DIE ZEIT: Monsieur Camdessus, Frankreich will die Reform des internationalen Währungssystems zum Schwerpunkt seiner diesjährigen G-20-Präsidentschaft machen. Warum brauchen wir eine solche Reform?

Michel Camdessus: Weil die Unzulänglichkeiten des Systems ein wichtiger Grund für die Finanzkrise sind. Es ist zu begrüßen, dass sich die G20 jetzt um diese Probleme kümmert.

ZEIT: Welche Probleme meinen Sie?

Camdessus: Wir haben es mit einer Währungsordnung zu tun, die nicht in der Lage ist, die teilnehmenden Länder ausreichend zu disziplinieren . Der Internationale Währungsfonds (IWF) kann zwar denjenigen Ländern Vorschriften machen, denen er mit Notkrediten unter die Arme greift. Aber alle anderen können praktisch tun, was sie wollen.

ZEIT: Wie wollen Sie das ändern?

Camdessus: Nötig sind weitreichende Reformen der Architektur des Systems. Während der Asienkrise vor zwölf Jahren habe ich dazu Vorschläge gemacht, doch weil die Krise zügig überwunden wurde, verschwanden sie schnell wieder in der Schublade. Wenn wir dieses Thema nicht angehen, ist die nächste Krise nur eine Frage der Zeit – auch wenn wir noch so schöne neue Regeln für den Finanzsektor verabschieden.

ZEIT: Was soll konkret geschehen?

Camdessus: Währungsfragen haben Auswirkungen auf der ganzen Welt. In der Gruppe der G20 sind aber nur 25 Länder vertreten. 25 von mehr als 180! Wir müssen die G20 umorganisieren. Der IWF hat 186 Mitgliedsstaaten – das funktioniert, weil die kleineren Länder Gruppen bilden, die dann jeweils einen Vertreter in die Entscheidungsgremien entsenden. Dieses Modell sollte auch die G20 übernehmen. Das wäre der erste Schritt.

ZEIT: Und der zweite?

Camdessus: Bisher haben im IWF das Management und der Aufsichtsrat das Sagen. Künftig sollten die strategischen Entscheidungen von den Finanzministern selbst gefällt werden. Wenn ein solcher Ministerrat eingerichtet ist, sollten die Finanzministerrunde der G20 und der IWF-Rat verschmolzen werden. Es wären ja ohnehin dieselben Leute. Der Fonds wäre letztlich in den Händen der Staats- und Regierungschefs.

ZEIT: Dadurch bekämen die Politiker sehr viel Macht. Warum ist der Umbau wichtig?

Camdessus: Weil er die Legitimität und die Autorität des IWF stärken würde. Wir brauchen eine Instanz, die auf globaler Ebene für Stabilität sorgt. Das bedeutet auch, dass der Fonds mit einem umfassenderen Mandat ausgestattet werden muss. Bislang kümmert er sich vor allem um Fragen der Zahlungsbilanz. Er sollte aber für die gesamte finanzielle und monetäre Sphäre zuständig sein, auch für die Überwachung der globalen Kapitalströme. Sie sind in den vergangenen Jahren so stark angeschwollen, dass es für einzelne Länder immer schwieriger wird, ihre Wirtschaft vor ihnen zu schützen.

ZEIT: Der IWF wäre der Kern einer Weltwirtschaftsregierung?

Camdessus: So könnte man es nennen. Ich spreche aber lieber von einem neuen Geist der kooperativen Koordination.

ZEIT: Und was soll diese Regierung tun?

Camdessus: Ein wichtiger Punkt sind die Wechselkurse. Auf den Devisenmärkten kommt es immer wieder zu exzessiven Schwankungen. Ursache dafür kann eine falsche Wirtschaftspolitik sein, oft aber hat der Kurs der Währungen mit den ökonomischen Rahmendaten nichts zu tun. Das gilt auch für die großen Währungen. Sie können die Bewegungen des Euro-Dollar-Kurses mit makroökonomischen Faktoren allein nicht erklären. Hier spielen spekulative Aktivitäten eine Rolle.

ZEIT: Wie wollen Sie das ändern?

Camdessus: Unter anderem durch eine bessere staatliche Überwachung. Unsere Währungsordnung hat seit dem Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods in den siebziger Jahren...

ZEIT: ...als feste Austauschverhältnisse für die großen Währungen untereinander galten und der Dollar durch Gold gedeckt war...

Camdessus: ...keinen zentralen Referenzpunkt mehr. Ein solcher Referenzpunkt ist aber nötig, zumindest auf lange Sicht.