Warum schätzen und lieben die Italiener Silvio Berlusconi noch immer – trotz seiner Skandale und Prozesse?

Lange Zeit haben ausländische Beobachter und Medien Berlusconi als eine Art Karikatur missverstanden. Das war ein Fehler, genauso wie der, ihn als Ergebnis einer politisch schwierigen Phase anzusehen, ihn als sympathischen und ein wenig bauernschlauen Unternehmer zu beschreiben. Der eigentliche Irrtum bestand darin, ihn nie ernst zu nehmen.

Aber auch die italienischen Medien sind das Problem nie aus der richtigen Perspektive angegangen. Ich glaube, dass die Beziehung zwischen den Italienern und Berlusconi immer noch nicht richtig analysiert worden ist. Eine Beziehung, die sehr viel komplizierter ist, als sie auf den ersten Blick erscheint, denn die Figur Berlusconi birgt in sich Elemente starker Wahrhaftigkeit.

Jetzt wird man mir sagen: Wie ist das möglich? Ausgerechnet er, der als Meister der Lüge dargestellt wird, als ein Mann mit der unleugbaren Fähigkeit, die Wahrheit zu verdrehen. Wie kann man diesen Menschen mit so etwas wie Wahrhaftigkeit in Zusammenhang bringen? Aber auch wenn ich mich da auf einsamem Posten befinde, möchte ich auf meiner These bestehen. Ja, Berlusconi birgt Wahrhaftigkeit und Wahrheit in sich, weil sich gerade in seinen Widersprüchen, sogar in seiner Unmoral das Land wiedererkennt.

Um deutlicher zu werden: Berlusconi gibt Dinge von sich, die in jedem anderen Land zu einer Staatskrise führen würden. Etwa wenn er sagt: "Lieber ein schönes Mädchen anschauen, als schwul zu sein" oder wenn er auf einem Gruppenfoto mit ausländischen Regierungschefs hinter dem Rücken eines Kollegen seine Finger zu Hörnern formt. Wie um zu sagen, dieser Politiker werde gerade von seiner Ehefrau betrogen!

Und doch werden in Italien solche Ausrutscher als Beweise für die mentale Gesundheit eines Mannes, der zu leben weiß, interpretiert. Berlusconi hat es geschafft, mit seiner Persönlichkeit das Land zutiefst zu spalten.

Wer die Dinge, die er tut, nicht tut oder sie gar ablehnt, wird als Heuchler empfunden. Als einer, der zwar auch gern einem schönen Frauenhintern hinterherschaut, aber nicht aufrichtig genug ist, das auch zu sagen. Viele Italiener denken, dass Berlusconi bei all seinen Verfehlungen im Grunde zutiefst menschlich bleibt. Er zeigt menschliche Schwächen, weil er "einer von uns" ist, und eigentlich "wollen wir sein wie er". So denken die einen. Und brandmarken dann die anderen als Heuchler und Lügner. Diese Vorstellung mag oberflächlich erscheinen, aber sie ist mit dem Vorwurf verbunden, dass Berlusconis Gegner von der Linken zwar hehre, moralisch einwandfreie Versprechungen gemacht haben, während ihrer Regierungszeit aber die großen Reformen dann doch nicht anpackten.

Die Linke trifft nicht den Bauch des Landes, deshalb ist sie nicht mehr in der Lage, große Leidenschaften zu entfachen. Dabei kann sich der Instinkt der Masse doch durchaus in bürgerliches Engagement und leidenschaftliche Partizipation verwandeln. Aber die italienische Linke schafft es nicht mehr, ihr Katalysator zu sein. Berlusconi hingegen hat es geschafft, wie ein Magnet auf eine Eigentümlichkeit unseres Volkscharakters zu wirken, die man nicht unterschätzen darf. Ich meine den italienischen Individualismus – eine Eigenschaft, die für sich gar nicht schädlich wäre, wenn sie nur mit dem Respekt für Recht und Gesetz einherginge. Denn Regeln und Gesetz brauchen wir, um besser zu leben, sie weisen uns den Weg, um unseren Platz und unser Glück zu finden. Gleichgültig, ob wir Fließbandarbeiter, Unternehmer oder Musiker sind.