Eva Jacob ist angetreten, im australischen Dschungel das selbstbewusste Dickerchen zu geben, das sich von niemandem die Erbsensuppe madig machen lässt. Leider erkennt man in dieser tapferen alten Dame in der RTL-Sendung Ich bin ein Star, holt mich hier raus! nicht mehr ganz, was ihre eigentliche Größe ausmacht. Die liegt nämlich anders als bei den anderen Insassen dieses TV-Straflagers keineswegs darin, in besseren Tagen wie Mathieu Carrière ein halbwegs bedeutendes Kleistbuch geschrieben oder einer lebensreformerischen Avantgardebewegung vorgestanden zu haben wie Rainer Langhans. Nein, der Fall von Eva Jacob liegt ganz anders, denn ihre ungewöhnliche Qualität beruht gerade nicht darauf, jemand zu sein, der die Welt durch sein unersetzliches, hochmögendes Ich bereichert hat. Im Gegenteil.

Die wahre Größe von Eva Jacob besteht darin, niemand Besonderes zu sein. Nur eine von vier Gleichen (beziehungsweise, nachdem Schwester Hannelore vor knapp drei Jahren gestorben ist, immerhin noch: eine von drei Gleichen). Ein Viertel von nichts Besonderem gewissermaßen, wobei die schiere Addition des wenigen noch lange nicht viel ergibt. Aber das macht nichts. Die Jacob Sisters brechen mit dem obersten Glaubensgrundsatz der Neuzeit, der alle normalen Lebensteilnehmer von der Wiege bis zur Bahre auf Trab hält. Der heißt: Du musst unverwechselbar sein.

Klicken Sie auf das Bild, um weitere Artikel der Serie "Gesellschaftskritik" zu lesen. © Frazer Harrison/Getty Images

Darin sind die blondierten Damen, deren wichtigstes Merkmal darin besteht, nur durch ihre ausgestellte Verwechselbarkeit unverwechselbar zu sein, allen überlegen, die Tag für Tag an ihrer persönlichen Einmaligkeit rumputzen und -polieren. Denn in Wahrheit ist das ganze Unverwechselbarkeitstheater, in dem die meisten von uns immerzu auftreten, schrecklich anstrengend und überdies ständig vom Scheitern bedroht.

Es ist ja doch unmöglich, dass sich Milliarden von Menschen im Laufe ihres Lebens zu Milliarden Individuen mausern. Wo doch ein Blinder sehen kann, dass wir alle nur durch dieselbe schwarze Kastenbrille in die Welt gucken, denselben schwarzen Kaffee schlürfen, dieselben Bücher lesen, dieselben schwarzen Hosen tragen wie der liebe Kollege im Zimmer nebenan. Eva Jacob und ihre drei völlig austauschbaren Schwestern mit den völlig austauschbaren Pudeln verdanken ihre beneidenswerte Karriere der überlegenen, wenn auch naheliegenden Einsicht, dass der Mensch dem Menschen gleich ist und er am besten gar nicht erst so tun sollte, als wär er etwas Besseres. Iris Radisch