Antisemitismus : "Bewusste Juden müssen sich darüber klar werden, dass sie hier keine Zukunft haben"

Stimmt es, dass sich in Europa wieder der Antisemitismus ausbreitet? Der Judenhass verbindet Rechtsradikale und aggressive Muslime. Eine Reise in die Niederlande, nach Schweden und Ungarn
Ungarische Juden während der Eröffnung einer Synagoge in Budapest © Balint Porneczi/AFP/Getty Images

Vor einiger Zeit hat Raphael Evers aufgehört, die Tram in seiner Heimatstadt Amsterdam zu benutzen. Auch auf den Markt geht er nicht mehr. Er ist ein sichtbarer Jude – ein Rabbiner mit Rauschebart, breitkrempigem Hut und einem schwarzen Anzug mit Frackschößen, der mittags in Sal Meijers Kosher Sandwichshop ein Broodje Meijer mit gepökeltem Rindfleisch und Senf isst und sich dabei die Sorgen älterer Gemeindemitglieder anhört. Das Lokal im Amsterdamer Süden ist ein sicherer Ort. Die Straßen sind es nicht mehr. »Ich werde beschimpft, manchmal sogar angespuckt. Für Juden wie mich gibt es No-go-Areas in dieser Stadt. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.«

Das »jüdisch-christliche Erbe« wird in Europa derzeit gern beschworen, um sich vom Islam abzugrenzen. Doch der Vereinnahmung der Juden zur Verteidigung des Abendlands widerspricht das prekäre Lebensgefühl vieler, die ihr Judentum offen leben. Zwar gibt es durch die Einwanderung aus dem Osten eine neue Blüte; erstmals nach dem Holocaust. Doch wer wissen will, wie es heute um das jüdische Leben in Europa steht, der stößt auf Beklommenheit, Verunsicherung und Angst – das zeigt sich auf einer Reise nach Amsterdam, Malmö und Budapest.

»Bewusste Juden«, so wurde am 5. Dezember der liberale Politiker Frits Bolkestein in der Zeitung De Pers zitiert, »müssen sich darüber klar werden, dass sie in den Niederlanden keine Zukunft haben.« Sie sollten mit ihren Kindern lieber nach Israel oder in die USA emigrieren. Der 77-jährige Bolkestein war Vorsitzender der regierenden liberalen Partei VVD und später EU-Kommissar. Bolkestein habe, so Evers, seine Landsleute warnen wollen. Aber die Grünen, die sonst gerne über Rassismus reden, kritisierten den Überbringer der schlechten Nachricht. Ihre Spitzenkandidatin Femke Halsema erklärte, Bolkestein müsse wohl den Verstand verloren haben. Für Rabbiner Evers sind solche Reaktionen Teil des Problems.

Er ist als Direktor des Rabbinerseminars das Gesicht des Judentums im Lande. Er ist ein lebensfroher Typ. Er will kein Opfer sein, und er muss seiner Gemeinde Zuversicht vermitteln. Leicht ist das nicht. Das Klima sei »nicht gut« für »offen lebende Juden«, sagt er: »Aber wir dürfen nicht fliehen. Damit würden wir ja den Antisemiten recht geben! Sprechen Sie mit meinem Sohn, der kann Ihnen mehr erzählen.«

Benzion Evers ist wie sein Vater in der Gemeinde tätig. Aber nicht mehr lange: »In einem Jahr bin ich weg. Ich beende noch mein Studium, dann gehe ich mit meiner Frau nach Israel. Mein Vater sagt das zwar nicht öffentlich, aber ich glaube, nach seiner Pensionierung geht er auch weg.« Der 22-jährige Benzion hat sich schon in der Pubertät darauf eingerichtet, dass man in der Stadt besser keine Kippa, sondern eine Baseballkappe trägt. Er hat gelernt, den arabischstämmigen Schülern, die ihn und seine jüdischen Freunde als »Kanker Joden« (Krebsjuden) mobben, aus dem Weg zu gehen. Und er hat sich damit abgefunden, dass er sich permanent für Israels Politik rechtfertigen muss: »Man kann so leben. Aber es nimmt einem die Luft zum Atmen, wenn man seine Religion und seine Identität verstecken muss. Unseren Kindern wollen wir das nicht zumuten.« Benzion betont, er fliehe nicht nach Israel. Fünf seiner neun Geschwister sind schon in Israel. »Vielleicht macht der Antisemitismus nur den kleineren Teil meiner Entscheidung aus«, sagt Benzion. »Aber als Holländer finde ich, in unserem Land sollte so etwas überhaupt keine Rolle spielen.«

Seine Großmutter, Bloeme Evers-Emden, geboren 1926, ist eine Auschwitz-Überlebende. Sie war auf dem gleichen Transport wie Anne Frank. Sie kam zurück und lebte als Zeitzeugin in Amsterdam. Heute unterstützt sie seine Entscheidung. Eine Million Besucher kamen letztes Jahr ins Anne Frank Haus und ließen sich vom Schicksal dieser Ikone des Leides unter den Nazis bewegen. Wozu dient die Vergangenheitsbewältigung, wenn zugleich die Familien von Überlebenden aus dem Land gegrault werden?

