Es gibt kein anderes Hotel in Deutschland, das in den vergangenen Jahren für so viele Schlagzeilen gesorgt hat wie das Grand Hotel Heiligendamm . Zuerst fand in dem weiß getünchten klassizistischen Architekturensemble an der Ostsee der G-8-Gipfel statt, dann kündigte der Hotelkonzern Kempinski kurzerhand den Betreibervertrag.

Für die größten Schlagzeilen jedoch sorgt in ziemlicher Regelmäßigkeit Anno August Jagdfeld. Jagdfeld ist so etwas wie der Felix Krull des 21. Jahrhunderts. Mit Thomas Manns Romanfigur teilt er die Herkunft aus dem Rheinland, ein baroneskes Auftreten, ein gewisses Faible für Hotels und eine derbe Portion Narzissmus. Jagdfeld ist Inhaber der Dürener Fundus-Gruppe, die über zahlreiche Fonds unter anderem den Neubau des Berliner Hotels Adlon und des Grand Hotels Heiligendamm finanziert – mit dem Geld privater Anleger. Viele von ihnen haben noch nicht einen Cent von der versprochenen Rendite gesehen, Adlon-Anleger klagen bereits vor Gericht. Doch Kritik perlt an den maßgeschneiderten Anzügen des Immobilienmenschen Jagdfeld ab. Gern dreht er die Chose sogar noch um: Als Kempinski in Heiligendamm ausstieg, warf er dem Konzern, der weltweit mehr als 60 Hotels und Resorts betreibt, mangelnde Erfahrung vor. Jetzt führt Jagdfeld die Geschäfte des Grand Hotels Heiligendamm in eigener Regie. Wie aber schafft er das, ganz ohne Erfahrung als Betreiber eines Hotels?

Die Neugier wächst mit jedem Kilometer, den man sich der mecklenburgischen Ostseeküste nähert. Kurz vor dem Seebad geht es durch eine traumhaft schöne Winterlandschaft aus Schnee und Eis. In den Bäumen sitzen Raben, aufgeplustert, regungslos. Noch zwei Kurven oder drei, und schon steht man vor dem Haupthaus des Hotels. Ein Portier in dunkelblauer Filzkutte eilt zur Fahrertür. Er sagt, dass er den Wagen gern in Empfang nehme, 25 Euro am Tag. Was er nicht sagt: dass das Fünf-Sterne-Hotel bis heute keine Tiefgarage hat und dass gleich hinter dem Hotelparkplatz ein öffentlicher Parkplatz ist, 12 Euro am Tag, ebenfalls kameraüberwacht. Dort wird man später parken. Der Mops braucht ohnehin Auslauf.

Das Hotel hatte bei der Reservierung des 210-Euro-Standardzimmers gebeten, Hunde anzumelden, um ihnen, wie es verheißungsvoll hieß, »den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen«. Sie seien »willkommen für 35 Euro pro Tag«. Jetzt aber, wo der Mops auf dem weißen Marmor vor der Rezeption steht, wird er keines Blickes gewürdigt. Stattdessen drückt einem die Rezeptionistin eine Liste in die Hand. Akribisch ist darauf vermerkt, dass der Mops nicht ins Kurhaus Restaurant darf, nicht in die Baltic Sushi Bar, nicht ins Gourmetrestaurant. Leinenzwang in der Hotel- und Parkanlage, Leinenzwang auf der Strandpromenade. »Ins Medini’s dürfen Sie ihn mitnehmen«, sagt die Rezeptionistin, während sie den Weg zum Zimmer 1108 im ersten Stock des Haupthauses weist, »das Medini’s ist unser italienisches Restaurant.«

Die 1108 ist ein Zimmer, in das man durchaus hineinfliegen kann. Und zwar deshalb, weil die Handwerker die Auslegware im Flur nicht richtig verlegt und eine zwei Zentimeter breite Anschlusskante gelassen haben, über die man gleich einmal stolpert. Auch der Teppichboden im Zimmer sieht schrammelig aus. Da freut sich der Mops, dass man ihm sein Lammfell mitgebracht hat – vom angekündigten Korb, der Decke und dem Napf ist im Zimmer ohnehin nichts zu sehen. Schon jetzt drängt sich der Eindruck auf: Hier denkt man erst ans Geld und dann an den Gast.

