Hinterm Horizont geht’s hier immer weiter. Aber eine Verheißung ist das nicht. Denn dort hinten, auf der anderen Seite, hinter Mauern, Schiffsrümpfen oder Meeresstreifen, wo oft schweres Gewitterleuchten aufflammt, ein gespenstisches Licht, dort ist Weltendämmerung. Das Zeitalter der Angst ist angebrochen, über Nacht.

In seinen eindringlichsten Momenten ist das Werk des Malers Franz Radziwill (1895 bis 1983) voller Bedrängnis und ohne Hoffnung. Meist malt er die ostfriesische Landschaft, die ja eigentlich nicht nur recht unspektakulär ist, sondern auch ganz unpathetisch. Wenn nicht dieser weite, über dem flachen Land drohende Himmel wäre. In den Gemälden von Radziwill nimmt der Himmel enormen Raum ein, oft ist er schwarz, voller Vorahnungen drohenden Unheils. Die Gemälde Monikendamm und Siel bei Petershörn zum Beispiel, beide im Jahr 1929 entstanden, in der wohl besten Schaffensphase Radziwills, leben ganz von dieser existenziellen, dunklen Schwingung. Diese beiden Meisterwerke eines ahnungsvollen Magischen Realismus, entstanden in der Dämmerung von Faschismus und Blitzkrieg, zählen zu den wirklich atemberaubenden Höhepunkten im Gesamtschaffen des zutiefst seltsamen, ja zwiespältigen Malers Franz Radziwill. In ihnen kulminiert auch die große, sehr sehenswerte Schau der Kunsthalle Emden, die den Auftakt eines Radziwill-Ausstellungsreigens in diesem Frühjahr bildet.

Über hundert Werke des lange Vergessenen und immer noch nicht recht Erschlossenen sind hier versammelt, Gemälde und Arbeiten auf Papier. Sie stammen größtenteils aus dem hauseigenen Bestand, der gerade erst durch ein kapitales, 79 Arbeiten – und zahlreiche Hauptwerke – umfassendes Konvolut aus dem Nachlass des langjährigen Oldenburger Radziwill-Sammlers Claus Hüppe maßgeblich erweitert wurde. Der Bogen spannt sich von den recht grotesken, allenfalls als Dokumente interessanten – aber hier gleichwohl ein weiteres Mal als »Entdeckung« gefeierten – expressionistischen Fingerübungen des Frühwerks bis zu den erschreckend eklektizistischen Gemälden der Nachkriegszeit, in denen der Maler zugleich sich selbst, Hieronymus Bosch und Salvador Dalí zu zitieren scheint und fatalerweise in einer ebenso formal pompösen wie inhaltlich banalen Symbolik versinkt.

Vom Spätwerk ist hier zwar fast nichts zu sehen, obwohl das vielleicht wirklich einen zweiten Blick lohnen würde. Dafür jedoch sind zahlreiche eminente Werke aus jener Zeit ab den mittleren zwanziger Jahren versammelt, als Radziwill zum eben sich formierenden Kreis der neusachlichen Maler in Deutschland gehört und später dann mit jenen rätselhaften, unheilschwangeren Bildern einer minutiös beschriebenen, aber gespenstisch beleuchteten, abgründig anmutenden Alltagswirklichkeit wie eben Monikendamm mehr als jeder andere – außer vielleicht Anton Räderscheidt – Anlass und Beispiel gibt für den Begriff des Magischen Realismus. Seine Szenen von unterschwelliger Angst und Bedrohung sind in der deutschen Kunst dieser Zeit weitgehend einzigartig.

In jenen künstlerisch ergiebigsten Jahren verbindet Radziwill eine virtuos eingeübte altmeisterliche Lasurtechnik mit spitzpinseliger Sachlichkeit. Die »eigenwillige Dingschärfe« (Franz Roh) der Holbein-Zeit vereint er mit dem romantischen Schauer angesichts der unergründlichen Unendlichkeit, den wir an Caspar David Friedrich so sehr lieben. Die harten, kalten, wie mit dem Seziermesser geschnittenen Linien eines David oder Ingres kombiniert Radziwill mit der ingeniösen, den Raum erst konstruierenden wie ihn zugleich ins Spirituelle weitenden Lichtbehandlung eines Jan Vermeer. Die lakonische, unsentimental-brutale Zeitzeugenschaft der Neuen Sachlichkeit kreuzt er mit jener mysteriösen Doppelbödigkeit, wie wir sie aus den zwanziger Jahren von Giorgio de Chirico kennen.

In den epochalen Stillleben, den Stadt- und Landschaftsbildern dieser Jahre, die oft von einem Gewitterhimmel überwölbt und von kolossalen technischen Novitäten beherrscht werden – immer wieder sind es gewaltige Kriegsschiffe und vor allem Flugzeuge, die einen veritablen Salto mortale am Himmel vollfüh- ren –, scheint Franz Radziwill die Zeitstimmung in der ausgehöhlten Spätphase der Weimarer Republik seherisch auszudrücken: Gefühle von Angst und Ungewissheit, Entfremdung und Bedrohung vor dem Hintergrund des aufziehenden Nationalsozialismus, eine Ahnung des künftigen Weltenbrands sogar.