Italien Warum lieben viele Italiener Berlusconi?
Er hat Schwächen. Er umgeht Vorschriften. Er ist Chef von einem großen Harem. Dennoch ist vielen Italienern ihr Premierminister nicht peinlich. Von Roberto Saviano
© Christophe Simon/AFP/Getty Images

Der italienische Autor Roberto Saviano (31) wird von der Mafia bedroht
Warum schätzen und lieben die Italiener Silvio Berlusconi noch immer – trotz seiner Skandale und Prozesse?
Lange Zeit haben ausländische Beobachter und Medien Berlusconi als eine Art Karikatur missverstanden. Das war ein Fehler, genauso wie der, ihn als Ergebnis einer politisch schwierigen Phase anzusehen, ihn als sympathischen und ein wenig bauernschlauen Unternehmer zu beschreiben. Der eigentliche Irrtum bestand darin, ihn nie ernst zu nehmen.
Aber auch die italienischen Medien sind das Problem nie aus der richtigen Perspektive angegangen. Ich glaube, dass die Beziehung zwischen den Italienern und Berlusconi immer noch nicht richtig analysiert worden ist. Eine Beziehung, die sehr viel komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint, denn die Figur Berlusconi birgt in sich Elemente starker Wahrhaftigkeit.
Jetzt wird man mir sagen: Wie ist das möglich? Ausgerechnet er, der als Meister der Lüge dargestellt wird, als ein Mann mit der unleugbaren Fähigkeit, die Wahrheit zu verdrehen. Wie kann man diesen Menschen mit so etwas wie Wahrhaftigkeit in Zusammenhang bringen? Aber auch wenn ich mich da auf einsamem Posten befinde, möchte ich auf meiner These bestehen. Ja, Berlusconi birgt Wahrhaftigkeit und Wahrheit in sich, weil sich gerade in seinen Widersprüchen, sogar in seiner Unmoral das Land wiedererkennt.
Um deutlicher zu werden: Berlusconi gibt Dinge von sich, die in jedem anderen Land zu einer Staatskrise führen würden. Etwa wenn er sagt: "Lieber ein schönes Mädchen anschauen, als schwul zu sein" oder wenn er auf einem Gruppenfoto mit ausländischen Regierungschefs hinter dem Rücken eines Kollegen seine Finger zu Hörnern formt. Wie um zu sagen, dieser Politiker werde gerade von seiner Ehefrau betrogen!
Und doch werden in Italien solche Ausrutscher als Beweise für die mentale Gesundheit eines Mannes, der zu leben weiß, interpretiert. Berlusconi hat es geschafft, mit seiner Persönlichkeit das Land zutiefst zu spalten.
Wer die Dinge, die er tut, nicht tut oder sie gar ablehnt, wird als Heuchler empfunden. Als einer, der zwar auch gern einem schönen Frauenhintern hinterherschaut, aber nicht aufrichtig genug ist, das auch zu sagen. Viele Italiener denken, dass Berlusconi bei all seinen Verfehlungen im Grunde zutiefst menschlich bleibt. Er zeigt menschliche Schwächen, weil er "einer von uns" ist, und eigentlich "wollen wir sein wie er". So denken die einen. Und brandmarken dann die anderen als Heuchler und Lügner. Diese Vorstellung mag oberflächlich erscheinen, aber sie ist mit dem Vorwurf verbunden, dass Berlusconis Gegner von der Linken zwar hehre, moralisch einwandfreie Versprechungen gemacht haben, während ihrer Regierungszeit aber die großen Reformen dann doch nicht anpackten.
Die Linke trifft nicht den Bauch des Landes, deshalb ist sie nicht mehr in der Lage, große Leidenschaften zu entfachen. Dabei kann sich der Instinkt der Masse doch durchaus in bürgerliches Engagement und leidenschaftliche Partizipation verwandeln. Aber die italienische Linke schafft es nicht mehr, ihr Katalysator zu sein. Berlusconi hingegen hat es geschafft, wie ein Magnet auf eine Eigentümlichkeit unseres Volkscharakters zu wirken, die man nicht unterschätzen darf. Ich meine den italienischen Individualismus – eine Eigenschaft, die für sich gar nicht schädlich wäre, wenn sie nur mit dem Respekt für Recht und Gesetz einherginge. Denn Regeln und Gesetz brauchen wir, um besser zu leben, sie weisen uns den Weg, um unseren Platz und unser Glück zu finden. Gleichgültig, ob wir Fließbandarbeiter, Unternehmer oder Musiker sind.