Wer Frits Bolkestein in seinem Büro mit Amstel-Blick aufsucht, findet einen weißhaarigen Herrn vor, der einen sehr klaren, wenn auch bedrückten Eindruck macht. »Wenn Orthodoxe hier in Amsterdam eine Bar-Mizwa feiern, brauchen sie Wachleute. Die jüdischen Gemeinden müssen bei uns für ihre Sicherheit selbst bezahlen, die Regierung und die Stadtverwaltung schauen weg. Und die Politik hat Angst, das Problem anzugehen.«

Der muslimische Antisemitismus ist ein unangenehmes Thema in den Einwanderungsgesellschaften Europas, deren politisches System von Rechtspopulisten bedroht wird. Geert Wilders hat gleich versucht, aus Bolkesteins Äußerungen Profit zu schlagen: Nicht die Juden, sondern die Marokkaner müssten gehen. Die Parteien der Mitte scheuen sich, das Thema aufzugreifen, weil es Wilders nutzen könnte.

Seit Jahren findet eine schleichende Verrohung des öffentlichen Raums statt: Weil Ajax Amsterdam als »jüdischer Club« gilt (im Vorstand und auch im Team gab es gelegentlich Juden), rufen die Fans des Konkurrenten Feyenoord Rotterdam von den Stadionrängen »Hamas, Hamas, Juden ins Gas!«. Erst seit sich ein paar Holocaust-Überlebende darüber in Briefen an die Vereine beschwert haben, beginnt die Liga einzuschreiten.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

522 Kommentare Seite 1 von 63 Kommentieren

Was soll am Zionismus denn menschenverachtend sein...

... der Zionismus baut auf der Idee auf, dass auch das jüdische Volk ein Recht auf einen eigenen Staat hat wie andere Völker auch. Zionismus heisst insofern Gleichberechtigung, nicht mehr und nicht weniger.

Der Zionismus, der übrigens in Deutschland vor '33 ziemlich wenig Zulauf hatte, wurde (und wird) leider durch die Geschichte grausam bestätigt. Man kann von keinem Juden verlangen, dass er nach dem NS-Genozid noch auf die Toleranz und Solidarität nichtjüdischer Mehrheiten baut...

Juden sind also selbst schuld am Antisemitismus...

.... so einfach kann man es sich auch machen. Vielleicht sollte man sich aber lieber mit der Geschichte des Antisemitusmus in Europa und der arabischen Welt auseinandersetzen, der völlig unabhängig von der Existenz eines Judenstaates entstanden ist. Israel wiederum sollte schon vernichtet werden, als es noch ein säkular-sozialdemokratisches Musterländle war und sein politisches Leben noch nicht wie heute von folkloristiscn-religiösen Extremisten(die ihren islamischen Pendants übrigens zum verwechseln ähnlich sehen) gestört wurde. Dem Antizionismus wie dem Antisemitismus kann man nicht durch Wohlverhalten entgehen. Und man kann den Antisemitismus nicht vom Antizionismus trennen - was gerade Ihr Beitrag ja auch bestätigt...

Das sollte man wirklich,

sich mit der Geschichte des Antisemitusmus in Europa und der arabischen Welt auseinandersetzen.

Das erste dokumentierte Judenprogrom fand im Jahre 6 n.Chr. in Alexandrien statt. Von da ab nahm der westliche "Antisemitismus", später gepaart mit dem kirchlichen "Antjudaismus" aufgrund unterschiedlichster säkularer und klerikaler Begründungen seinen Verfolgungs-Verlauf.

In einem war man sich jedoch stets einig: Die Juden waren immer "schuld" - an allem Ungemach, was die Welt jeweils zu bieten hatte.
Von den Seuchen des Mittelalters bis zur Weltwirtschaftskrise 1929.

Stoff aus dem Diktaturen und Weltkriege entstehen.

fehlende Kritik an der israelischer Regierung

durch den Westen könnte ebenfalls eine Ursache sein für diesen auzfkeimenden rassissmuss gegen Juden oder Israelis....

