Ein Highlight der Messe: Eines der seltensten Pazifik-Werke Du Petit-Thouars (89.000 €) © Antiquariatsmesse Stuttgart

In den Räumen des Württembergischen Kunstvereins am Stuttgarter Schlossplatz, wird man die Veränderung nicht merken. Wenn dort am morgigen Freitag die 50. Antiquariatsmesse beginnt, ist wieder Ausnahmezustand für Händler und für Sammler, und angeboten wird, was die Regale hergeben. 1962, damals noch im Siegle-Haus und mit 21 Ausstellern, gestartet, hat sich die dreitägige Veranstaltung über ein halbes Jahrhundert hin längst international als eine der wichtigsten Antiquariatsmessen etabliert.

Entsprechend opulent ist im Jubiläumsjahr das Angebot der inzwischen 80 Teilnehmer. Teuerstes angebotenes Stück ist ein um 1470 in Flandern oder Nordfrankreich entstandenes, mit 51 großen Miniaturen ausgestattetes Manuskript der Bible historiale auf 328 Blättern. Einen Preis von 1.450.000 Euro hat Heribert Tenschert aus Ramsen in der Schweiz dafür in den Vorabkatalog drucken lassen. Die Daphnis und Chloë-Ausgabe mit den Originallithografien von Marc Chagall ist bei Schmidt & Günther, Kelkheim, für 240.000 Euro zu haben. Ein Konvolut von 75 Briefen und Postkarten, die Albert Einstein zwischen 1909 und 1951 an seine Frau Mileva Marić schrieb, kostet bei Kotte Autographs aus Roßhaupten 250.000 Euro. Für einen einzelnen Brief von Karl Marx aus dem Jahr 1878 müssen Sammler bei Stargardt immerhin 18.000 Euro bezahlen. Deutlich preiswerter ist die vielfach reproduzierte Tuschezeichnung, die sein Schulfreund Friedrich Feigl von Franz Kafka bei einer Lesung anfertigte. Bislang galt das kleine Blatt als einzige künstlerische Darstellung des Dichters zu Lebzeiten. Das Amsterdamer Antiquariat Die Schmiede, das die Zeichnung für 5500 Euro anbietet, erläutert nun allerdings, sie sei erst 1946 aus dem Gedächtnis Feigls entstanden.

Und trotzdem hat sich etwas verändert in der Welt der alten Bücher. »Das merken wir nicht bei den ganz teuren Titeln und jenen Anbietern, die sich darauf spezialisiert haben«, sagt Norbert Munsch, Leiter der Geschäftsstelle des Verbands Deutscher Antiquare. In den darunter liegenden Marktsegmenten aber habe sich der Einfluss des Internets deutlich bemerkbar gemacht. Von Fluch und Segen spricht Munsch: »Natürlich ist auf der einen Seite eine enorme Markttransparenz entstanden. Wer nach einem bestimmten Titel sucht, muss nicht mehr warten, bis der entsprechende Antiquariatskatalog ins Haus kommt, oder sich mühsam durch die Republik telefonieren.« Nationale Datenbanken wie das Zentrale Verzeichnis Antiquarischer Bücher und Metasuchmaschinen wie eurobuch.com zeigen nicht nur in Sekundenschnelle an, welches Antiquariat welche Erstausgaben von Lasker-Schüler und Rilke, welche Handschriften von Goethe und Canetti anbieten kann. Möglich ist auch der direkte Vergleich der Preise – die bisweilen tatsächlich erheblich voneinander abweichen.

Gleichzeitig allerdings, so Norbert Munsch, gebe es im mittleren und unteren Preissegment kaum mehr einen Markt. Was früher das Brot-und-Butter-Geschäft der Branche war – belletristische Titel für wenige Euro zum Beispiel –, ziehe heute kaum noch jemanden in die Läden: »Inzwischen besteht ja, beispielsweise durch Anbieter wie eBay, auch für jeden Nichtantiquar die Möglichkeit, Bücher zu verkaufen, ohne dafür hohe innerstädtische Mieten für Ladengeschäfte bezahlen zu müssen.« Schon aus diesem Grund stellt der Verband seit einigen Jahren eine steigende Zahl von Ladenschließungen fest.

Gefährdet allerdings, sagt Munsch, sei die Branche auf keinen Fall: »Das Surfen in der Internetplattform ersetzt nicht das Stöbern im Antiquariat. Dort sieht man unmittelbar, wie ein Buch aussieht, wie es illustriert ist, welchen Erhaltungszustand es hat. Man sieht die Bücher, man fühlt sie, man riecht sie.« Und außerdem gibt es nach wie vor auch noch jene Antiquariate, deren regelmäßig verschickte Themenkataloge selbst Sammlerobjekte sind. Im Herbst erst hat das Rote Antiquariat aus Berlin einen erstklassigen, 274 Nummern umfassenden Katalog zu Kunst und Literatur der Avantgarde in Kaiserreich und Weimarer Republik vorgelegt – das Berliner Antiquariat findet man übrigens dieses Wochenende auf der parallel in Ludwigsburg stattfindenden Messe Antiquaria (27. bis 29. Januar).

Die ausführlichen Kataloge des Antiquariats Jürgen Lässig, ebenfalls Berlin, zu DDR-Untergrund und zu Bucheinband und Buchumschlag sind sorgfältig erarbeitete Bibliografien, jene von Knut Ahnert sind sogar mit eigens gedruckte Grafiken versehen. Diese und viele andere Antiquariate setzen eine Tradition fort, von der auch ein Buch erzählt, das in Stuttgart vorgestellt wird: Der Mainzer Buchwissenschaftler Ernst Fischer erinnert darin an Hunderte von Buchhändlern aus Deutschland und Österreich, die nach 1933 ins Exil gezwungen wurden. In der Ankündigung des Verbands Deutscher Antiquare heißt es dazu zukunftsweisend: »Was wäre die Literatur ohne die findigen Verleger, die bewanderten, zur Unterscheidung befähigten Buchhändler und die kenntnisreichen, über den Tag hinausdenkenden Antiquare?«