? Hat sich die Praxis der Schulen gewandelt? Wie werden in Deutschland Lese- und Sprachförderung genutzt? Kommt sie bei denen an, die sie besonders nötig haben, wie etwa den Jugendlichen aus Migrantenfamilien? Ist der Unterricht ebenso unterstützend und herausfordernd wie anderswo? Diese Fragen beispielsweise beantwortet die gerade erschienene Pisa-Studie.

Zu manchen Befunden kann man den Schulen, Lehrkräften, Schülerinnen und Schülern gratulieren: Die Lesekompetenz und die mathematische Kompetenz hat sich vor allem bei den leistungsschwachen Gruppen, etwa bei Jugendlichen aus zugewanderten Familien, deutlich verbessert. Herkunftsbedingte Unterschiede haben sich verringert. Auch bei der Lesefreude und beim Lernklima gibt es positive Entwicklungen. Aber nach wie vor ist die Benachteiligung vor allem in Migrantengruppen sehr groß. Es mangelt an Fördermaßnahmen, gerade im sprachlichen Bereich. An den massiven Leistungsunterschieden zwischen Jungen und Mädchen hat sich nichts geändert. Ausgerechnet in der Schlüsselkompetenz Lesen, und zwar bei anspruchsvollen Aufgaben, die Reflektieren und Bewerten von Texten erfordern, bewegt sich Deutschland nur im Mittelfeld der OECD-Staaten.

Die an Pisa beteiligten Wissenschaftler halten sich mit guten Gründen zurück, wenn es um die Benennung von Ursachen und praktischen Konsequenzen geht. Pisa ist ein Beobachtungs- und Diagnoseinstrument. Die Bildungsforschung kann auch viel dazu sagen, welche Maßnahmen – beispielsweise Unterrichtsmethoden, Förderkonzepte oder Lehrerbildung – die besten Ergebnisse versprechen, aber dazu braucht sie gezielte Interventionsstudien, mit Versuchs- und Kontrollgruppen und Langzeitbeobachtung. Bildungspolitiker und Schulpraktiker können daraus lernen, aber häufig müssen sie pragmatisch und sofort handeln. Aus den unterschiedlichen Verläufen des wissenschaftlichen, des politischen, und des pädagogisch-praktischen Diskurses entstehen viele Spannungen.

Gerade in der Pädagogik herrscht – 250 Jahre nach Rousseau – vielfach noch ein romantisches Ideal: Bildung als individuelle Entfaltung, Erziehung als Austausch zwischen Erzieher und Zögling. Allein der »Blick auf das Individuum« könne das pädagogische Handeln anleiten. Von empirischen Studien, die mit Statistiken arbeiten, verspricht man sich keine Hilfe. Leider vermeidet diese Art der Pädagogik damit den kritisch reflektierten Blick auf die Verhältnisse, zu dem eben auch verallgemeinernde, systematische Forschung gehört. Anstatt sich von dieser Forschung anregen und herausfordern zu lassen, wird sie abgewehrt mit dem Argument, nicht als alltägliches Rüstzeug zu taugen.

Hans Brügelmanns Kritik der Pisa-Studie ist hierfür ein Beispiel. Für Brügelmann ist jedes Kind, jeder Jugendliche ein ganz besonderer Einzelfall mit einer besonderen Lernbiografie. Das ist richtig. Aber warum soll man nicht aus dem, was in vielen Einzelfällen als Gemeinsames beobachtbar ist, Lehren ziehen. Brügelmann traut empirischen Schulstudien wie Pisa nicht über den Weg und hält sie für überbewertet, wenn nicht nutzlos, weil sie seiner Meinung nach das Individuum hinter Standardisierungen, groben Kategorisierungen und statistischen Kennwerten verschwinden lassen und somit dem Lehrer in der alltäglichen Praxis nicht helfen.