Wenn ein Land wie Israel seit über 50 Jahren Staatsterror begeht und nicht wenige Ärtzte und Menschenrechtler vergleichen Palästina mit dem Warschauer Gettho.... (auch wenn Vergleihce immer hinken9 In Palästina werden Waffen zur Aufstandsbekämpfung getestet.... Wasser mal so eben abgestellt... letztens hat sogar ein Israelkischer Politiker zugegeben das Israel Palästina am Rande des Abgrunds hält... bei der BBC hat ein Kampfpilot im Exil gesagt er halte seine Regierung für eine rassitische rechtsradikale Verbrecherbande.... ja und wenn die Kritik an Israel nicht von Zeitungen wie der Teit... oder anderen europäischen etablierten anerkannten Mainstreamzeitungen kommt.... kommt sie natürlich vor allem auch aus der rechten Ecke....

Das heisst die Kritiklosigkeit mit der Europa die menschenverachtende Politik Israels hinnimmt ja sogar unterstützt.... dürfte an diesem aufkeimdenen Antisemitismuss mitschuld haben...

Die Zeit... scheint sich ja was Kritik was das Regime in Israel betrifft auch sehr zurückzuhalten und sich selber einen Mailkorb zu verpassen...

Ich hoffe das dieser Kommentar erscheint... und nein ich bin kein Feind der Juden... eher jemand mit einer humanistischen Einstellung der sich zweio Seiten der MEdallie ansieht bevor er urteilt

->Zeitkritiker001

für jemanden, der sich angeblich die "zweio Seiten der MEdallie" anzusehen pflegt, liefern Sie hier aber ziemlich einseitige tiraden ab. und bei jmd., der es für legitim hält, "palästina mit dem warschauer ghetto" zu vergleichen und den antisemitismus denen in die schuhe zu schieben, auf die der es abgesehen hat, wirkt die selbstbezeichnung "humanistisch" nicht sonderlich glaubwürdig.

Zionismus völlig harmlos?

Das kann nur ein schlechter Scherz sein.

Der Zionismus ist auch ein Kampf um eine Stück Land, von dem Menschen zur Verwirklichung der zionistischen Idee
vertrieben wurden und werden.
Und diesen von den Zionisten vertriebenen Menschen wurden
von der zionistischen Elite NIEMALS die gleichen Rechte
zugestanden wie jüdischen Menschen.
Zionisten sind grundsätzlich dafür, das jüdische Menschen in Israel/Palästina mehr Rechte haben als nichtjüdische
Menschen.
Und das soll harmlos sein?

Der Zionismus ist vielleicht keine offen rassistische
Ideologie, führt in der Praxis aber ständig zu Rassismus
und Diskriminierung.

Arabischer Nationalismus harmloser als Zionismus?

Die Idee des Zionismus ist NICHT genuin rassistisch...

"Und fügt es sich, daß auch Andersgläubige, Andersnationale unter uns wohnen, so werden wir ihnen einen ehrenvollen Schutz und die Rechtsfreiheit gewähren. Wir haben die Toleranz in Europa gelernt."
- Theodor Herzl, "Der Judenstaat"

Das mit der "europäischen Toleranz" klingt nach dem Holocaust und anderen Vorfällen zwar etwas absurd, und mit der Toleranz der israelischen Regierung ist es mittlerweile auch nicht weit her - aber was will man auch von einem Land erwarten, dass umringt von Feinden ist? (Gab es jemals einen anderen Staat auf diesem Planeten, in dessen Gründungsnacht ihm von ganzen sechs anderen Nationen der Krieg erklärt wurde? Das ist schon ein starkes Stück. Dabei ist Palästina nur ein winziger Landstrich in der riesigen arabischen Welt.)

Als Europäer sollte man beim Kritik am Zionismus ganz kleinlaut sein, denn es war der unsägliche Antisemitismus UNSERER Vorfahren, der dieser Ideologie letztendlich den Weg bereitet hat.

Vergleich Warschauer Getto

1.Vergleich bedeutet nicht Gleichsetzung.
Zum Vergleich: wie war die Bevölkerungsentwicklung im Warschauer Ghetto u. wie ist die Bevölkerungsentwicklung in der Westbank u. Gasa?

2. Wie man aus allen diesen Kommentaren sieht gibt es ausreichend Kritik an der Regierung Israels.

3: Vielleicht könnten Sie besser dokumentieren wer die von Ihnen erwähnten Aussagen gemacht hat.

