Diese Zeilen werden nichts nützen. Und doch muss ich sie schreiben. Es gibt Dinge, die man nicht hinnehmen darf. Nicht den tätlichen Angriff auf SVP-Nationalrat Hans Fehr – aber auch nicht die Arbeitsweise seiner Partei. Hier ein Fallbeispiel, eines, bei dem diese Zeitung am Rande betroffen ist.

Auch wenn wir uns ungern wiederholen: Der Vollständigkeit und der Genauigkeit halber muss hier nochmals die Vorgeschichte einer Unsäglichkeit in Erinnerung gerufen werden.

Vor ein paar Wochen sagte Jean-Claude Juncker, luxemburgischer Premier und glühender Anhänger der Schweiz, auf diesen Seiten den Satz: »Ich wünsche mir einen EU-Beitritt der Schweiz, auch wenn ich weiß, dass er dem Volkssouverän immer noch widerstrebt. Aber die EU würde so kompletter werden. Es bleibt nämlich ein geostrategisches Unding, dass wir diesen weißen Fleck auf der europäischen Landkarte haben.«

Ein paar Tage später verdrehte der 70-jährige Christoph Blocher in seinen digitalen Hofnachrichten diesen letzten Satz. Juncker habe gesagt, behauptete der SVP-Vordenker, die Schweiz sei »ein geostrategisches Unding«. So habe auch Hitler über die Schweiz gesprochen. Viele Schweizer Medien, etwa das auflagenstarke Gratisblatt 20Minuten, übernahmen brav das falsche Zitat und spielten Blocher damit in die Hände. Das war erschütternd genug.

Nun sagte Blocher an der Albisgüetli-Tagung der Zürcher SVP, seinem jährlichen Hochamt (man entschuldige das lange Zitat aus dem Redemanuskript, es geht leider nicht anders, der Einsicht in die Mechanismen wegen): »In der deutschen Zeitung DIE ZEIT, die einmal in der Woche eine von linken Journalisten betreute Schweizer Seite herausbringt (es sind drei Seiten, Anm. der Red.), erschien ein Interview mit dem Chef der Euro-Staaten, dem luxemburgischen Ministerpräsidenten Jean-Claude Juncker. Dabei legte dieser offen dar, wie das Großreich EU über den selbstständigen, demokratischen, stabilen, friedliebenden und neutralen Kleinstaat Schweiz denkt. Die Schweiz sei, so sagte er, kein ›aufstrebendes Projekt‹. Junckers Euro-Staaten mit Junckers Euro-Währung sind offenbar ein besonders ›aufstrebendes Projekt‹!« Weiter führte er aus: ›Es bleibt nämlich ein geostrategisches Unding, dass wir‹ – er sprach von der Schweiz – ›diesen weißen Fleck auf der Landkarte haben.‹ Ich kommentierte diese Ungeheuerlichkeit auf Tele-Blocher und erwähnte, dass ich eine solche Sprache aus der Geschichte kenne. So habe auch Hitler über die Schweiz gesprochen. Später traf ich mich zu einem Streitgespräch mit Herrn Juncker im ausverkauften Zürcher Schauspielhaus. Am Morgen danach berichteten Radio DRS 1 und DRS 4 News: Hintergrund der Kontroverse sei eine frühere Aussage Junckers, dass es für die EU geostrategisch ›wenig Sinn‹ mache, dass die Schweiz nicht Mitglied sei. Das Wort ›Unding‹ wurde flugs zum ›wenig Sinn machen‹. Und DRS weiter: Blocher habe geantwortet: ›Das seien solche Aussagen, die an die Zeit Hitlers erinnern würden.‹ Ich erfuhr davon durch empörte Radiohörer, die am Vortag auf der Veranstaltung gewesen waren.«

Nein, niemand wird behaupten, Christoph Blocher könne nicht lesen. Es ist allein der böse Wille, der ihn leitet. Den offensichtlichsten Fakten tut er Gewalt an, indem er sie zu seinen Gunsten beugt. Das nennt man Demagogie. Und so einer kann im Brustton der Überzeugung behaupten, er diene der Schweiz? Es ist schon erstaunlich, dass diesem Wortverdreher fast ein Drittel der Schweizer Wähler folgt.

Blocher und seine Vasallen spalten nicht nur die Schweiz, sie schüren Missgunst und Hass. An ihren Worten sollt ihr sie erkennen. Denn auch Worte können voller Gewalt sein. Ja, man muss die Prügelattacken linksextremer Kreise, deren Opfer Nationalrat Hans Fehr im Vorfeld der Albisgüetli-Veranstaltung wurde, auf Schärfste verurteilen. Man soll aber nicht so tun, als sei die wählerstärkste Partei des Landes ein Pazifistengrüppchen.

Beide Seiten, die Linksautonomen und die Rechtsnationalen, haben ein Klima geschaffen, das niemandem nützt. Es droht die politische Kultur zu zerstören, auf welche die Schweiz zu Recht so stolz sein konnte, ja, auf der das Land fußt. Wenn ein Bundesrat nicht mehr ohne Personenschutz Tram fahren kann, dann ist mehr bedroht als die Freiheit eines Einzelnen.

Ich schreibe diese Zeilen, die nichts nützen werden, auch deshalb, weil sie fast niemand anders mehr schreibt.

Die Schweiz, so scheint es, hat sich gewöhnt an diese Partei, die den Keil des Hasses immer tiefer treibt. Zu viele glauben heute, was ihnen tagtäglich in immergleichen monotonen Hohlformeln von der SVP eingehämmert wird. Das Land, so die Botschaft, sei heute in gut und böse geteilt, in links und rechts, in Staatstreue und Eigenverantwortliche. Mit Verlaub, das ist lächerlich. Wer solchen böswilligen Unsinn glaubt, ist verloren. Die Schweiz ist auf Versöhnung angewiesen, wenn auch nicht auf eine voreilige. Die Politiker müssen sich mit ihren besten Argumenten an einen Tisch setzen können, ohne dass man sich im Vorfeld schon verbal beleidigt und verhöhnt hat. Es geht auch um die Form, nicht nur um den Inhalt.

Aber wer Bedenken anmeldet, dass alles in der Schweiz so gut sei, wie es wirtschaftlich scheint, wird diffamiert. Die paar Intellektuellen des Landes, die sich noch öffentlich äußern, können davon ein Lied singen, sind sie doch eine bevorzugte Zielscheibe der Nationalkonservativen. Will denn niemand begreifen, dass, wer die Schweiz liebt, sie kritisiert? Dass es erste Bürgerpflicht ist, nicht blind zu lieben? Wer ein richtiger Schweizer ist, der wählt nicht SVP. Der wählt nicht diejenigen, welche sich die Wahrheit so zurechtbiegen, dass sie ihnen passt.