Anleger, die durch den Zusammenbruch von Lehman Brothers Geld verloren, demonstrieren im Juni 2009 in Berlin © John Macdougall/AFP/Getty Images

Was an dem Urteil in ihrem Fall gerecht sein soll, fragt sich Ilse Müller noch immer. Die 64-Jährige, die in Wirklichkeit anders heißt, hatte vor vier Jahren Geld in Wertpapiere gesteckt, die ihr der Bankberater zum Aufbessern ihrer Rente empfohlen hatte. 6000 Euro, das war alles, was Müller besaß, nachdem sie jahrelang arbeitslos war und vier Kinder alleine und mit einem 400-Euro-Job als Pflegehelferin durchgebracht hatte. »100 Prozent sicher sei das Geld angelegt, beteuerte der Berater seinerzeit. Das Einzige, was ich mir vorwerfe«, sagt Müller heute: »Ich habe ihm geglaubt.« Bei der Sparkasse war sie zehn Jahre lang Kundin, »und die wusste doch, wie schwer ich mir mein Geld verdient habe«. Zwei Jahre später war das Geld weg, die angeblich 100-prozentig sicheren Wertpapiere waren nichts mehr wert . Es waren Papiere von Lehman Brothers , und nachdem die US-Investmentbank Ende 2008 pleitegegangen war, zog Müller, wie Tausende andere Geprellte, auf den Rat von Verbraucherschützern hin vor Gericht . Recht bekam sie nicht, ähnlich wie viele andere Geschädigte. Dafür muss sie jetzt mehrere Tausend Euro Gerichtskosten tragen.

Das Gericht urteilte, sie hätte beim Kauf der Papiere genauer hinsehen müssen. Dann wäre es ihr nicht verborgen geblieben, dass die Papiere nur so sicher waren wie die Bank, die dahinter stand. Das war nicht die Sparkasse, sondern eben Lehman Brothers. Dabei muss man nicht lange mit Müller reden, um zu merken, dass sie bis heute nicht genau weiß, was das für Papiere waren und wie so ein Zertifikat funktioniert. Geschweige denn, was ein Emittentenrisiko ist. »Dann hat das Gericht noch gesagt: Ich hätte ja genug verdient, um den Verlust verkraften zu können.« Für sie klingt das wie Hohn. Viele Anlegeranwälte kennen solche Richtersätze und ärgern sich genauso darüber.

Denn eines haben Anleger hierzulande längst nicht: Eine faire 50:50-Chance, wenn sie gegen Banken vor Gericht ziehen. »Man sollte meinen, dass Gerichte eher gegen Banken entscheiden, bei allem, was die angerichtet haben«, sagt Rechtsanwalt Andreas Tilp, Experte für Kapitalmarktrecht, »in der Beratungshaftung kann ich das aber nicht bestätigen.« Der Berliner Professor für Wirtschaftsrecht Hans-Peter Schwintowski sieht es ähnlich: »Naturwissenschaftlich gesehen, müssten die Prozesse etwa halbe-halbe ausgehen, aber von einer Gleichverteilung kann keine Rede sein. Richter haben ein sehr starkes Verständnis für die Anbieter – aber kaum für die Kunden und deren Schutzbedürftigkeit. Das wundert mich sehr.«

Dabei ist inzwischen vieles publik geworden. Darüber, wie Banken Produkte entwickeln – so komplex, dass selbst Bankvorstände sagen, dass sie die Konstrukte und deren Risiken kaum noch verstehen. Und darüber, wie Bankberater diese Produkte an die Kunden weiterverkaufen – auf Provision komm raus und ohne Rücksicht auf Verluste. Das war nicht nur bei Lehman-Zertifikaten so, sondern auch bei Medienfonds, Schrottimmobilien und vielen anderen Geldanlagen. Deshalb fordern Anlegerschützer und Verbraucherminister vehement mehr Schutz für die Kunden. »Dass wir zigtausend Fälle haben, in denen Geschädigte vor Gericht ziehen, kann ja kein Zufall sein«, sagt Rechtsanwalt und Aktionärsschützer Klaus Nieding. Jüngster Versuch, Fehlberatungen entgegenzuwirken, ist das Anlegerschutzgesetz, das derzeit im Bundestag beraten wird, etwa leicht verständliche Informationsblätter vorsieht und zuletzt wegen der Idee verdeckter Kontrollen mittels Testkunden für Wirbel sorgte.

Allein, Einfluss in dem Sinne, dass auch die Rechtsprechung anlegerfreundlicher wird und Banken in Haftung genommen werden, hat all das nicht. »Viele Richter sind damit beschäftigt, Anlegerklagen so schnell wie möglich vom Tisch zu wischen, weil sie einen ganzen Schwall von Klagen auf dem Tisch haben«, beobachtet Kapitalanlagerechtsanwalt Peter Mattil. »Für viele sind Anleger wie Schmeißfliegen und einfach nur lästig.« Dass Anlegerklagen mehr Mühe machen, weil sie vor Zahlen und Fachbegriffen nur so strotzen und sich um Wertpapiere drehen, von denen viele Richter selbst nichts verstehen, fördert die Motivation der Juristen nicht gerade. Jedenfalls bei vielen Amts- und Landgerichten. »Mit den Urteilen der ersten Instanz braucht man sich gar nicht aufzuhalten«, sagt Mattil deshalb, »bis zum Oberlandesgericht müssen Anleger auf jeden Fall durchhalten.« Dann erst stiegen ihre Chancen, ein faires Urteil zu bekommen.