- Datum 16.02.2011 - 07:01 Uhr
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- Serie Italienische Lektionen
- Quelle DIE ZEIT, 27.1.2011 Nr. 05
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Selten eine so gute Analyse des Zustandes Italiens gelesen.
Bravo!
Akka1 sagt. "gute Analyse"
mag sein, aber für mich liest es sich so, als ob auch R. Saviano bereits resigniert hätte.
Die Linke ist schwach, Berlusconi ist auch schwach,
Italien kommt nicht vom Fleck,
Hauptsache: fare sempre la bella figura....
ahimé,....che figura!
Als republicca delle banane hat Italien in der EU eigentlich nichts zu suchen,
und es gibt nur wenige Hoffnungsschimmer.
Die nächste postbelusconische Regierung wird wohl auch Statsbankrott anmelden allà Griechenland.
... dolce far niente! L'Italia farà da se?
Wenn Italien in der EU nichts zu suchen hat, dann bitte auch
nicht Griechenland, Ungarn, Bulgarien, Rumänien,....
denn in diesen Ländern liegen vieles im argen !
Wenn Italien in der EU nichts zu suchen hat, dann bitte auch
nicht Griechenland, Ungarn, Bulgarien, Rumänien,....
denn in diesen Ländern liegen vieles im argen !
Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen und differenzierten Argumenten an der Diskussion. Danke. Die Redaktion/lv
die analyse ist in weiten teilen richtig. wenn ich mit meien befreundeten italienern spreche, erzählen sie mir das gleiche. doch was fehlt ist die frage nach dem warum. warum hat sich italien vor 20 jahren so verändert wie sie schreiben? warum herrscht nur noch macho-kultur, surviving of the fittest und demoralisierung?
nun vor langer zeit tauchte ein mann namens berlusconi auf, mit wahnsinnig viel geld. woher das geld stammte wusste keiner. er kaufte sich das fernsehen und damit automatisch die meinungshoheit und das ganze land.
wenn die italiener nur eine woche kollektiv den fernseher ausstellen würden, wäre italien ein besserer platz zum leben und berlusconi nicht mehr da.
wo ich nicht zustimmen kann ist der neapel-vergleich. das organisierte verbrechen gibt es überall, aber städte wie london, paris oder madrid sind lichtjahre von neapel entfernt.
"nun vor langer zeit tauchte ein mann namens berlusconi auf, mit wahnsinnig viel geld. woher das geld stammte wusste keiner. er kaufte sich das fernsehen und damit automatisch die meinungshoheit und das ganze land.
wenn die italiener nur eine woche kollektiv den fernseher ausstellen würden, wäre italien ein besserer platz zum leben und berlusconi nicht mehr da."
Berlusconi war Mitglied in der P2 Loge als dtt Berl... . Woher hat er den Titel, mal nebenbei. Die P2 hatte große Teile von Wirtschaft, Finanzen und Geheimdiensten unterwandert. Sie steht in dringendem Verdacht Drahtzieher der schweren Bombenattentate in 70gern bis Anfang der 80ger zu sein. P2 Banken haben Berlusconi zu den Sendern verholfen als Teil eines Planes einen autoritär faschistischen Staat aufzubauen. Daher das Geld. Die Geheimdienste vernichteten Beweise für die Bombenurheberschaft.
Ferner haben enge politische Berater engste Kontakte zur Mafia.
Der Medienunternehmer di Stefano meinte sinngemäß zitiert:“ Die Medienherrschaft des Berlusconi habe einem großen Teil der Italiener Teile des Gehirns zerstört“. Daher die politische Resistenz des Berlusconisystems. Im Falle di Stefano ignoriert der neue Duce sogar Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes.
Italien ist inzwischen eine durch und durch korrupte Gesellschaft, abgesehen von vielen vorbildlichen Richtern, etlichen Polizeibeamten und einem Teil mutiger Bürger.
Dieses korrupte System wird wahrscheinlich in nächster Zeit auch um Kredite gegen die Staatspleite anstehen. Gut, der Mann wird wegen faktisch fehlender Pressefreiheit demokratisch wiedergewählt, das muss man respektieren, dann sollte man aber auch die Kredite verweigern.
Vielleicht kann man das ja auf Arte noch im Internet sehen. Das ist aber eigentlich nichts um anschließend gut zu schlafen.
"nun vor langer zeit tauchte ein mann namens berlusconi auf, mit wahnsinnig viel geld. woher das geld stammte wusste keiner. er kaufte sich das fernsehen und damit automatisch die meinungshoheit und das ganze land.
wenn die italiener nur eine woche kollektiv den fernseher ausstellen würden, wäre italien ein besserer platz zum leben und berlusconi nicht mehr da."
