Film "Hereafter" Wo ist der Gastgeber?
Clint Eastwoods neuer Film "Hereafter" späht hinüber ins Jenseits.
Die Toten sind unsere Avantgarde, sie sind den Lebenden an schierer Zahl, aber auch an Erfahrung und Klugheit überlegen. Sie haben einfach die besseren Leute dort drüben.
Dies ist eine Lehre, die man aus Clint Eastwoods neuem Film zieht. Hereafter (Jenseits) handelt vom Kontakt zwischen Lebenden und Toten. Während die Lebenden trauern, Mangel leiden und frieren wie die Kinder, sind die Toten offenbar gut aufgehoben, sie schwärmen vom Zustand der Schwerelosigkeit, sie schicken ihr irres Lachen ins Diesseits und faszinieren durch ihren schrägen Humor.
Matt Damon ist der Mann, der uns das sagt. Er spielt den Gabelstaplerfahrer George, der die Gabe hat, zwischen Lebenden und Toten eine wenn auch einseitige Kommunikation zu bewerkstelligen: Kaum berührt George die Fingerspitzen eines Trauernden, gerät er in Kontakt mit dem Verstorbenen, um den der Trauernde weint. Damon ist der stille Sprecher der Toten, der selbst wenig sagt, weil er zu viel erfahren hat – ein Mann, der mit einem Bein im Jenseits steht und seine Gabe verflucht, denn sie zerstört seine Liebesbeziehungen: Immer dann, wenn er eine Frau berührt, kommen die Toten dazwischen.
George ist die Zentralfigur dieses Films, in dem noch zwei andere Geschichten erzählt werden: die der französischen Journalistin Marie, welche im Tsunami 2004 (von Eastwoods Trickexperten mit atemberaubender Wucht nachgestellt) eine Nahtoderfahrung macht, und die des 12-jährigen Londoner Schuljungen Marcus, der durch einen Unfall seinen Zwillingsbruder verliert. Ihre Wege kreuzen sich erst am Ende, der ganze Film handelt davon, wie George, Marie und Marcus aufeinander zufahren. Sie brauchen einander, jeder dient den anderen als Brücke, Türöffner, Zwischenhändler. Man sieht in Hereafter die ganze Schönheit der Welt, Schauplätze sind Haiti, San Francisco, Paris und London, man sieht aber immer auch wieder für Sekunden das Jenseits (wenn Marie im Tsunami untergeht und wenn George mit Verstorbenen Kontakt aufnimmt).
- Die Kinowoche auf ZEIT ONLINE
-
Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts dieser Woche
I want to run(Deutschland; Regie: Achim Michael Hasenberg)
Moonrise Kingdom(USA; Regie: Wes Anderson)
Men In Black 3 (USA; Regie: Barry Sonnenfeld)
Täglich neue Berichte aus CannesWeitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten
- Vergangene Filmwoche
-
Rezensionen und Interviews zu den Filmstarts vergangener Woche:
Die Kunst zu lieben (Frankreich, Regie: Emmanuel Mouret)
Our Idiot Brother (USA; Regie: Jesse Peretz)
The Dictator (USA; Regie: Larry Charles)Weitere Interviews und Besprechungen auf unseren Film- und DVD-Seiten
- Ihre Rezension
Haben Sie diesen Film bereits gesehen? Wie hat er Ihnen gefallen? Oder hat Sie in letzter Zeit ein anderer Film besonders beeindruckt oder enttäuscht? ZEIT ONLINE freut sich auf Ihre Filmrezension. Auf dieser Seite können Sie Ihren Text verfassen. In unseren Leserartikel-FAQ erfahren Sie, wie Sie dabei vorgehen sollten.
Am Ende erweist sich Hereafter als Liebesfilm mit festlich leuchtenden Todesrändern: Bei Marie findet George endlich Frieden, sie ist die Frau, die ihn liebt, da sie selbst ins Jenseits geblickt hat und seiner nicht als Medium, sondern als Mann bedarf. Wahrhaft lieben, sagt Clint Eastwood, können sich nur jene Erwachsenen, die die letzte Wahrheit wissen.
Hereafter ist einer der schwächeren Filme dieses Regisseurs, aber in ihm verbirgt sich eine starke, kulturkonservative Botschaft: Denn die drei irrenden Hauptfiguren, die überall, auch im Internet, vergeblich Frieden gesucht haben, sie finden ihn (und einander) am Ende ausgerechnet auf einer Buchmesse, inmitten der guten alten Holzwelt.
Die Furcht vor dem Jenseits kann Hereafter leider nicht mindern; das Totenreich erscheint bei Eastwood als der Hollywood-übliche, unscharf gefilmte Aftershow-Bereich der Welt; als Stehempfang von Schattenwesen, die geduldig auf neue Tote warten. Und kein Gastgeber lässt sich blicken.
- Datum 28.01.2011 - 08:50 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 27.1.2011 Nr. 05
- Kommentare 6
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:










Es gibt ja nur wenige Filme des amerikanischen Mainstreams, die sich übwerhaupt mit dem Tod beschäftigen und überall das gleiche nette ( langweilige ) Muster. Insofern darf man auch hier wohl nichts neues erwarten.
So brutal es für jeden Menschen ist, scheint mir ein Tod ohne eine weitere Existenz doch der einzig wünschenswerte Zustand zu sein, denn wenn ich mir vorstelle, ich treffe die ganzen Spinner, die mich hier jeden Tag umgeben auch noch im Jenseit wieder und dann für ewig ... Ne, dann doch lieber ewiges Vergessen
Bitte achten Sie auf einen angemessenen Diskussionston. Danke. Die Redaktion/er
Abgesehen von unbegründeten Behauptung, dieser Film wäre einer der "schwächeren" Eastwoods und der Verwendung des - beim deutschen Feuilleton so beliebten, nichtsdestotrotz selten dämlichen - Satzbausteins "Hollywood-üblich".
"... einer der schwächeren Filme ..." Ja, wenn man die Umsatzrationalität zum Qualtätskriterium macht, dann wird das wohl so sein. Wird sich wahrscheinlich weniger gut verkaufen.
Einen Kommentar über die Qualität des Filmes kann ich nicht abgeben, da ich ihn noch nicht gesehen habe.Aber ich finde es in unserer Zeit, wo viele Menschen meinen mit dem Tod sei alles aus , sehr wichtig, aufzuzeigen,dass das nicht der Fall ist. Heute sind wir glücklicherweise in der Lage bereits sehr konkrete Vorstellungen vom Leben nach dem Tod, dem Gericht und der Wiederverkörperung auf der Erde zu haben. (s. hierzu viele Beiträge auf http//:geheimnisdesmenschen.blogspot.com/
Weil der link nicht funktionierte: http://geheimnisdesmensch...
...wir wollen uns mit der Thematik Sterben und Tod nicht beschäftigen - warum? Liegt es an unserer aktuellen gesellschaftlichen Haltung, jung, sportlich, gesund? Woher kommt diese Angst vor dem Sterben, vor dem eigenen Tod? Persönlich freue ich mich immer wieder, wenn dieses Thema behandelt wird (siehe auch http://www.adeo-online.de/) Auch wenn der Film made in Hollywood ist, so schiebt er doch eine Diskussion, um die älteste aller Fragen an - was passiert nach meinem Tod?
Wir tragen alle unseren eigenen Tod mit uns und das von Geburt an. Unsere Gesellschaft würde einen großen Schritt in Richtung Menschlichkeit machen, wenn sie sich ihrer eigenen Sterblichkeit bewusster werden würde. Das Thema gehört anständig diskutiert und enttabuisiert.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren