Das Buch sollte Anfang Februar auf Deutsch erscheinen, dann zog der Verlag es eilig um eine Woche vor, weil das amerikanische Original in der Öffentlichkeit einen Erregungs-Orkan ausgelöst hatte. Jetzt diskutieren seit Tagen die deutschen Medien über chinesischen Drill und westliche Kuschelpädagogik, obwohl das Buch erst am 27. Januar in den Läden ausliegt: Amy Chuas Schlachtruf einer chinesischen Tigermutter, auf Deutsch Die Mutter des Erfolgs (Nagel & Kimche; 256 S., 19,90 €) . Das Buch einer Mutter über Kindererziehung, eins unter Tausenden, würde man denken. Aber dieses hat eine Chinesin verfasst, und es verheißt in seinem Untertitel ein Rezept, wie man siegt. So ein Rezept suchen viele. Die jüngste Pisa-Studie sah Shanghai auf Platz eins, Deutschland lag in der vorderen Mitte des Feldes, die Vereinigten Staaten folgten noch weiter hinten.

Amy Chua ist jetzt bei Google mit knapp fünf Millionen Einträgen verzeichnet, zum Vergleich: Jesper Juul, Europas gefragtester Pädagoge der Gelassenheit, kommt auf etwa 200000 Treffer. Bildungserfolg ist im Wettbewerb mit China das explosivste Thema. In deutschen Schulen fällt der Unterricht aus, überfüllte Lehrpläne legen die Lust zu lernen lahm, Computerspiele sind interessanter, und Eltern stehen ratlos vor der Frage, ob sie zu Privatlehrern ihrer Kinder mutieren wollen. Asiatische Eltern zögern da nicht. Während die Sarrazin-Idee umgeht, zu viele zu dumme Einwanderer ruinierten das Land, bitten chinesische Mütter in Hamburg, Köln oder Berlin auf Elternabenden um mehr Hausaufgaben für ihren Nachwuchs. Die deutsche Mittelschicht ist nervös. Wer möchte seinem Kind, das spätabends lustlos an Hausaufgaben nagt, von einem gedrillten Chinesen die Schau stehlen lassen, der bitte mehr arbeiten will?

Jetzt stiehlt eine schöne, zarte Chinesin allen die Schau. Doch Amy Chua, Juraprofessorin an der Yale-Universität und stolzes Kind einer alten chinesischen Gelehrtenfamilie, hat nicht etwa eine grundstürzende Dogmatik zum erzwungenen Gehorsam verfasst, wie die Debatte nun nahelegt, sondern eine Art schillernder Homestory, voller Widersprüche und Brüche. Vor lauter Wettbewerbsnervosität ist ein Missverständnis entstanden: Der Leser erwartet eine parteigraue Apologie des Drills und ist zum Kulturkampf bereit. Stattdessen lässt einen dieser Bericht aus der vermögenden Akademikerschicht in ein Schaufenster der Integration sehen, von der die Sarrazins träumen könnten: Eine Immigrantin, Professorin einer Eliteuniversität, tritt gegen den Kulturverfall an!

Natürlich, sagt Mrs. Chua, sollten ihre Töchter nicht »als einer dieser verschrobenen asiatischen Roboter enden, die derart unter elterlichem Druck stehen, dass sie Selbstmord begehen, wenn sie in der staatlichen Beamtenprüfung als Zweite abschneiden«. Doch ihre eigene Strenge, den maßlosen Ehrgeiz habe sie für unvermeidbar gehalten – bis ihre jüngere Tochter den Gehorsam verweigerte, hasserfüllt, öffentlich, filmreif. »Diese Geschichte«, so schreibt Amy Chua, »hätte davon handeln sollen, dass chinesische Eltern bessere Pädagogen sind als westliche. Stattdessen erzählt sie von einem bitteren Kulturkonflikt, einer kurzen Kostprobe vom Ruhm und von meiner Demütigung durch eine Dreizehnjährige.« So angreifbar, so souverän, so genüsslich masochistisch und selbstironisch hat lange niemand vom Scheitern erzählt.

Die Frau hatte Glück, dass ihre Kinder unter dem Druck nicht krank wurden. Denn Amy Chua hat ihre beiden Töchter ja tatsächlich mit einer wahnwitzigen Härte auf Erfolg getrimmt, die man hierzulande nicht mal engen Freunden gestehen könnte, ohne zumindest für therapiebedürftig erklärt zu werden: Sie hat nur Bestnoten akzeptiert, Schultheater und Fernsehen verboten, hat unperfekte Geschenke zurückgewiesen, mit der Zerstörung von Spielzeug gedroht, stundenlanges Üben der Musikinstrumente erzwungen. Die eine Tochter hat es als 14-jährige Pianistin in die Carnegie Hall geschafft, die andere beschimpft ihre Mutter, sie gleiche Harry Potters mörderischem Lord Voldemort, und schmeißt mit Geschirr. Amy Chua hatte Menschen verachtet, die ihre Kinder nicht im Griff haben, nun hat sie selbst, wie sie sagt, das »respektloseste, unflätigste, gewalttätigste, unkontrollierbarste Kind von allen«. Man braucht Chuas Erziehungsmethode also nicht als Patentrezept für Erfolg misszuverstehen.

Überhaupt kommt einem das Programm nicht rundum chinesisch vor: Chua ist eine Katholikin, die gegen den Willen ihrer Eltern einen Juden geheiratet hat. Der ist Rechtsprofessor, Krimiautor, erzogen im besten amerikanischen Geiste zivilen Ungehorsams, selbst einst von der Schule geflogen. Er tritt in diesem Buch als Ritter der unbeschwerten Kindheit auf und sagt seiner Frau, sie solle lieber mit dem Hund laufen gehen, als die Mädchen zu drangsalieren. Es folgt ein sehr liebevolles Küsschen, die Töchter feiern geigend ihre Bar-Mizwa und demonstrieren, zum Stolz der Eltern, den Starfaktor der Kinder aus den Eliteuniversitäten der Ivy League.

Während in Deutschland die Qualität der Schulen die Eltern umtreibt, ist der Hauptkampfplatz der Erziehung für Mrs. Chua die private Musik, das erzwungene Üben viele Stunden am Tag, mit der Mutter als Kommandant (so viel Zeit soll eine Professorin noch übrig haben?). Die Geige, sagt Chua wie mancher europäische Milieugenosse, sei für sie das Symbol für Kultur und Geschichte, das Gegensymbol zu Kentucky Fried Chicken, Computerspielen und Markenklamotten. Am Klavier und an der Geige zeige sich, ob eine Zivilisation dem Untergang trotze.