WaffengesetzDer Tag, an dem Christine starb

Am 13. Februar kommt die Waffenschutzinitiative zur Abstimmung. Wird sie angenommen, sagen Gegner den Untergang der alten Schweiz voraus. Christine E. aber könnte noch leben. von Alois Bischof

»Wieso? Ich bin durchaus nicht der Einzige,
der ein solches Schützenfest für eine
grenzenlose Banalität hält. Aber das
eigentlich Bedenkliche daran ist, dass man es
als Höhepunkt des nationalen Lebens
inszeniert. Allerdings ...« Er machte
hinterhältig lächelnd, mit Schultern und
Armen eine schwankende Bewegung.
»...angeblich tritt ja hier dieses sogenannte
nationale Leben am sichtbarsten zutage...«


Meinrad Inglin, »Schweizerspiegel«, S. 174

Direkt auf der Haut trug er einen weißen Adidas-Pullover, darüber den grauen Faserpelz. Sein Sturmgewehr 90, vorgehängt, den Tragriemen am Hals. Die darübergestreifte Sympatexjacke verdeckte die Waffe.

Zum dritten Mal an diesem Tag bestieg er das Velo.

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Beim dritten Mal mit Waffe.

Zwei Mal war er erfolglos gewesen, hatte vergebens am Haus an der Oetlingerstraße in Basel geklingelt.

Peter K. (Name geändert), groß, sehnig, breite, bäurische Hände.

Tritt in die Pedale. Das Gewehr am Hals, das er angeblich bei einer Freundin deponieren wollte.

Das Magazin hatte er eingesetzt. Hatte es mit 20 Schuss abgespitzt. Aus der Schachtel seiner Kriegs- oder Taschenmunition.

Schon im Juni hatte er das gemacht.

Sagt er.

Damals war ein Albaner aufgetaucht, wollte Geld für einen Deal, mit dem Peter K. nichts zu tun hatte. Der Albaner war ein zweites Mal aufgetaucht, hatte Peter K. gewarnt, dass er, der Albaner, mit einer Waffe umgehen könne.

Der 14. September 1996.

Er klingelt zum dritten Mal bei der Wohnung im zweiten Stock.

Jetzt öffnet sich die Tür.

Peter K. will die 200 Stutz, diese 200 Franken, die er für die Vermittlung eines Deals von Christine E. zugute hat.

Christine E. will oder kann sie ihm nicht geben.

Die Wohnung, der Tisch, der Ofen.

Niemand wird je wissen, was die beiden gesprochen haben.

Peter K. will mit der rechten Hand die Zigaretten aus dem kaputten Sack der Sympatexjacke hervorklauben. Der Riemen des Gewehrs verschiebt sich um wenige Zentimeter.

Der Schuss – Christine E. fällt wie ein Brett nach hinten.

Und Peter K. sagt aus, dass er doch niemanden für 200 Franken umlegen würde.

Per un pugno di dollari.

Er verlässt die Wohnung in Panik. Sofort.

Eine Nachbarin, die den Knall hörte, bleibt fünf Minuten am Fenster stehen.

Niemand verlässt das Haus.

Peter K. zurück in seiner Einzimmerwohnung am Altrheinweg.

Sein Kollege ist auch da.

Er legt sich in sein Bett, liegt vielleicht zwei Stunden.

Nachher? Vermutlich haben sich die beiden noch einen Fernsehfilm angeschaut, und danach ist Peter K. eingeschlafen.

In der andern Wohnung liegt Christine E. – Blut, kein Teddybär.

30-jährig, gleich alt wie Peter K., Jahrgang 1966.

Ihre ausdruckslosen schwarzen, dunkelkirschigen Augen.

Die beiden haben sich im Gassenzimmer kennengelernt. Immer wieder Deals, Kokain und Heroin. Viele Ungereimtheiten. War Christines Wohnung das Drogendepot von Peter K.?

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