Besser noch, sie klagen bis zum Bundesgerichtshof (BGH). Dieser hat jüngst häufiger Urteile gefällt, die Anlegern klar recht geben. Sei es zur Offenlegung von Provisionen. Zu längeren Verjährungsfristen, die beim Kauf von Finanzprodukten gelten. Oder zu Risikohinweisen, die ein Berater unabhängig vom Prospekt auch mündlich geben muss. Anlegeranwälte feierten das als Watsche für die Finanzbranche.

 Manche Anleger durchschauen das Risiko nicht ansatzweise

An diesen »Rüffelurteilen« orientieren sich zunehmend Richter an den Oberlandesgerichten (OLGs). Dennoch »sind divergierende Auffassungen bei OLGs eher üblich«, sagt der Rechtswissenschaftler Mathias Habersack, Vorstand der Bankrechtlichen Vereinigung. Gerade die Frage, ob eine Bank haften muss, wenn sie einen Kunden nicht über Risiken aufgeklärt hat, beantworten viele OLGs noch immer mit Nein. Habersack findet das »schon richtig so. Man kann dem Kunden kein Rundum-sorglos-Paket geben. Wir sehen keinen Grund, dem Anleger die Risiken, die er sehenden Auges übernommen hat, hinterher wieder abzunehmen, wenn die Anlage schlecht läuft.«

Ob die Kunden jedoch nur ansatzweise durchschauen, welche Risiken sie sich ins Depot holen, bezweifeln diejenigen stark, die Hunderte solcher Fälle kennen. Zum Beispiel Daniela Bergdolt von der Arbeitsgemeinschaft Bank- und Kapitalmarktrecht des Deutschen Anwaltsvereins: Sie vertritt einen 82-jährigen Mann, dem eine Großbank geschlossene Fonds verkaufte, von denen der erste fällig wird, wenn der Kunde 95 Jahre alt ist, und der letzte, wenn er 105 Jahre alt ist. »Das sind keine Einzelfälle, da steckt System dahinter«, sagt auch Nieding, der einen 96-Jährigen betreut, der ein Lehman-Zertifikat mit fünfjähriger Laufzeit bekam: »Wenn Sie mit Jopi Heesters verwandt sind, dann erleben Sie solche Laufzeiten vielleicht noch.«

Die meisten Anlegeranwälte sind wie Nieding überzeugt: »Die Banken machen die Produkte bewusst so schwierig, dass sie kein Anleger mehr versteht. Er hört nur, dass der Berater sagt, das Papier sei total sicher.« Viele Käufer von Lehman-Papieren waren älter als 70 Jahre und hatten meist nur Festgeld. Eine Initiative von Geschädigten will belegen, dass es Zielgruppenvorgaben gegeben hat, die Papiere gezielt Älteren aufzuschwatzen.

Noch immer tun sich aber Geschädigte vor Gericht extrem schwer, nachzuweisen, dass sie falsch beraten oder getäuscht worden sind. Nicht etwa die Bank muss nachweisen, dass ihr Personal die gesetzlichen Beratungspflichten erfüllt hat. Stattdessen muss der Kunde zeigen, dass der Banker nicht alles gesagt hat – was ohne Zeugen schwer ist.

Dabei nehmen die Banken nicht nur wohlwollend hin, dass viele Anleger Verfahren in den unteren Instanzen verlieren. Sie kalkulieren regelrecht damit – das zumindest werfen ihnen Kritiker vor: »Sie konstruieren Problemprodukte, weil sie wissen, dass nur wenige Kunden klagen. Das rechnet sich für sie trotzdem«, wettert Mattil. Auf jede neue Produktwelle folge wenige Jahre später eine Klagewelle. Die wenigsten Fälle landen dabei vorm BGH: Schon bei 20.000 Euro Anlagesumme kostet ein Prozess durch zwei Instanzen leicht 10.000 Euro, in Einzelfällen auch einmal bis zu 15.000 Euro. Daher geben Anleger oft früh klein bei. Und ihre Anwälte versuchen, hinter den Kulissen einen Vergleich zu erstreiten, der ihnen wenigstens einen Teil des Geldes zurückbringt. Da lenken auch die Banken gern ein, ersparen sie sich doch die Gefahr negativer Presse, sollten sie einmal verlieren.

Jurist Schwintowski ärgert diese Praxis. Er würde sich wünschen, dass die Gerichte deutlicher aufzeigen, dass Banken mehr Verantwortung für ihre Produkte übernehmen müssen und das Risiko nicht ständig auf den Anleger abgewälzt werden kann.

Ilse Müller wird weiter klagen. Sie will sehen, ob sie ihr Geld zurückbekommt.