Definitionsproblem "Zionisten"

Wikipedia befragt:
Zionismus (von Zion) bezeichnet eine politische Ideologie und die damit verbundene Bewegung, die auf Errichtung, Rechtfertigung und Bewahrung eines jüdischen Nationalstaats in Palästina abzielen.

-> Das Problem ist hierbei nicht nur die israelische Siedlungspolitik, sondern auch die Unterdückung der Palästinenser.

Dagegen gibt es auch in Amerika wachsende Gegenbewegungen, wie z.B.: http://de.wikipedia.org/w...

Alan Solomont, einer der Gründer von J-Street, ein früherer Bundeskassenwart des Democratic National Committee (DNC) und zur Zeit Fundraiser der Demokratischen Partei hat zur Notwendigkeit von J-Street geäußert:
„Wir haben die Stimmen von Neokonservativen, jüdischen Gemeindesprechern von rechts der Mitte und christlichen Evangelikalen gehört, und die hauptsächlichen Ansichten der US-amerikanischen jüdischen Gemeinschaft sind nicht angehört worden.“

Ich war mir selbst unsicher ob ich den Begriff gebrauchen soll und habe ihn mit Extremistische Juden ergänzt.

Ich spreche mich für eine friedliche 2-Staatenlösung aus, dafür muss Israel seine Politik ändern!
Ohne Vertrauen -> Dialoge ,keine Zukunft..
Angst-> Gewalt, führt in Isolation..

Israel ist der Stärkere und sollte seine Weisheit und Macht endlich klug und für beide Seiten zufriedenstellend einsetzen!! Damit erhält es die Achtung ,Anerekennung und den Frieden nach der sich das jüdische Volk so verfweifelt sehnt. Das Trauma jahrhundertelanger Verfolgung muss endlich geheilt werden.

Ein wichtiger Artikel,

aber ich finde ihn etwas unübersichtlich. Es wird nicht richtig deutlich, worauf die Zahlen im ersten Teil sich beziehen, wohl allein auf die Niederlande.
Dann wird nicht richtig deutlich, ob der dortige Antisemitismus tatsächlich fast ausschließlich islamistisch motiviert ist.

Gibt es auch einen mittleren Antisemitismus?

Liebes Mandarinchen,
können Sie bitte irgendetwas Konkretes (und bitte nicht nur pseudo-intellektuelles Geschwafel) zu Ihren Behauptungen anführen. Soweit ich weiß, gehören auch die arabischen Völker zu den semitischen Volksgruppen, also schließt sich deren Antisemitismus schon mal aus. Wenn überhaupt, könnte man von anti-hebräischen "Mismen" sprechen.

Traurig und nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass Sie auf Ihr nichtsagendes posting auch noch so viele positive Reaktionen erhalten haben. Na ja, die "Generation Doof" lässt grüßen.

Bitte bleiben Sie sachlich

187."Traurig und nachdenklich stimmt mich die Tatsache, dass Sie auf Ihr nichtsagendes posting auch noch so viele positive Reaktionen erhalten haben. Na ja, die "Generation Doof" lässt grüßen."

Bitte bemühen Sie sich mit sachlichen Argumenten zur Diskussion beizutragen,denn nicht jeder der eine andere Meinung vertritt wie Sie,muß zwangsläufig "doof" sein.

Linker Antisemitismus

Aus dem von Ihnen genannten Grund haette die Ueberschrift auch heissen muessen "...Der Judenhass verbindet Rechtsradikale, LINKSRADIKALE und aggressive Muslime...".

Ich habe festgestellt, dass gerade an Mittel- und Nordeuropaeischen Hochschulen, und in den dazugehoerigen linksliberalen Akademikerkreisen ein als Antizionismus (als waere der besser) verbraemter Antisemitismus verbreitet ist.
Dabei haelt man sich in Deutschland mit oeffentlichen Aeusserungen noch einigermassen zurueck, da die Schamgrenze noch staerker ist als etwa in Skandinavien oder der Schweiz.

Was soll das?

Die Aussage, Araber koennten ja keine Antisemiten sein, da sie selber welche waeren ist nun wirklich keine intellektuelle Glanzleistung.
Wir wissen doch alle was mit Antisemitismus gemeint ist. Worte haben manchmal die Eigenschaft im Gebrauch ueber die Jahre einem Bedeutungswandel zu durchlaufen, oder je nach Kontext unterschiedliche Bedeutungen zu haben.

Menschen mit abweichenden Meinungen pauschal als "Generation doof" zu verunglimpfen zeugt auch nicht unbedingt von intellektueller Redlichkeit.