Privatleute machen sich so die Argumentationsmuster des Überwachungsstaats zu eigen. Irgendwo gibt es schließlich immer Kriminalität.

Deutlich harmloser als der Kontrollteddy ist die Spielzeugpuppe Barbie in der Variante »Video Girl«. Aus ihrem Brustbein blickt ein Objektiv, getarnt als Schmuckcollier. Liveübertragungen sind damit nicht möglich, die Aufnahmen lassen sich lediglich per Kabel auf einen Computer kopieren. »Einmal die Welt mit Barbies Augen sehen!«, preist der Hersteller Mattel seine Hightechpuppe an. »Durch solches Spielzeug wird man schon von Kindesbeinen daran gewöhnt, ständig von Kameras begleitet zu werden«, sagt Bürgerrechtler Glatzner.

Aber ist das nun gut oder schlecht? An dieser Frage mühen sich die Menschen schon lange ab. »Die Diskussion über Sehen und Gesehenwerden ist kein Phänomen der Google-Street-View-Ära«, sagt Kulturwissenschaftler Kammerer, »Praktiken der Überwachung, auch mit technischen Mitteln, lassen sich mindestens bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.« Bis dahin mussten die Bürger von London und Paris noch ein Licht bei sich tragen, wenn sie nachts auf die Straße gingen.

Erst Sonnenkönig Ludwig XIV. machte der Pflicht zur Selbstbeleuchtung ein Ende. Stattdessen setzte er in Paris erstmals eine staatliche Straßenbeleuchtung durch, damit die Obrigkeit ihre Untertanen noch besser sehen konnte. Die Idee machte Schule, doch Mitte des 19. Jahrhunderts begann der Widerstand. Das Bürgertum rebellierte gegen die behördlich verordnete Lichtflut, weil die Städte zwar heller, aber nicht sicherer geworden waren. Seitdem herrscht Skepsis gegenüber jeder neuen Technik, die prinzipiell zur Überwachung der Menschen geeignet ist: Bei der Fotografie war das so. Bei Computern. Bei Smartphones mit GPS-Empfängern , Nachtsichtgeräten und Kameradrohnen.

Der Unterschied zu früher ist, dass nicht mehr nur der Staat zuschaut, sondern theoretisch jedermann: Nachbarn, Freunde oder Unbekannte. Beispiele wie das des Webcam-Spanners zeigen, wie schnell alltäglich gewordene Gegenstände umfunktioniert werden können. Das mögen Einzelfälle sein, die Schäden gering im Verhältnis zum Nutzen der Technik. Gleichwohl ändert sich etwas im Umgang miteinander. »Man macht sich darüber keine Gedanken, aber man sollte es tun«, sagt Kammerer.

Vielleicht passiert das ja gerade. Hier und da trifft man Menschen, die kleine Aufkleber auf ihren Laptops haben: oben in der Mitte, wo die eingebauten Kameras sitzen. Es sind Augenklappen für die vielen kleinen Brüder – mechanisch, billig, effektiv. Man weiß ja nie, wer zuschauen will.

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