Bernhard Just steht am Rand des Schützengrabens, und ihm gefällt nicht, was er sieht. Die Mitglieder seiner Gruppe hängen mit ihren Winterjacken in Dornensträuchern fest, die den schmalen Trampelpfad versperren. Während sich die einen vorsichtig zu befreien versuchen, schauen ihn die anderen fragend an. »Auf, Leute! Jetzt pienst nicht rum!«, schimpft Just, sichtlich verärgert. Mit seinem rechten Arm kurbelt der 54-Jährige ausladend in der Luft, als ob er die Gruppe so in Bewegung setzen könnte. Schließlich ist ihr nächstes Tourziel schon zu sehen: ein Bunker, dessen Umrisse sich hinter einer Baumgruppe abzeichnen. »Ich habe euch gesagt, dass das kein Spaziergang wird«, donnert er. Inzwischen klingt sein badischer Akzent nicht mehr heiter, sondern ziemlich streng.

Einmal im Jahr führt Just Besucher zu den Ruinen dieses gewaltigen Bollwerks: Die Feste Kaiser Wilhelm II. liegt rund 30 Kilometer von Straßburg entfernt auf einem Hügel, an den sich der kleine Ort Mutzig schmiegt. »Ihr Name«, sagt Just, »sollte damals die Bedeutung der Feste hervorheben.« Mit dem Sieg Preußens 1871 im Krieg gegen Frankreich wurde Elsass-Lothringen dem Deutschen Reich angegliedert. Sofort errichtete man Verteidigungsstellungen. 1893 begannen die Arbeiten an der Feste Kaiser Wilhelm II. mit dem Bau von zwei kompakten Festungen, jeweils in Dreiecksform und flach in den Boden eingelassen.

Um allerdings auch gegen damals neue Sprengstoffe gewappnet zu sein, mussten die Ingenieure hier mit neuen Techniken und Baustoffen, Beton etwa, experimentieren. Jahrelang entstanden so immer mehr Gebäude und Stellungen auf dem Plateau. Mit der sogenannten aufgelösten Festung wurde schließlich ein vollkommen neuartiges Konzept umgesetzt: Über den Hügel verteilt sollten zahlreiche Bunker, Kanonenstellungen und Schützengräben den Gegner aufhalten, während der jede Stellung einzeln einnehmen musste.

Der Boden knirscht unter jedem Schritt. Lichtkegel fliegen über Wände

Bernhard Just lernte die Feste im Elsass vor etwa 20 Jahren bei einer privaten Führung kennen – und war sofort begeistert. »Mir wurde bewusst, dass das ein wichtiger historischer Ort ist«, sagt der Automechaniker, der in der Nähe von Heidelberg wohnt. Hier ließen sich sowohl der deutsch-französische Konflikt als auch die Auswüchse des Militarismus studieren. Als erster Deutscher trat er einem zunächst rein französischen Verein bei, der sich um die Pflege der Anlage kümmert. Seine Nationalität, sagt Just, habe im Verein aber nie eine Rolle gespielt. »Ziel ist doch, Europa gemeinsam zu leben.« Heute ist er Vereinsvizepräsident und organisiert einmal im Jahr eine Sonderführung auf dem 254 Hektar großen Areal. Erreichen lassen sich viele Gebäude und Stellungen nämlich nur im Winter. Im Sommer macht dichtes Gestrüpp jede Begehung unmöglich.

Bei der Besichtigung teilen sich die Besucher in eine deutsch- und eine französischsprachige Gruppe, die unterschiedliche Routen nehmen. Mit Just sind rund 30 Menschen unterwegs, darunter Deutsche, Holländer, Belgier, Schweizer. Vor allem Männer. Viele haben Fotokameras um den Hals baumeln, sind vermummt mit Schals und Mützen. Doch ein Blick in die blassen Gesichter verrät, dass die Kälte ihre Kleidung längst durchdrungen hat.