Berlusconi war Mitglied in der P2 Loge als dtt Berl... . Woher hat er den Titel, mal nebenbei. Die P2 hatte große Teile von Wirtschaft, Finanzen und Geheimdiensten unterwandert. Sie steht in dringendem Verdacht Drahtzieher der schweren Bombenattentate in 70gern bis Anfang der 80ger zu sein. P2 Banken haben Berlusconi zu den Sendern verholfen als Teil eines Planes einen autoritär faschistischen Staat aufzubauen. Daher das Geld. Die Geheimdienste vernichteten Beweise für die Bombenurheberschaft.
Ferner haben enge politische Berater engste Kontakte zur Mafia.
Der Medienunternehmer di Stefano meinte sinngemäß zitiert:“ Die Medienherrschaft des Berlusconi habe einem großen Teil der Italiener Teile des Gehirns zerstört“. Daher die politische Resistenz des Berlusconisystems. Im Falle di Stefano ignoriert der neue Duce sogar Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes.
Italien ist inzwischen eine durch und durch korrupte Gesellschaft, abgesehen von vielen vorbildlichen Richtern, etlichen Polizeibeamten und einem Teil mutiger Bürger.
Dieses korrupte System wird wahrscheinlich in nächster Zeit auch um Kredite gegen die Staatspleite anstehen. Gut, der Mann wird wegen faktisch fehlender Pressefreiheit demokratisch wiedergewählt, das muss man respektieren, dann sollte man aber auch die Kredite verweigern.
Vielleicht kann man das ja auf Arte noch im Internet sehen. Das ist aber eigentlich nichts um anschließend gut zu schlafen.
treffender kann man glaube ich die Situation in Italien nicht beschreiben.
Genau das gleiche Drama spielt sich leider seit 30 Jahren auch in Griechenland ab.
Korrupte, versagende Politiker und Buerger die an nichts mehr glauben ausser an Tricks, Schumeleien, dritte Wege.
Und keine Hoffnung in Sicht.
Die bemerkung am Schluss steht arg zusammenhanglos dar. Curzio Malaparte ist vor 60 Jahren gestorben. An den meisten Orten der Welt hat man erkannt, ohne Frieden, Rechtsstaatlickeit und Sicherheit gibt es keinen Wohlstand. Und wo man den Wohlstand nicht steigern kann, wie bei uns, will man ihn wenigstens erhalten.
Deutschland setzt auf Forschung und Bildung, die ganze Welt hofft, durch Forschung und Bildung voranzukommen. Die ganze Welt? Nein, eine kleine Halbinsel in Europa widersetzt sich dem Trend und versucht es mit Beschiss ;)
noch scheint es mir unvorstellbar, dass neapel wirklich überall ist, also, dass auch bei uns jemand erfolg hätte als korrupter, rechtsbrüchiger, machtbessener macho, der es nötig hat seine macht als medienmogul auszunutzen, um seine sexuelle potenz zu demonstrieren - wie erbärmlich! - und dass das auch noch bei einer mehrheit als menschlich, sympatisch oder auch nur lächerlich empfunden wird! und ich hoffe doch sehr, dass ich in diesem land meine begrenzte vorstellungskraft noch mit einer mehrheit teile!
Herr Berlusconi verkörpert das Männerideals eines Machos Latinos die man allerorten in Südamerika antrifft.
Und die Italiener gehören eben mit dazu und da unterliegen auch wohl die modernsten Frauen Italiens dieser Männlichkeit oder machts da das Geld oder die Berühmtheit dieses Super Don Juan, das die Frauen vor ihm dahinschmelzen wie der Schnee in der Sonne?
Verkörpert nur das was sich viele Männer (und Frauen) insgeheim wünschen, vor allem im eigentlich erzkonservativen Italien.
Ich muss sagen, würde man meine Gedanken zu der Politik Italiens in den letzten Monaten aufschreiben käme dabei wohl so eine Analyse wie diese hier heraus. Sie ist einfach vollkommen wahr.
Verkörpert nur das was sich viele Männer (und Frauen) insgeheim wünschen, vor allem im eigentlich erzkonservativen Italien.
Ich muss sagen, würde man meine Gedanken zu der Politik Italiens in den letzten Monaten aufschreiben käme dabei wohl so eine Analyse wie diese hier heraus. Sie ist einfach vollkommen wahr.
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