Heiligendamm wurde 1793 von Friedrich Franz I., Herzog von Mecklenburg-Schwerin, als erstes deutsches Seebad gegründet. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts amüsierten sich Erholungssuchende hier beim Pferderennen, später gab es einige der ersten Frauenturniere im Tennis. Die Nationalsozialisten entdeckten die »weiße Stadt am Meer« für sich, nach dem Krieg diente sie als Kurbad für Werktätige. Nach der Wiedervereinigung entdeckte sie Anno August Jagdfeld. 200 Millionen Euro investierte er in den Ausbau des 225-Zimmer-Komplexes. Mit aufwendigem PR-Tamtam sammelte er einen Großteil der Summe bei Anlegern ein, Mindesteinlage 25000 Euro. 50 Millionen Euro öffentliche Gelder flossen zur Schaffung von Arbeitsplätzen in das Projekt. Heiligendamm sollte zum Musterbeispiel für die Entwicklung des Luxustourismus in den neuen Bundesländern werden. Doch bisher gab es eigentlich nur Ärger. Das Hotel ärgerte sich über die Tagesgäste in Heiligendamm und schottete das Anwesen mit dem Bau eines Zaunes ab, worüber sich die Bürger in den Nachbarorten ärgerten. Kempinski ärgerte sich, weil Jagdfelds Fonds nicht, wie versprochen, sanieren und erweitern ließ und der Betrieb in schlechten Jahren bis zu sieben Millionen Euro Verlust machte. Nachdem die Betreibergesellschaft ausgestiegen war, sah sich die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern gezwungen, mit einer Bürgschaft von vier Millionen Euro auszuhelfen – das Hotel hätte sonst nicht überlebt. Und für einige Anleger ist Anno August Jagdfeld ohnehin ein rotes Tuch.

Es gibt aber auch Menschen, die an Heiligendamm verdienen. Zum Beispiel Herr Jagdfeld. Oder seine Frau Anne Maria, die das Hotel eingerichtet hat. Anne Maria Jagdfeld ist nach ihrem Selbstverständnis eine international tätige Designerin. In Heiligendamm beherrscht sie nichts so gut wie die Farbpalette von Beige bis Braun. Im Bad sieht das recht behaglich aus, was aber auch an der viel zu schummerigen Beleuchtung liegen kann. Das Zimmer selbst wirkt jedoch furchtbar bieder. Hinzu kommt, dass in dem winzigen 210-Euro-die-Nacht-Raum noch ein klobiger Fernseher steht. Ob ihn Frau Jagdfeld wohl bei einem Second-Hand-Elektroladen in Berlin-Neukölln gefunden hat?

Im Winter fährt man in ein Ostseehotel, um sich nach einem Spaziergang in den Bademantel zu werfen und vom Zimmer direkt ins Spa zu schlappen. Im Grand Hotel Heiligendamm muss man den Mantel anziehen, samt Handschuhen und Mütze, denn vom Hauptgebäude geht es durch die Kälte rüber zum Severin Palast. Dort ist das Spa untergebracht. Die Dame bei der Reservierung hatte von Instandsetzungsarbeiten im Severin Palast gesprochen, das »Spa mit finnischer Außensauna« sei jedoch »uneingeschränkt in Betrieb«. In der Umkleide ist man an diesem späten Nachmittag bereits etwas irritiert, die Türen der Spinde stehen weit auf, überall liegen benutzte Badetücher herum. Dann läuft man zu den Duschen. An der ersten hängt ein Schild: defekt. Aus der zweiten kommt nur kaltes Wasser. Vor der dritten und letzten stehen schon andere Gäste an.